Navigationssatellit
Industrie steuert Galileo

Das deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR), die Deutsche Telekom und Telespazio aus Italien übernehmen die Kontrolle für das geplante Satellitennavigationssystem Galileo. Der Vertrag, der heute unterschrieben wird, ist die Voraussetzung für den Neustart des Projektes.
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MÜNCHEN. Ein wesentlicher Auftrag für das geplante Satellitennavigationssystem Galileo geht nach Deutschland: Heute unterschreibt das Gemeinschaftsunternehmen Spaceopal in Brüssel den Auftrag für den Betrieb des geplanten Systems. Spaceopal gehört einer Tochter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der italienischen Firma Telespazio. Unterstützt wird das Joint Venture von der Deutschen Telekom. „Die Verträge sollen am Montagabend mit ESA und EU unterschrieben werden“, bestätigte ein DLR-Sprecher dem Handelsblatt. Offiziell soll EU-Industriekommissar Antonio Tajani den Deal am Dienstag verkünden.

Der Vertrag über die beiden Kontrollzentren in Rom und Oberpaffenhofen bei München ist eine Voraussetzung für den Neustart des Milliardenprojekts. Zweieinhalb Jahre hat die Industrie mit der Europäischen Weltraumbehörde ESA verhandelt, die Galileo im Auftrag der EU neu ausgeschrieben hat. Die ESA will im zweiten Quartal 2011 mit dem Start der 30 Positionssatelliten beginnen, 2014 sollen die ersten Galileo-Dienste zur Verfügung stehen und 2016 soll das System komplett sein. Galileo ermöglicht dann, neben dem amerikanischen GPS-System, eine globale, metergenaue Positionsbestimmung. Galileo soll präziser und zuverlässiger als GPS arbeiten, die Verfügbarkeit des Signals sogar garantiert werden. Anders als GPS ist Galileo ein System unter ziviler Kontrolle.

Ein Milliardengeschäft winkt

Die Kontrollzentren in Deutschland und Italien sollen die Satelliten und deren Atomuhren steuern. Für den Betrieb der Satelliten erhält Spaceopal bis 2016 194 Mio. Euro von der ESA. Für die beteiligten Firmen ist das nur ein Türöffner. Wer einmal die Bodeninfrastruktur und die Kontrollzentren betreibt, bleibt für den Galileo-Betrieb unentbehrlich, heißt es im Kreise der Unternehmen. Unter dem Strich winkt ein Milliardengeschäft für die nächsten Jahrzehnte. Das Geld kommt vom europäischen Steuerzahler.

Der Traum vom kommerziellen Galileo-Betrieb ist ohnehin längst geplatzt. Zwar warten Handybetreiber, Chiphersteller, Bahnbetreiber und Logistikunternehmen seit Jahren auf den Start von Galileo. Zahlen wird aber kaum ein Anbieter für das System, solange das von US-Militärs kontrollierte GPS-Signal weiter unverschlüsselt verbreitet wird. 2007 scheiterte daher auch ein europäisches Industriekonsortium mit dem Versuch, Galileo in Eigenregie aufzubauen.

Die Höhe der Kosten ist offen

Die EU sieht Galileo als strategisches Projekt und hat den Aufbau in die Hand genommen. 2008 schrieb die ESA ein halbes Dutzend „Arbeitspakete“ aus, die sie in der europäischen Industrie verteilt hat. Ausgewählt wurde teils nach Wettbewerbsprinzip, teils nach dem ESA üblichen Länderproporz. So wird ein Teil der Satelliten mit günstigen russischen Sojus-Raketen gestartet, ein Teil mit den teureren Ariane-Trägern. Die Bodeninfrastruktur liefert die französische Firma Thales, die Satelliten der Bremer Technologiekonzern OHB. Die Kontrolle teilen sich nun Deutsche und Italiener.

Wie teuer Galileo für den Steuerzahler wird, ist offen. Anfang Oktober räumte die Bundesregierung ein, dass die Kosten weit höher sein dürften als geplant. Statt der bislang kalkulierten 3,4 Mrd. Euro sind jetzt über fünf Mrd. für den Aufbau fällig. Hinzu kommen pro Jahr 750 Mio. Euro für Betrieb und Wartung, denen laut Bericht kaum Einnahmen gegenüberstehen. Der EU-kritische Think Tank „Open Europe“ in Brüssel schätzt die Kosten für Aufbau und Betrieb auf 22 Mrd. Euro für die kommenden 20 Jahre. Deutschland ist mit gut zwanzig Prozent Budgetanteil der größte Finanzier.

Navigationssysteme

GPS Das US-amerikanische Global Positioning System (GPS) wird vom Pentagon finanziert und kontrolliert. Neben dem Einsatz für militärische Zwecke hat sich GPS auch weltweit zum Standardsignal für die Navigation im Straßenverkehr entwickelt.

Galileo Mit dem Galileo wollen die Europäer ein Konkurrenzprodukt zum GPS-System aufbauen, von dem sie unabhängig sein wollen. Galileo soll präsizer sein und ziviler Kontrolle unterliegen.

Glonass Russland versucht derzeit, sein Navi-System Glonass zu erneuern und zu erweitern.

Compass Auch einige asiatische Länder wollen ein eigenes System. Unter anderem baut China ein Programm unter dem Namen Compass auf.

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