12. November 2006
Am Sonntagabend trifft sich das Aufsichtsratspräsidium, bestehend aus Zumwinkel, Staatsekretär Thomas Mirow und zwei Arbeitnehmervertretern, im Bonner Posttower. Bei Mineralwasser und belegten Brötchen haben die vier Herren Rickes Zukunft besiegelt. Er muss gehen. Um 22 Uhr melden die Nachrichtenagenturen: Ricke tritt zurück.
13. November 2006
Der Himmel über Bonn weint, es regnet seit Stunden. Ausgerechnet zur Mittagszeit hat der Konzern in seine Zentrale geladen, um den Wechsel im Führungsgremium zu verkünden. Das Foyer ist frei geräumt, der Empfangstresen zur Seite geräumt.
Irgendwie passend zu den Ereignissen des Tages lockt der Telekom-Küchenchef mit „Traditionen aus den Regionen“. Heute: Rinderleber „Berliner Art“ mit Äpfeln, Zwiebeln und Kartoffelpüree für 3,55 Euro.
Saures aus Berlin – dafür müssen die Angestellten an diesem Tag nicht in die Kantine. Also bleiben viele auf dem Weg dorthin im Foyer stehen, um der inszenierten Vorstandsshow zu lauschen. In kleinen Gruppen rotten sie sich vor den Eingängen des T-Punkts und des Coiffeurs Iseri zusammen, der an diesem düsterblauen Montag auch zur Happy Hour einfach keine Kundschaft findet, selbst der Kampfpreis für den Herrn (Waschen, Schneiden, Föhnen für 13 Euro) zieht nicht. Andere Mitarbeiter beobachten das Treiben von den vier Brücken, die den südlichen und nördlichen Bürotrakt über dem Foyer hoch oben miteinander verbinden.
Sie haben den besten Blick, als die Protagonisten des Tages mit 40-minütiger Verspätung auftauchen. Es habe Differenzen im zuvor tagenden Aufsichtsrat gegeben, heißt es. Die Arbeitnehmerseite habe den durch Oberaufseher Zumwinkel im Handstreich vorbereiteten Machtwechsel nicht einfach so durchwinken wollen.
Jetzt, um kurz nach 13 Uhr, stehen Zumwinkel und Obermann also da. Beide tragen einen blauen Anzug, beide ein hellblaues Hemd, beide eine rote Krawatte. Obermanns Rot leuchtet ein wenig strahlender, aber er ist es ja auch, der die Telekom auf Kurs bringen soll.
Zunächst ergreift Zumwinkel das Wort, blickt kurz, um nicht zu sagen ganz kurz, zurück: „Der Aufsichtsrat hat der Niederlegung von Herrn Ricke zugestimmt“, stolpert Zumwinkel vor sich hin. Der Dank gelte Herrn Ricke für seine geleistete Arbeit „beim Schuldenabbau und der Konsolidierung“.
Das ist es auch schon. Mehr Worte hat Zumwinkel für Ricke nicht übrig, Fragen beantwortet er keine. Für Obermann gehe es jetzt darum, den Börsenkurs und die Marktkapitalisierung zu steigern, führt Zumwinkel fort. „Er wird diese Aufgabe meistern.“
Der derart Hochgelobte bedankt sich artig beim Aufsichtsrat für das Vertrauen und schwört die Mitarbeiter auf zwei Ziele ein: den Service zu steigern bei gleichzeitiger Senkung der Kosten. Er liest den Text von einem Zettel ab, manchmal folgen seine Finger den Zeilen.
Nach knapp fünf Minuten schließt Obermann, er hat noch eine stramme Agenda an diesem Tag: um 13.45 Uhr eine Telefonkonferenz mit den 100 Top-Managern des Konzerns und um 14.30 Uhr schon wieder hier im Foyer das Treffen zur offiziellen Mitarbeiterversammlung. Da lobt er ausführlich Rickes Leistungen, mahnt weitere Sparrunden an und erinnert an das bevorstehende, für die Telekom so wichtige Weihnachtsgeschäft.
Wie für Obermanns ersten Auftritt als Chef vor den Angestellten geschaffen, baumelt da von der gläsernen Decke hoch über ihm noch immer ein Werbeplakat der Telekom. Darauf steht: „Hallo Zukunft“.
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