Neue Geschäftsfelder
Inder verstärken Expansion

Indiens führender IT-Dienstleister Tata Consultancy Systems (TCS) sieht sich bei der Expansion nach Europa auf gutem Weg. Indische Unternehmen würden immer größere Deals mit anspruchsvolleren Angeboten in Europa abschließen, sagt S. Ramadorai, CEO des größten IT-Dienstleisters in Indien: „Auch Kontinentaleuropa hat sich für Offshoring nach Indien geöffnet.“

NEU DELHI. Um bei Kosten und Innovationstempo konkurrenzfähig zu bleiben, sähen sich immer mehr Firmen gezwungen, Unternehmen in Niedriglohnländern zu engagieren. Besonders zufrieden ist Ramadorai mit Deutschland, wo das Geschäft mit 30 Prozent wächst. „Das ist viel für einen Markt, der lange statisch war,“ sagt der TCS-Chef, der in Deutschland das größte Wachstumspotential in Europa sieht. Getrieben wird das deutsche TCS-Geschäft durch Aufträge von Banken und Versicherungen und von der Produktentwicklung für Auto- und Luftfahrtkonzerne.

Nach der Softwareentwicklung ergreift die Offshoring-Welle nun auch klassische Ingenieurdienstleistungen im produzierenden Gewerbe. Zwar erwirtschaftet TCS in diesem Bereich erst 110 Mill. von 2,24 Mrd. Dollar Gesamtumsatz im Vorjahr. Aber Ramadorai sieht in der Hardware-Entwicklung von Autoteilen, Mikroelektronik und Halbleitern das nächste große Wachstumsfeld. Konkurrent Wipro erzielt damit bereits ein Drittel seines Umsatzes.

Bisher bilden Entwicklung und Anpassung von Anwendungssoftware sowie die Wartung von IT-Systemen das Hauptgeschäft indischer IT-Firmen. Aber Infosys, TCS, Wipro und Satyam drängen in komplexere und lukrativere Geschäftsfelder. „Silicon Valley hat kein Exklusivrecht auf Innovation mehr,“ sagt Ramadorai, „Indien wird bald viel mehr patentierte Software liefern.“ Erste selbst entwickelte Unternehmenssoftware auf Microsoft-Basis hat TCS bereits auf dem Markt. An Produkten, die auf Oracle- und SAP-Plattformen aufbauen, arbeitet der Konzern. Der Fokus liegt auf Software für Banken und Versicherungen. Darauf ist auch eine neue Tochter in Australien spezialisiert, die TCS vor kurzem gekauft hat.

In anderen Bereichen stärkt sich der Konzern ebenfalls durch Zukäufe. Die Übernahme von Comicron in Chile im November für 23 Mill. Dollar verbessert den Zugang zum spanisch-sprachigen Markt für Outsourcing von Bürodiensten in der Finanzbranche. Der größte Coup gelang TCS im Oktober mit der Übernahme fast aller Backoffice-Funktionen des britischen Fondshauses Pearl Group. Den Deal im Wert von 836 Mill. Dollar gewannen die Inder in direkter Konkurrenz zu GE Capital. Ramadorai sieht dies als strategischen Durchbruch und prophezeit einen neuen Trend: „Bald werden sehr viel mehr Europäer für indische IT-Konzerne arbeiten, weil ihre Bereiche an diese ausgelagert werden.“ Bevor in Deutschland Groß-Deals wie mit Pearl möglich würden, müsse TCS jedoch seine europäischen Offhore-Zentren in näher gelegenen Ländern wie Ungarn ausbauen.

Obwohl Ramadorai auf organische Expansion setzt bleiben Zukäufe ein zentrales Element. Analysten halten Zukäufe im Ausland und eine Verbreiterung der Angebotspalette für unverzichtbar, wenn TCS wie geplant in fünf Jahren unter die zehn größten IT-Dienstleister der Welt aufsteigen will. Schließlich kommt Marktführer IBM auf 96 Mrd. Dollar Umsatz, EDS auf 20 Mrd. und Accenture auf 14 Mrd.

Die großen US-Anbieter wachsen jedoch langsamer als ihre indischen Konkurrenten und sind weniger profitabel. Um in den Genuss derselben Kostenvorteile zu kommen, fahren sie ihre Offshore-Zentren in Indien massiv hoch. IBM will die Zahl seiner Mitarbeiter dort dieses Jahr von 20 000 auf 38 000 erhöhen und baut gleichzeitig massiv Arbeitsplätze in Europa ab. 15 Prozent von Accentures 100 000 Angestellten sitzen bereits in Indien. Durch diese Entwicklung konvergieren die Geschäftsmodelle indischer und westlicher IT-Firmen. „Unsere Kosten und die westlicher Anbieter gleichen sich an“, gibt Ramadorai zu. Statt des Preises entscheide immer stärker das Service-Angebot über Aufträge. Daher investieren TCS, Infosys, Wipro und Satyam stark in neue, wissensintensive Bereiche wie Consulting, patentierte Software, industrielle Ingenieurslösungen oder die Analyse von Kreditrisiken für Banken. Die Deutsche Bank sieht indische IT-Anbieter wie TCS für die zunehmend frontale Konkurrenz mit westlichen Konkurrenten gut gerüstet. „Sie steigen die Wertschöpfungsleiter hinauf, ihre Strategien sind vielversprechend, und die Weichen stehen weiter auf Wachstum,“ heißt es in einem aktuellen Report der Bank.

Das Unternehmen

TCS ist Indiens größter IT-Dienstleister vor den Erzrivalen Wipro und Infosys. Im Vorjahr stieg der Umsatz um 36 Prozent auf 2,24 Mrd. Dollar und der Reingewinn um 38 Prozent auf 512 Mill. Dollar. Das Offshoring-Geschäft ist damit hoch profitabel. Die Tochter des Tata-Konzerns steigerte die Zahl ihrer Mitarbeiter seit 2004 um 15 000 auf 46 000. Bis Ende 2006 soll sie auf über 65 000 ansteigen. Um die Abhängigkeit vom US-Markt zu mindern, setzt TCS auf Kunden. in Europa. Bisher stammen erst 23 Prozent des Umsatzes aus Europa, 59 Prozent kommen aus Amerika.

Der Markt

Die Deutsche Bank beziffert den Weltmarkt für Offshoring von IT-Diensten und Geschäftsprozessen in Niedriglohnländer auf 40 Mrd. Dollar – mit stark steigender Tendenz. Davon entfallen 44 Prozent auf Indien, das den Offshoring-Markt dominiert. Seine Exporte von Software und IT-Diensten beliefen sich laut Branchenverband Nasscom 2004 auf 12 Mrd. Dollar und sollen bis 2007 auf 32 Mrd. Dollar anwachsen. Die Ausfuhren von IT-gestützten Bürodiensten (Call-Center oder Bilanzbuchhaltung) sollen dann von derzeit fünf auf 14 Mrd. Dollar steigen.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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