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Wie Airbnb den Rassismus besiegen will

Airbnb will bei seinen Vermietern gegen Diskriminierung jeglicher Art vorgehen und so den Kunden die Angst nehmen, unverhofft ohne Bleibe auf der Straße zu enden. Sonst könnte es Probleme mit dem Börsengang geben.

San FranciscoMit gezückter Kreditkarte und Personalausweis lässt sich an jeder Hotelrezeption leicht ein Zimmer buchen. Genauso einfach geht das online oder über ein Reisebüro. Anders ist es bei der Mitwohn- und Hotelersatzplattform Airbnb. Dort muss sich ein Kunde bewerben, sich von seiner besten Seite präsentieren und dann hoffen, dass er vom Vermieter akzeptiert wird. Das gelingt bei weitem nicht jedem.

Ein mehrfach ergänztes Arbeitspapier von Wissenschaftlern der Harvard-Universität hatte Ende 2015 eine Diskussion über dieses Auswahlprozedere richtig in Fahrt gebracht. Die Untersuchung hatte eine weit verbreitete Diskriminierungspraxis unter Airbnb-Vermietern dokumentiert. Schon ein afro-amerikanisch klingender Name verringerte demnach die Aussichten auf eine erfolgreiche Buchung.

Dazu kam die Praxis, Facebook-Profile und Portrait-Fotos mit einzubinden. Fotos machen schnell eine Person sympathisch oder unsympathisch, ohne dass man auch nur das Geringste über diesen Menschen weiß. Zum Vergleich: In Kalifornien sind zum Beispiel Portraitfotos und Altersangaben bei Bewerbungen um eine Anstellung grundsätzlich verboten. Einladungen zu Vorstellungsgesprächen sollen nur nach Qualifikation vorgenommen werden. Also das komplette Gegenteil der Praxis von Airbnb.

Diese teilweise subtile, manchmal aber auch ganz unverhohlen zur Schau gestellte Diskriminierung nach Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter oder wegen Behinderungen wird für das mit rund 25 Milliarden Dollar bewertete Start-up zu einem immer größeren Problem. Airbnb muss seinen Kapitalgebern beweisen, dass es zu einer weltweit agierenden Übernachtungsalternative zu Hotelketten wie Hilton oder Hyatt werden kann. Sonst wird das nichts mit einem milliardenschweren Börsengang.

Eine Arbeitsgruppe mit prominenten Beratern wie dem früheren US-Generalstaatsanwalt Eric Holder untersuchte die Vorwürfe, aber auch die Arbeitsorganisation innerhalb Airbnb, auf diskriminierende Faktoren. Das Ergebnis: ein 32-seitiges Empfehlungspapier.

Airbnb will in Zukunft nun nachvollziehbare und für jeden verbindliche Regeln aufstellen, die Gäste und Gastgeber akzeptieren müssen. Sonst werden sie von der Plattform entfernt, wie Airbnbs CEO und Mitgründer Brian Chesky am Donnerstag mitteilte. In einer E-Mail an Airbnb-Mitglieder räumte er gleichzeitig offen ein, dass das Start-up zu langsam auf Vorwürfe reagiert hatte.

Was ist jetzt neu: Ab dem 1. November muss jeder Gast und Gastgeber das „Community Commitment“ mit einer verschärften Anti-Diskriminierungspolitik unterzeichnen. Das ist aber kein hundert Seiten langes juristisches Dokument, sondern eher ein Eid gegen Rassismus und Diskriminierung.

Ab 1. Oktober beginnt „Open Doors“. Ein Gast, der sich diskriminiert fühlt, kann sich direkt an Airbnb wenden. Das Unternehmen wird ihm einen anderen Gastgeber suchen oder, falls nicht möglich, eine alternative Unterkunft. Das kann auch ein Hotel in einer vergleichbaren Preisklasse sein.

Die vielleicht einschneidendste Maßnahme ist die Funktion „Instant Book“. Bis Anfang 2017 sollen weltweit eine Million Unterkünfte bereitstehen, die ohne die Bewerbungs- und Akzeptanzphase direkt gebucht werden können. Gastgeber, aber auch Airbnb-Mitarbeiter sollen verstärkt an Anti-Diskriminierungs-Schulungen teilnehmen.

Ob diese Aktionen helfen, wird sich noch zeigen müssen. Das Problem mit den Passfotos hat Airbnb jedenfalls noch nicht angepackt. Beobachter sehen aber gerade hier das größte Diskriminierungspotenzial.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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