Im Schmiergeldskandal bei Siemens gerät die alte Konzernführung immer stärker unter Druck. Mit Chef der Sparte Energieverteilung, Uriel Sharef, rückte am Wochenende ein weiterer ehemaliger Vorstand ins Visier der Ermittler. „Es gibt Verdachtsmomente gegen ihn“, erfuhr das Handelsblatt aus Justizkreisen. Die Staatsanwaltschaft untersuche dubiose Vorgänge in der früheren Konzernsparte Energieverteilung. Zugleich gibt es neue Spekulationen um den ehemaligen Vorstands- und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer.
MÜNCHEN. Bei Siemens sind 1,3 Milliarden Euro in dunklen Kanälen verschwunden und vermutlich größtenteils im Ausland als Schmiergeld eingesetzt worden. Bisher stand vor allem der Kommunikationsbereich Com im Mittelpunkt. Die Münchener Staatsanwälte ermittelten vor allem gegen die früheren Vorstände Thomas Ganswindt (Com) und Heinz-Joachim Neubürger (Finanzen). Mit Sharef steht nun der nächste prominente Manager unter Verdacht.
Oberstaatsanwalt Anton Winkler wollte die Informationen wegen laufender Ermittlungen nicht bestätigen. In Konzernkreisen werden die Erkenntnisse ernst genommen. „So langsam kommen wir weiter“, hieß es bei Siemens.
Ein Konzernsprecher ergänzte, dass der Konzern Ende April einen Zwischenbericht zur Korruptionsaffäre vorlegen werde. Offen ist dabei, ob weitere Führungskräfte belastet werden. Der Konzern hatte die Entlastung von Teilen des Vorstands auf der Hauptversammlung verschoben, weil es Hinweise auf die Verstrickung von Vorständen in die Affäre gab.
In die Affäre verwickelte Vorstände müssen damit rechnen, dass der Konzern Schadensersatzforderungen gegen sie erhebt. „Nach meiner Einschätzung waren frühere Vorstände entweder aktiv initiativ am Korruptionsskandal beteiligt, oder sie haben die Sache übersehen“, hatte Andreas Pohlmann, Chief Compliance Officer bei Siemens, bereits in der vergangenen Woche gesagt (» „Siemens-Manager greift Ex-Vorstände an“).
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Während in der Kommunikationssparte Com fast eine halbe Mrd. Euro in dunkle Kanäle geflossen sind, waren es in der Energieverteilungssparte nach bisherigen Erkenntnissen 80 Mill. Euro. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg besteht der Verdacht, dass PTD-Manager ein von Siemens kontrolliertes Unternehmen gründeten, um Bestechungszahlungen zu verschleiern. Die Gesellschaft soll Scheinrechnungen an Siemens gestellt haben, um Geld für Bestechungszahlungen in Südamerika und Asien zu bekommen. Ersten Erkenntnissen zufolge soll es eine E-Mail an Sharef gegeben haben, in der Zahlungen erwähnt werden. Mehrere Seiten bestätigten am Wochenende den Bericht grundsätzlich. „Es sieht so aus, als ob da etwas dran sein könnte", sagte ein Beteiligter dem Handelsblatt. Sharefs Anwalt Heiko Lesch erklärte gegenüber Bloomberg, sein Mandant wisse nichts von der angeblichen Tarnfirma zur Verschleierung von Bestechungsgeldern.
Auch die Rolle Heinrich von Pierers wird weiter kontrovers diskutiert. Bisher führt die Staatsanwaltschaft keine Ermittlungen gegen ihn und hat keine Hinweise auf eine Verstrickung in die Affäre. Der „Spiegel" berichtete am Wochenende, der ehemalige Leiter der Compliance-Abteilung, Albrecht Schäfer, habe bereits 2004 über den Beschluss eines Mailänder Ermittlungsrichters im Zusammenhang mit den Schmiergeldzahlungen an Enel berichtet. Darin habe der Richter festgestellt, dass die Existenz schwarzer Kassen bei Siemens zeige, dass „die von Siemens praktizierte Aufsicht völlig ineffizient war und das Unternehmen Schmiergeldzahlungen zumindest als mögliche Unternehmensstrategie ansah“. Schäfers Bericht sei auch zur Kenntnis an Pierer gegangen, heißt es in dem Bericht. Der frühere Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsratschef war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. In Justizkreisen wurde betont, dass jedem Hinweis gegen Pierer nachgegangen werde.
Der neue Chief Compliance Officer von Siemens, Andreas Pohlmann, hatte vergangene Woche im Handelsblatt-Interview ein vernichtendes Urteil über die alte Führung geäußert: „Nach meiner Einschätzung waren auch frühere Vorstände entweder aktiv, initiativ am Korruptionsskandal beteiligt oder sie haben die Sache übersehen, dann liegt eine Aufsichtsverletzung auf der Hand." Solmssen sagte nach der Rolle Pierers befragt: „Wir werden die Interessen von Siemens ohne Ansehen der Person wahren." Generell gelte, dass der Siemens-Konzern seine Rechte wahrnehmen werde. „Das kann auch Strafanzeigen oder Zivilklagen einschließen. Eines ist sicher: Wo es Schadenersatzansprüche geben könnte, werden wir sie konsequent verfolgen."
Dem Unternehmen selbst droht die größte Gefahr aus den USA, wo die SEC eine Milliardenstrafe verhängen könnte. Es gebe regelmäßige Treffen mit der Börsenaufsicht, sagte Solmssen.

