Es muss nicht immer Microsoft sein: Das Onlineangebot von Software bietet für andere Hersteller wieder die Chance, sich am amerikanischen Riesen vorbei zu schieben. Die Kalifornier von Adobe fordern Microsoft heraus – das Handelsblatt hat die Anworten auf die fünf wichtigsten Fragen zum Einstieg des Konzerns in die Textverarbeitung.
DÜSSELDORF. Der Markt für Anwendungssoftware steckt in einem dramatischen Wandel. Immer mehr Software wandert ins Internet ab, und es sind nicht immer die alten Marktführer, die in der Onlinezeit die Richtung vorgeben. Nun steigt die kalifornische Softwarefirma Adobe mit der Übernahme des Start-Ups Virtual Ubiquity in die Online-Textverarbeitung als Softwaredienstleistung ein. Neben Google mit seinem Produkt „Docs and Spreadsheets“ ist Adobe damit der zweite namhafte Anbieter, der online in klassischen Microsoft-Gefilden wildern will.
Auch einen Internetdienst namens „Share“ bietet Adobe jetzt, mit dem Anwender ihre Dokumente online miteinander teilen können. Microsoft startet zeitgleich „Office Live“, dass der bekannten Office-Bürosoftware des Konzerns Internet-Fähigkeiten verleiht. Bald sollen zudem Großkunden Dienste wie Outlook E-Mail gegen eine monatliche Gebühr im Internet mieten können, und die Schreibsoftware von Adobe soll kostenlos im Web bereitstehen.
Den Markt für klassische Textverarbeitung im Bürobereich beherrscht Microsoft mit seinem PC-Programm „Word“ und dem Office-Paket einsam; viele der Konkurrenten hatten aufgegeben. Doch die Internetsuchmaschine Google hat Anfang 2006 die Online-Textverarbeitung Writely übernommen und damit die Hatz auf den Marktführer wieder eröffnet.
Infografik: Microsofts Monopol
Adobe zieht jetzt mit. Der Konzern aus dem kalifornischen San Jose, die im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2007 mehr als 850 Mill. Dollar umsetzte, ist den Computernutzern bereits wohl bekannt: durch die Bildbearbeitungssoftware „Photoshop“, das Dokumentenformat „.pdf“ für den Acrobat Reader und den Flash-Player für Internet-Videos. Jetzt kommt Textverarbeitung hinzu: Für das Programm „Buzzword“ haben die Entwickler eine hauseigene Softwareplattform genutzt. Die Software läuft in jedem Web-Browser, später soll eine Offline-Version – ohne Internet-Anbindung – erscheinen.
Textverarbeitungssoftware gibt es wie Sand am Meer. Viele Programme sind kostenlos erhältlich, auch für die Onlinenutzung – etwa Think Free, Ajax Write und Google Docs. Wer braucht denn noch eine?
Es geht hier um einen Plattform-Krieg, nicht um einen Kampf der Textverarbeitungen. Wer stellt in Zukunft den Standard für die Software des Web 3.0? Buzzword hat zwei Zielrichtungen: Zum einen soll das Programm bestehende Adobe-Produkte strategisch unterstützen. Mit dem Dokumenten-Format „.pdf“ hat das Unternehmen einen De-facto-Standard für die Dokumentenverwaltung im Internet entwickelt. Diese Position will Microsoft mit einem eigenen Dokumentenstandard angreifen. Adobe setzt dem mit Buzzword eine Plattform für die Gruppenarbeit im Internet (auch) mit Adobe-Formaten entgegen. Außerdem hat Microsoft unlängst mit „Silverlight“ einen Konkurrenten zu Adobes „Flash“-Technologie („Flash-Player“) herausgebracht. Flash ist – zusammen mit einer „Flex“ genannten Technologie – heute Quasi-Standard für dynamisch erzeugte und interaktive Internetseiten und Internet-Software. Buzzword läuft nun unter der Flash-Technologie und soll sie populärer machen. Immerhin hat Adobe seinerzeit über drei Mrd. Dollar bezahlen müssen, um den Flash-Erfinder Macromedia zu übernehmen. Flash und .pdf gehören zu den größten Umsatzträgern bei Adobe.
Zum zweiten will Adobe Microsoft bei der Gruppenarbeit mit Dokumenten im Internet zuvorkommen. Microsoft hat beim Verkauf klassischer Softwarelizenzen („Windows“, „Office“) viel zu verlieren. Darum bewegt sich der Konzern aus Redmond nur zögerlich ins neue Geschäft mit „Software as a Service“ (kurz: „SaaS“), bei dem alle Programmteile in Datencentern im Internet und nicht auf der Festplatte des Anwenders installiert werden. Auf dem PC oder Laptop läuft nur die Bedienoberfläche, etwa ein einfacherer Web-Browser. Adobe kann hier in die Vollen gehen und hat nichts (an Umsatz) zu verlieren, sondern kann nur gewinnen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum hat Microsoft hier viel zu verlieren?
Warum hat Microsoft hier viel zu verlieren?
Heute wird der Umsatz für jede Windows-, Word- oder Office-Kopie direkt beim Verkauf verbucht. Bei „SaaS“ dagegen wird für jeden Nutzungsmonat eine geringe Gebühr erhoben. Das heißt, es wird nur Geld verdient, wenn der Kunde die Software viele Monate lang eifrig nutzt und zahlt. Vor vergleichbaren Herausforderungen stehen Firmen wie Oracle und SAP, die sich zunehmender Konkurrenz von web-basierten Anbietern wie Salesforce.com und Rightnow.com gegenüber sehen.
Wie will Adobe Geld verdienen, wenn Buzzword kostenfrei ist?
Denkbar wäre die Einblendung von Online-Werbung, wobei unklar ist, ob Kunden das hinnehmen würden. Eine weitere Möglichkeit wäre, die geplante Offline-Version extra zu verkaufen oder eine professionelle Büroversion mit erweitertem Umfang kostenpflichtig zu machen.
Wo ist denn der Unterschied zu MS Word oder zu Google Docs?
Buzzword (bereits als Betaversion online) hat erheblich weniger Funktionen als Microsoft Word, und die gehen nicht so weit in die Tiefe wie bei Word, wo man praktisch jede Kleinigkeit verändern kann. Im Vergleich zu Google Docs kann Buzzword besser mit Grafiken und Bildern umgehen.
Wo sind für den Nutzer die Vor- und Nachteile bei „SaaS“?
Der größte Vorteil besteht in den Kosten. Falls der Service nicht ohnehin kostenfrei ist, fallen nur dann Monatsgebühren an, wenn das Programm genutzt wird. Kommt ein besseres Programm der Konkurrenz auf den Markt, kann einfach umgestellt werden. Außerdem erleichtern zentral verwaltete Dokumente die Arbeit in verteilten Gruppen. Der gravierendste Nachteil ist (noch), dass ohne Internetverbindung gar keine Arbeit möglich ist. Nicht einmal die Dateien stehen offline zur Verfügung. Das haben die Anbieter erkannt und wollen Hybridlösungen anbieten, die beides ermöglichen. Außerdem kann der Anbieter jederzeit den Software-Service einstellen, etwa wenn er unrentabel ist. Dann muss der Kunde einen neuen Anbieter suchen und all seine Dokumente und Projekte transferieren.

