Noah-Konferenz: „Unser Job ist es, zu träumen“

Noah-Konferenz
„Unser Job ist es, zu träumen“

Auf der Internet-Konferenz Noah vermisst Sigmar Gabriel die Dax-Konzerne. Nur wenige sind gekommen, um sich mit dem digitalen Mittelstand auszutauschen. Auf der Noah geht alles schnell – für viele Dax-Riesen zu schnell.
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BerlinDer deutsche Vizekanzler ist in der Internetszene nicht gerade ein Publikumsmagnet. Während Sigmar Gabriel auf der Noah-Konferenz über die wachsende Bedeutung von Start-ups spricht, schlendern immer Zuhörer mit ihren Kaffeebechern in der Hand aus dem Saal heraus. Was Gabriel erzählt, ist nichts Neues für sie.

Viele Teilnehmer hier sind erfolgreiche Unternehmer, manche mögen sich selbst nicht mehr als Start-ups bezeichnen, eher als so etwas wie der digitale Mittelstand. Wichtiger als das, was der Politiker ihnen im Saal erzählt sind die Gespräche, die sie draußen auf der Dachterrasse führen, bei einem Kaffee oder einer Kugel Eis: mit Investoren, mit Konkurrenten oder Freunden.

Einmal aber bekommt Gabriel heftigen Zwischenapplaus: Nämlich als er fragt, wo eigentlich die Dax-Konzerne seien, deren Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung durch die Bank in Frage gestellt werden. Wieso sie nicht bereit seien, mehr in Start-ups zu investieren, als hin und wieder eines einzukaufen. Wieso sie nicht hier seien, um zuzuhören, die Trennung zwischen alter und neuer Wirtschaft aufzuheben und gemeinsam an der nächsten Ökonomie zu arbeiten.

Es gibt Ausnahmen. Daimler, Bayer und Siemens haben Sprecher auf die Konferenz entsendet, genau wie die Commerzbank und die Deutsche Börse. Vom Rest der Dax 30 ist wenig zu sehen. Wieso stehen sie nicht auf der Dachterrasse und essen Eis mit dem digitalen Mittelstand?

Denn die deutsche Start-up-Szene, das ist viel mehr als Zalando und andere bekannte E-Commerce-Unternehmen, die nicht viel mehr tun, als alte Produkte auf einer neuen Plattform zu verkaufen. Auf der Noah treffen sich Menschen, die dabei sind, die Welt von Grund auf zu verändern.

Da ist zum Beispiel Sebastian Diemer. Er ist der Gründer von Kreditech, eine Firma, die Kreditentscheidungen in Sekundenschnelle auf der Basis von Informationen trifft, die Kreditnehmer im Internet von sich preisgeben. Eine Lehre nicht nur für die Banken, deren Kerngeschäft Kreditech angreift. „In Zukunft werden wir noch viel mehr Entscheidungen an Maschinen auslagern“, prophezeit Diemer. Im 20. Jahrhundert seien die Muskeln durch Maschinen ersetzt worden. Im 21. Jahrhundert werde das Gehirn durch Algorithmen ersetzt.

„Wie auf einem anderen Planeten“

In Zukunft werde Erfolg haben, wer Zugang zu möglichst vielen Daten habe – und die Softwarearchitektur, die aus diesen Daten verwertbare Informationen macht, meint Diemer.

Wie Juliane Zielonka. Die Gründerin von „Die Artverwandten“ hat sich lange gefragt, wieso es so schwierig und so teuer ist, Paaren zu helfen, die keine Kinder bekommen können. Viele Menschen wüssten schlicht nicht, welche Krankheiten und andere Umstände für Unfruchtbarkeit verantwortlich seien und was Männer und Frauen präventiv tun könnten, um ihren Kinderwunsch auch ohne aufwändige Behandlungen zu erfüllen. Mit Hilfe einer Datenbank will sie unglücklichen Paaren helfen – und das Gesundheitssystem entlasten.

Wolfgang Wehmeyer hört sich das alles genau an. Er leitet die Abteilung Care Innovation bei Fresenius Medical Care und ist einer der ganz wenigen Vertreter der Dax 30 auf dieser Konferenz. Wehmeyer sagt, er fühle sich auf der Noah „wie auf einem anderen Planeten“. Alles hier geht schnell. Die Vorträge dauern alle nur zehn Minuten, länger dauern auch die Gespräche auf der Dachterrasse selten, bis man einander sein Geschäftsmodell erklärt und Visitenkarten ausgetauscht hat. Weitere zehn Minuten später sind die Gesprächspartner meistens schon bei Linkedin befreundet. Nicht selten entsteht daraus ein paar Monate später ein Projekt.

In Wehmeyers Geschäft umfassen die Produktzyklen 15 Jahre. „Wir bewegen uns in einem stark regulierten Umfeld“, erklärt der Manager. „Wir wissen, dass Wachstum in einem solchen System Grenzen hat – darum setzen wir uns mit neuen Business-Modellen auseinander.“ Dafür zuständig ist die Abteilung Care Innovation: „Unser Job ist es, zu träumen“, sagt Wehmeyer. In einem Konzern aber lasse es sich schlecht träumen, die Inspiration müsse von außerhalb kommen.

In einem Konzern würden die Mitarbeiter lernen, Lösungen für Probleme zu finden, das Geschäft zu optimieren, Fehler zu vermeiden. „Das System will Qualität sichern, Arbeitsplätze erhalten und die Erwartungen von Investoren erfüllen“, sagt Wehmeyer. Alles Wünsche, die sich nicht immer mit der für Innovation nötigen Portion Risiko vertragen. „Das begrenzt das Denken.“

Wonach er suche, das seien neue Möglichkeiten zu denken und diese dann auf den Bereich der Versorgung von chronisch Kranken zu übertragen. Dafür guckt er sich nicht nur Start-ups aus dem Medizinbereich an. Es geht nicht darum, einen neuen Konkurrenzen zu kaufen und in das alte System zu integrieren. Es gehe darum, frische Ideen aufzugreifen, Visionen und dann zu überlegen, wie man sie mit den bestehenden Kompetenzen verbinden könne.

Was ihn auf einer Konferenz wie der Noah fasziniere, sagt Wehmeyer, seien nicht nur die Ideen, die manchmal verrückt Klängen, sondern die Menschen, die den Mut hätten, sie umzusetzen. Menschen, die es in einem Konzern kaum weit bringen würden. Darum sei er hier: „Ich höre mir die Träume an.“

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