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24.06.2008 
Symbian wird „Open Source“

Nokia attackiert Google

von Helmut Steuer und Axel Postinett

Der weltgrößte Handyhersteller Nokia startet zum Angriff auf Google und Apple. Ziel des finnischen Marktführers bei Handys ist es, nun auch die Vorherrschaft im mobilen Internet zu erlangen. Dazu übernimmt der Konzern für 264 Mill. Euro die kompletten Anteile an Symbian, dem britischen Entwickler von Handy-Software und setzt wie Google auf Offenheit.

Das Nokia E71 - Nokia hat den Betriebsystemhersteller Symbian komplett übernommen. Foto: ReutersLupe

Das Nokia E71 - Nokia hat den Betriebsystemhersteller Symbian komplett übernommen. Foto: Reuters

STOCKHOLM/DÜSSELDORF. Die Finnen waren mit rund 48 Prozent zuvor bereits der größte Symbian-Aktionär. "Das ist ein Meilenstein für Nokia", sagte Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo. Mit der Komplettübernahme sichert sich Nokia die Kontrolle über den führenden Anbieter von Betriebssystemen für Smartphones. Zwei von drei dieser internettauglichen Handys laufen heute mit dem Symbian-Betriebssystem. Doch die Zukunft könnte anders aussehen: Apples iPhone und der bevorstehende Markteintritt von Handys mit dem Android-Programm, das der Suchmaschinenanbieter Google forciert, fordern Nokia heraus.

Die Antwort der Finnen ist eine neue Allianz für Smartphones. Ihr gehören die Handykonkurrenten Sony-Ericsson, Motorola und LG, aber auch die Telekomkonzerne Vodafone, AT&T (USA) und NTT Docomo (Japan) sowie die Chiphersteller ST Microsystems und Texas Instruments an. Gemeinsam gründen die Unternehmen die neue Symbian-Stiftung. Sie wird als unabhängige Instanz die gemeinsame Entwicklungsarbeit koordinieren und vorantreiben. Die Stiftung soll ein Betriebssystem anbieten, das im Gegensatz zum bisherigen Symbian-Programm lizenzfrei ist und fremden Entwicklern offensteht ("open source"). "Dies wird die attraktivste Plattform für mobile Innovation", sagte Nokia-Chef Kallasvuo.

Von einem strategischen Schachzug Nokias sprach Telekomanalystin Helena Nordman Knutson vom schwedischen Börsenmakler Öhman Equities. Nikolaus Mohr von Accenture gab allerdings zu bedenken, dass Nokia kaum eine Alternative zu Symbian gehabt habe. "Sie hätten ein völlig neues System entwickeln müssen. Da ist es sinnvoller, den etablierten Marktführer als Quasistandard neu zu etablieren."

Mit einem Weltmarktanteil von knapp 40 Prozent ist Nokia unangefochten der führende Handyhersteller. Doch gibt es zwei offene Flanken: den US-Markt und das Geschäft mit Smartphones. In den USA ist Nokia traditionell kaum vertreten, hier hat Apple mit dem neuen, internettauglichen iPhone, dessen zweite Generation im Juli auf den Markt kommt, weite Teile der Kundschaft erobert.

Weltweit ist Nokia auch im zukunftsträchtigen Segment der Smartphones zuletzt nicht wirklich vorangekommen, der globale Marktanteil sank von 50 auf 45 Prozent. Außerdem macht den Finnen auch der kanadische Hersteller Research In Motion (RIM) zu schaffen, der sich mit seinem Blackberry in einer Nische hat etablieren können.

Mit der Ende 2007 von Google gemachten Ankündigung, zusammen mit Handyherstellern und Telekomkonzernen wie der Deutschen Telekom ein offenes Handybetriebssystem unter dem Namen Android zu entwickeln, ist der Druck auf den finnischen Branchenprimus weiter gestiegen. Google will die neue Generation der Android-Mobiltelefone entgegen ursprünglichen Ankündigungen allerdings erst gegen Ende des Jahres auf den Markt bringen.

Dennoch sind sich die Experten einig, dass wichtige Vorentscheidungen für die Zukunft des Handymarkts jetzt fallen: Es winkt ein Milliardengeschäft mit Inhalten, an dem die Handyhersteller beteiligt sein wollen: mobile Werbung, Musik- und Filmdownloads.

Nokia-Chef Kallasvuo hatte dem Handelsblatt bereits vor einigen Monaten gesagt, er werde den Konzern in ein "Internetunternehmen" umbauen. In kurzer Folge übernahm Nokia seither Spezialisten für Musikdownloads, für digitale Karten und mobile Werbung. Außerdem präsentierte der Konzern mit Ovi ein Internetportal, über das Musik, Spiele und digitale Karten zur Navigation heruntergeladen werden können. Für 8,1 Mrd. Euro will Nokia zudem den US-Konzern Navteq, einen der beiden größten Hersteller digitaler Karten, übernehmen. Und erst gestern hatten die Finnen die Übernahme des Berliner Start-ups Plazes angekündigt, das mit einer Kontaktplattform die Möglichkeit bietet, per Handy oder Internet die Aufenthaltsorte von Nutzern ausfindig zu machen.

Die Symbian-Stiftung kündigte an, in spätestens zwei Jahren die neue, offene Plattform für Internethandys bereitzustellen. Experte Mohr hält das für zu spät. Symbian könne nicht so lange warten, ansonsten bestehe für Nokia die Gefahr, dass sich Apple und Google bis dahin mit ihren Smartphone-Betriebssystemen schon fest etabliert hätten.

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