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Nokia: Das Ende eines Horrorjahres

Nokia kommt voran: Der kriselnde Handyhersteller schreibt wieder schwarze Zahlen. Das Comeback hat der finnische Konzern allerdings noch nicht geschafft – das wichtige Geschäft mit den Smartphones schwächelt weiter.

Optimistische Werbung für Nokia: Der finnische Handyhersteller konnte die Verluste stoppen. Quelle: dpa
Optimistische Werbung für Nokia: Der finnische Handyhersteller konnte die Verluste stoppen. Quelle: dpa

DüsseldorfNokia beendet ein schwaches Jahr halbwegs versöhnlich. Der finnische Handyhersteller ist im vierten Quartal mit einem Gewinn von 202 Millionen Euro in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Der Umsatz schrumpfte allerdings um 22 Prozent auf 8,04 Milliarden Dollar, wie der Hersteller am Donnerstag mitteilte. Für das gesamte Jahr 2012 steht ein Verlust von 3,1 Milliarden Euro in der Bilanz. Um die „strategische Flexibilität“ des Unternehmens zu sichern, strich Nokia den Anlegern die Dividende.

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Grund zur Erleichterung hat der einstige Marktführer aber noch nicht. Denn der Quartalsgewinn gelang vor allem, weil Nokia die Verluste sowohl im Bereich Mobiltelefone als auch beim Netzwerkausrüster Nokia Siemens Networks (NSN) stoppen konnte. Der Absatz der margenträchtigen Smartphones war dagegen weiter mäßig. Nokia setzt von Oktober bis Dezember 4,4 Millionen seiner teuren Lumia-Geräte ab, außerdem weitere 2,2 Millionen der günstigen Symbian-Geräte. Zum Vergleich: Apple verkaufte im selben Zeitraum fast 48 Millionen seiner iPhones. Smartphones verdrängen immer mehr die einfachen Mobiltelefone.

Nokias Baustellen

  • Konzern im Wandel

    Es ist eine Zeitenwende für Nokia: Der finnische Konzern hat sein Kerngeschäft mit Handys an Microsoft verkauft. In den letzten Jahren hatte er an Marktanteilen verloren und rote Zahlen geschrieben. Das neue Nokia ruht auf drei Säulen.

  • Billig-Handys

    Nokia ist immer noch einer der wichtigsten Hersteller günstiger Handys – sie finden vor allem in den Schwellenländern immer noch Käufer. Allerdings machen Hersteller wie Huawei und ZTE dem finnischen Unternehmen das Leben schwer, zudem können sich auch in Indien, China oder auf den Philippinen immer mehr Menschen Smartphones leisten. Auch diese Sparte verkauft der finnische Konzern nun an Microsoft.

  • Netzwerktechnik

    Die wichtigste Säule des Konzerns ist jetzt die Netzwerktechnik. Im Juli 2013 kaufte Nokia den Partner Siemens für 1,7 Milliarden Dollar aus dem Joint Venture heraus, um das Geschäft wieder allein zu betreiben. Angesichts des Smartphone-Booms wirkt der Aufbau von Netzen der Mobilfunk-Anbieter auf den ersten Blick als sicheres Geschäft, doch in der Branche herrscht ein harter Wettbewerb. NSN konkurriert mit Ericsson, Alcatel-Lucent und den chinesischen Rivalen Huawei und ZTE. Der Preiskampf wird weiter anhalten, zumindest muss sich Nokia nicht mehr mit einem Partner über die Strategie streiten.

  • Landkarten

    Das zweite große Nokia-Standbein sind die Kartendienste unter dem Markennamen Here. Hier kauften die Finnen bereits 2007 für gut acht Milliarden Dollar den Karten-Spezialisten Navteq und investierten seitdem massiv in den Aufbau eines vollwertigen Online-Angebots sowie Navigationsdiensten. Allerdings ist das Geschäft teuer und die Konkurrenz groß – gerade Google gibt viel Geld aus. Nokia will seine Kartendienste auf andere Betriebssysteme bringen, die Daten werden bereits in vielen Auto-Navigationssystemen genutzt. Zu einem großen Teil werden die Nokia-Kartendienste in Berlin entwickelt.

  • Patente

    Nokia hält ein umfangreiches Patentportfolio – das Geschäft mit Lizenzen soll künftig die dritte Säule des neu ausgerichteten Konzerns werden.

Besser lief das Geschäft mit der Asha-Serie, von denen Nokia 9,3 Millionen Geräte verkaufte. Diese Modelle – eine Mischung zwischen einfachen Mobiltelefonen und Smartphones – könnten Nokia in den boomenden Märkten von Wachstumsländern wie China oder Indien helfen, sich gegen die günstigen Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android zu behaupten.

Insgesamt setzte Nokia 86,3 Millionen Handys ab, fast ein Viertel weniger als im Vorjahreszeitraum. Der durchschnittliche Verkaufspreis sank auf 45 Euro (Vorjahr: 53 Euro). Bei den Smartphones zog der Durchschnittspreis auf 186 Euro (Vorjahr: 140 Euro) an, weil der Hersteller mehr hochwertige Lumia-Geräte verkaufen konnte.

Der finnische Konzern rechnet damit, dass seine Handysparte im laufenden Quartal wieder Verluste schreibt – am Jahresanfang laufen die Geschäft zumeist etwas schlechter, zudem machen sich der harte Wettbewerb und die schwächelnde Konjunktur bemerkbar. NSN könnte diesen Effekt etwas abfedern.

In seiner Mitteilung kündigte das Unternehmen ganz nebenbei das Ende einer Ära an: Das Nokia 808 PureView, ein Handy mit besonders hochauflösender Kamera, sei das letzte Nokia-Gerät mit dem Betriebssystem Symbian. Die Software war jahrelang die Grundlage von Nokia-Handys.

Nokia war in den vergangenen Jahren massiv unter Druck geraten. Der einstige Weltmarktführer hatte den Anschluss an Apple und Samsung verloren. Firmenchef Stephen Elop entschied daraufhin, dass auf den Nokia-Smartphones das Microsoft-Betriebssystem Windows Phone installiert wird, nicht mehr das firmeneigene Symbian. Die Umstellung nahm allerdings einige Zeit in Anspruch. Angesichts hoher Verluste stuften große Rating-Agenturen das Unternehmen teils auf Ramsch-Niveau herab.

Die größten Handyhersteller

  • Markt im Wandel

    Der Handy-Markt ist im Umbruch: Smartphones verdrängen einfache Mobiltelefone, Samsung gelingt es am besten, sich auf diesen Trend einzustellen. Dagegen kommt kein anderer an – weder Nokia, die einstige Nummer 1, noch Apple mit seinem iPhone.

  • Samsung

    Samsung ist inzwischen mit deutlichem Abstand die Nummer 1: Der südkoreanische Hersteller verkaufte im dritten Quartal 2012 knapp 98 Millionen Geräte, wie der Marktforscher Gartner berichtet. Das entspricht einem Marktanteil von 22,9 Prozent. Auch im lukrativen Smartphone-Markt ist der Konzern gut aufgestellt, er setzte 55 Millionen Geräte ab.

  • Nokia

    Der einstige Weltmarktführer Nokia lässt Federn. Im dritten Quartal 2012 verkaufte er nur noch 82 Millionen Handys (19,2 Prozent Marktanteil). Im Vorjahreszeitraum waren es noch mehr als 105 Millionen Geräte. Darunter waren laut Gartner aber nur 7,2 Millionen Smartphones, die deutlich mehr abwerfen als die Günstig-Handys.

  • Apple

    Apple verkaufte im dritten Quartal 23,6 Millionen Smartphones, ein deutlicher Zuwachs von mehr als 36 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Handymarkt hält Apple 5,5 Prozent Marktanteil, im lukrativen Smartphone-Markt sogar 13,9 Prozent.

  • Research in Motion

    Der Blackberry-Hersteller Research in Motion steckt ebenso wie Nokia tief in der Krise. Die Kanadier setzten im dritten Quartal 2012 rund 9 Millionen ihrer E-Mail-Maschinen ab, rund ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Marktanteil bei den Handys ist auf 2,1 Prozent geschrumpft, bei den Smartphones sind es immerhin noch 5,3 Prozent.

  • Sonstige

    Der Handymarkt ist schwer umkämpft, Traditionsunternehmen wie Aufsteiger buhlen um die Gunst der Käufer. Der chinesische Hersteller ZTE verkaufte im dritten Quartal 16,7 Millionen Geräte (3,9 Prozent Marktanteil), Huawei 12 Millionen Handys (2,8 Prozent). LG wurde 14 Millionen Geräte los (3,3 Prozent), die Google-Tochter Motorola 8,6 Millionen (2 Prozent), dicht gefolgt von HTC mit 8,4 Millionen.

Das Unternehmen reagierte zudem mit einer harten Restrukturierung. Nach mehreren Streichrunden sollen bis Ende 2013 weitere 10.000 Arbeitsplätze wegfallen, also jede fünfte Stelle im Handygeschäft. Auch das Entwicklungszentrum in Ulm schloss Nokia. Zuletzt kündigte der Hersteller an, in der IT-Organisation bis zu 300 Stellen zu streichen und weitere 820 an Dienstleister in Indien auszulagern – vor allem der finnische Stammsitz ist davon betroffen.

Die Geschichte von Nokia Vom Gummistiefelhersteller zum Handyriesen

Die Geschichte von Nokia begann 1865: Damals baute Fredrik Idestam im Süden von Finnland eine Papierfabrik. Ein paar Jahre später ließ er eine zweite nahe des Nokianvirta Flusses errichten – dieses Gewässer gab dem Unternehmen den Namen.

Bild: dpa

  • 24.01.2013, 13:32 UhrGung Bong

    Das Lumia ist in Design und Kachel-Bedienung sehr gut. Wenn die Berührungsangst mit dem "Neuen" nachgelassen hat und man hat gelernt mit Win Phone umzugehen will man nichts anderes mehr haben.

  • 24.01.2013, 14:08 UhrHans

    Im vierten Quartal hat Nokia auch von RIM eine hohe Patentgebühr kassiert. Das mit den Abschreibungen dürfte Nokia auch sehr optimistisch angehen. Schließlich möchte man ja den Nokia Aktienkurs ein wenig puschen. Für die Kreditaufnahme sind legal geschönte Zahlen auch nicht schlecht.
    Mal sehen, ob Nokia noch eine Dividende dieses Jahr auszahlt. Mit den Junk Rating bräuchte Nokia jede flüssige Mark zum überleben.

  • 24.01.2013, 14:08 UhrWellcome_back

    Seh ich ganz genauso, anfangs obernervig und mehr als gewöhnungsbedürftig, einen Tag braucht man schon zum Klarkommen, aber dann läuft's. Außerdem spielen das Thema Umweltschutz und Arbeitsbedingungen bei Nokia eine große Rolle, was ich auch nicht unwesentlich finde. Apple hingegen produziert unter miesesten Bedingungen in China.

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