NTL und ITV
Britischer TV-Flirt weckt Zweifel

Seit Donnerstag loten die britischen Kabelfernsehgesellschaft NTL und der größte werbefinanzierte Fernsehsender ITV die Chancen einer gemeinsamen Zukunft aus. Unter Analysten und Medienexperten gelten die beiden Unternehmen aber keineswegs als Traumpaar.

LONDON. Von Erstaunen bis offener Ablehnung reichten die Reaktionen auf die von NTL vorgeschlagene Ehe. Nicht nur die hohe Verschuldung des Kabelriesen, sondern auch die unterschiedlichen Geschäftsmodelle der Verhandlungspartner stören die Beobachter. Eine Partnerschaft zur Produktion von Inhalten erwarten daher viele als den wahrscheinlichsten Ausgang.

NTL hatte am Donnerstagnachmittag überraschend Interesse an einer Übernahme von ITV verlauten lassen. ITV bestätigte kurz darauf, zu Gesprächen bereit zu sein. Die Unternehmen sind an der Börse jeweils zwischen sechs und sieben Mrd. Euro wert und setzen je rund drei Mrd. Euro im Jahr um. Sie bewegen sich bisher aber in unterschiedlichen Segmenten des Medienmarktes. NTL beherrscht den Kabelfernsehmarkt und will nach der Übernahme des Rivalen Telewest und des Mobilfunkanbieters Virgin Mobile bald als erstes Unternehmen ein Vierfach-Paket aus TV, Internet, Festnetz- und Mobiltelefonie auf den Markt bringen. ITV ist der führende werbefinanzierte Fernsehsender und baut rund um das Flaggschiff ITV1 eine Senderfamilie aus digital empfangbaren Spartenkanälen auf.

Doch die potenziellen Partner haben auch erhebliche Schwächen: NTL ist hoch verschuldet, hat schon jetzt mit der Integration der Zukäufe zu kämpfen und verliert Kunden; ITV hat herbe Einbrüche der Zuschauerzahlen und Werbeeinahmen zu verkraften und sucht seit Monaten einen neuen Vorstandschef.

„Ist das Interesse von NTL an ITV ein Schritt zu einer für Europa einmaligen Konvergenz, ein praktischer Weg, um Milliarden an Verlustvorträgen zu nutzen, oder ein extrem teurer Weg, einen CEO zu kaufen?“, fragt sich Tamsin Garrity von Lehman Brothers. Auch andere Analysten rätselten am Wochenende über die strategische Logik der vorgeschlagenen Fusion. Am ehesten erkennen sie noch Sinn darin, bei Produktion und Vermarktung von Inhalten zusammenzuarbeiten. ITV produziert einen großen Teil seiner Programme selber, und NTL hat zum Leidwesen des Kaufinteressenten RTL an seiner Produktionstochter Flextech festgehalten. NTL könnte über ITV ebenso an Live-Rechte für Fußballspiele kommen wie an Seifenopern und Talent-Shows, die sich zur Vermarktung auf Handys eignen.

Große Fragezeichen setzen Experten jedoch hinter den Plan einer Fusion. „Eine volle Fusion ist aus unserer Sicht unwahrscheinlich“, schreibt Merrill Lynch. Es fehle an Synergien, und ein „Integrations-Alptraum“ drohe. Zwar hat NTL nach Berichten Londoner Sonntagszeitungen schon ein Finanzierungspaket von Goldman Sachs und JP Morgan in Höhe von fünf Mrd. Pfund in der Hinterhand, aber Kreditanalysten heben angesichts einer schon bestehenden Verschuldung von sechs Mrd. Pfund bereits warnend die Finger. Nur wenige ITV-Aktionäre dürften bereit sein, ihre Papiere in an der Nasdaq notierte NTL-Aktien zu tauschen.

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