Öffnung für Private
BBC liebäugelt mit Tabubruch

Die BBC ist eine Institution, auf die die meisten Briten so stolz sind wie auf das Königshaus oder ihr Parlament. Doch auch an Institutionen geht die Wirtschafts- und Medienkrise nicht spurlos vorüber. Nach 87 Jahren könnte sich die noch immer werbefreie British Broadcasting Company erstmals privatem Kapital öffnen - und wird von Medienunternehmer dafür scharf kritisiert.

LONDON. Der Generaldirektor des Senders, Mark Thompson, warf in einem Interview die Frage auf, ob die BBC wirklich alleiniger Eigentümer ihrer kommerziellen Tochter BBC Worldwide bleiben müsse. Derzeit führt der Sender eine strategische Überprüfung seiner Aktivitäten durch. Zu den Optionen für BBC Worldwide zählt laut Thompson auch ein Börsengang oder ein Joint Venture mit einem anderen Medienunternehmen.

BBC Worldwide verdient als kommerzielle Tochter des öffentlich-rechtlichen Senders ihr Geld vor allem mit dem internationalen Handel von TV-Produktionen der BBC. Im abgelaufenen Geschäftsjahr, das zum 31.März endete, stieg der Umsatz zum ersten Mal über eine Mrd. Pfund, der Gewinn vor Steuern fiel allerdings gleichzeitig um 27 Prozent auf 86 Mio. Pfund. Verantwortlich für den Einbruch beim Ergebnis waren vor allem die Folgewirkungen der Finanzkrise, etwa der Bankrott der Kaufhauskette Woolworth, mit der die BBC ein Joint Venture auf dem DVD-Markt betrieb. Aber BBC Worldwide hält dennoch am Ziel fest, 2012 einen Gewinn von 200 Mio. Pfund zu erwirtschaften.

Die Entscheidung über einen möglichen Börsengang des kommerziellen BBC-Arms kommt zu einem kritischen Zeitpunkt für den Sender. Die Werbekrise hat die private Konkurrenz hart getroffen. Immer lauter werden die Vorwürfe, dass der öffentlich-rechtliche Sender durch das Gebühren-Monopol seine wirtschaftliche Macht ausbaue.

Noch kann die BBC, die mit acht TV-Kanälen auf einen Zuschauermarktanteil von 33 Prozent kommt und zehn Radiowellen betreibt, aus dem Vollen schöpfen. 2009 wird der 3,6 Mrd. Pfund schwere Gebührentopf erstmals größer sein als alle britischen TV-Werbeeinnahmen zusammen. Die Labour-Regierung denkt allerdings darüber nach, vier Prozent der Gebühreneinnahmen notleidenden Privatsendern zuzuleiten. Auch sollen BBC-Mittel in den Ausbau des britischen Breitbandnetzes fließen.

Für BBC-Aufsichtsratschef Michael Lyons kommt die Attacke auf das Finanzierungsmodell des öffentlich-rechtlichen Senders einem Sakrileg gleich: „Wir drohen zu einem Feuerwehrfonds zu verkommen, aus dem man sich nach Belieben bedienen kann, wenn etwas in der Medienbranche zu reparieren ist.“

Doch auch die private Konkurrenz ist um scharfe Worte nicht verlegen, wenn es um Kritik an der BBC geht. James Murdoch, der Sohn des Medienzaren und Privatsenderbetreibers Rupert Murdoch und dessen designierter Nachfolger, verglich den öffentlich-rechtlichen Sender in einer aufsehenerregenden Rede vor kurzem mit der Propagandabehörde aus George Orwells düsterer Zukunftsvision „1984“. Murdoch fürchtet, dass die mit „Zwangsgebühren“ finanzierte BBC ihr „weitreichendes Informations-Monopol“ auch kommerziell gezielt nutzt, um die private Konkurrenten auf Abstand zu halten.

BBC-Chef Thompson wies Murdochs Attacke zurück. Jüngste Zuschauerumfragen hätten gezeigt, dass die Sendeanstalt in der Öffentlichkeit wachsendes Vertrauen genieße und die Höhe der Gebühren als „angemessenen Preis“ für die journalistische Unabhängigkeit empfunden werde. Murdoch steht mit seiner Kritik aber nicht alleine. Wie ihre Kollegen in Deutschland klagen auch britische Medienunternehmen über den Expansionsdrang des öffentlich-rechtlichen Senders im Internet.

Mitte August reagierte die BBC auf die Kritik und schloss ein Abkommen mit vier Mediengruppen. Seither dürfen die Online-Portale des „Guardian“, des „Daily Telegraph“, des „Independent“ sowie der „Daily Mail“ ihre Berichte kostenlos mit Videos der BBC ergänzen. Murdoch hat die Beteiligung an dem neuen Modell abgelehnt, weil die Vermarktungsauflagen, die die BBC an das Geschäft knüpfe, die Partner zwinge, Werbung für den Sender zu machen.

Modell auf dem Prüfstand

Angreifer

Der britische Rundfunk- und Fernsehsender BBC muss sich gegen immer lautere Kritik der privaten Konkurrenz wehren. Die von der Werbekrise hart getroffenen Wettbewerber werfen dem öffentlich rechtlichen Sender vor, dass er sein Gebührenmonopol ausnutzt, um seine wirtschaftliche Macht auszubauen. Vor allem die drei frei empfangbaren privaten TV-Sender, ITV, Channel 4 und Five leiden massiv unter den sinkenden Werbeeinnahmen. Nur der Bezahlsender BSkyB oder Anbieter von Internetfernsehen wie Virgin Media stehen finanziell noch gut da.

Verteidiger

Die Labour-Regierung will deshalb einen Teil der Rundfunkgebühren der notleidenden privaten Konkurrenz zugänglich machen, doch dieser Plan stößt nicht nur bei Intellektuellen auf Widerstand, die die Unabhängigkeit und die journalistischen Standards der BBC in Gefahr sehen. Laut Umfragen unterstützen auch 80 Prozent der Bevölkerung das öffentlich-rechtliche Gebührenmodell.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%