Online-Pranger: Per Netz zurück ins Mittelalter

Online-Pranger
Per Netz zurück ins Mittelalter

Auf Rache-, Porno- und anderen Läster- oder Petz-Seiten lassen sich Ex-Partner, Autofahrer, Kollegen und Mitschüler leicht an den Online-Pranger stellen. Moralisch ein Rückfall ins Mittelalter.
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Düsseldorf.Eine Säule, ein Pfahl oder zwei Holzbretter, in die Arme und Kopf eingeklemmt wurden – im Mittelalter brauchte es nicht viel, um einen vermeintlich Schuldigen öffentlich anzuprangern. Heute sind die Methoden ein bisschen diffiziler, oft aber ähnlich grausam wie früher. Zumindest was die Folgen für diejenigen angeht, die angeprangert oder öffentlich vorgeführt werden.

Das Internet macht’s möglich: Binnen Sekunden lassen sich Politiker, aber auch Privatpersonen, Autofahrer oder sogar Hunde an den Online-Pranger stellen. Einfach so, per Mausklick – und oft sogar vollkommen anonym.

Zum Beispiel „Wegeheld“, eine neue App, mit der Falschparker im Netz denunziert werden können. Entwickelt wurde das kleine Programm, das kostenlos bei Google Play erhältlich ist, von Heinrich Strößenreuther. Der studierte Wirtschaftsinformatiker möchte rücksichtslosen Autofahrern an den Kragen.

Und das funktioniert so: Wer die App heruntergeladen hat, kann einen falsch geparkten Pkw fotografieren und dessen Standort markieren. Der Vorfall erscheint sogleich auf einer interaktiven Karte im Netz.

Die Petz-App kann aber noch mehr: Nutzer haben auch die Möglichkeit, den Falschparker direkt beim nächsten Ordnungsamt zu melden oder das geschossene Foto mit einem flotten Spruch zu versehen und unter dem Motto „Freie Wege für alle!“ bei Facebook zu posten. Autofahrer, die sich nicht an geltende Gesetze halten, werden so an die Öffentlichkeit gezerrt. Immerhin – Pflicht jedes Nutzers ist es, das Nummernschild des Pkw zu schwärzen.

Moralische Bedenken? Keineswegs. „Wir greifen aktiv in den Flächenkonflikt zwischen falschparkenden Autofahrern und allen anderen Verkehrsteilnehmern ein“, erklären die Macher der „Wegeheld“-App auf ihrer Internetseite. Zugeparkte Rad- und Gehwege seien nun mal kein Kavaliersdelikt. „Sie sind eine rücksichtslose Gefährdung und Behinderung für Kinder, Ältere, Rollifahrer, Radler, Eltern mit Kinderwagen, Notarztwagen und Busfahrer.“

Das sehen viele Straßenverkehrsteilnehmer ähnlich. Die Zahlen sprechen jedenfalls für sich: In den ersten 48 Stunden nach Erscheinen von „Wegeheld“ zwangen die mehr als 5.000 Downloads den Server der Initiatoren in die Knie.

Die Macher haben offenbar einen Nerv getroffen. Einen „typisch deutschen“? Sind hierzulande besonders viele selbst ernannte „Sheriffs“ unterwegs? Tatsächlich: „Sich moralisch ohne Selbst-Ironie über andere zu erheben, das können die Deutschen besonders gut“, meint Alexander Filipovic, Medienethiker der Hochschule für Philosophie in München.

Kommentare zu " Online-Pranger: Per Netz zurück ins Mittelalter"

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  • Ja und, Rache ist süß. Das schmeckt jedem.

  • Wer die totale Transparenz will, wird auch mit derartigen Zeiterscheinungen leben müssen. Solange man nicht selbst betroffen ist, kann man ja mit den Achseln zucken und eventuell sogar mitmachen. Wohl bekomm's!

  • Wir sind auch ohne Internet doch schon im Mittelalter! Früher war man ein Ketzer, heute wird man als Populist diffamiert. Das Konzept ist gleich: Vor vierhundert Jahren verteidigte die katholische Kirche ihr geozentrisches Weltbild mit den Mitteln der Inquisition und mit der Androhung des Scheiterhaufens, weil sie sich mit Argumenten nicht mehr zu helfen wusste. Heute bleibt nur noch der moralische Scheiterhaufen (vor allem in den GEZ-Medien).

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