Peter Seidlitz : Trauer um Handelsblatt-Korrespondenten

Peter Seidlitz
Trauer um Handelsblatt-Korrespondenten

Er berichtete aus Afrika, Washington, Moskau und Peking. Er galt als Giorgio Armani der deutschen Auslandsreporter. Ein hervorragender Journalist und Kollege. Letzte Woche ist Peter Seidlitz verstorben. Ein Nachruf.
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Peking/DüsseldorfPeter Seidlitz, 64, war nicht nur für die Verhältnisse des seriösen Handelsblattes ein schillernder Journalist. Er war der Giorgio Armani unter den deutschen Auslandskorrespondenten. Seine Gäste empfing er in heller Hose und einem Hemd in kräftiger Farbe. Links das Weinglas, rechts die Zigarre. Dazu Loafers, ohne Socken. Seidlitz verließ ohne seine Rolex nie das Haus. Seinem Charme konnte sich niemand entziehen. Darauf waren manche Kollegen neidisch. Seidlitz war großzügig und klug, fordernd und unbeugsam. Seine Freunde konnten sich auf ihn verlassen.

Für den „Spiegel“, dann die „Süddeutsche“ und „Neue Zürcher Zeitung“ berichtete er aus Afrika, reiste mit einem einarmigen Fotografen, der die Kamera an seine Stahlprothese geklemmt hatte, von Bürgerkrieg zu Bürgerkrieg. Seidlitz war Bürochef des „Stern“ in Washington. Danach ging's fürs Handelsblatt nach Moskau, Hongkong, Peking und Sydney. 

Seidlitz wusste, wo es den besten Kaviar in Russland gab. Er war der einzige Deutsche, der je Präsident des Hongkonger Foreign Correspondent Clubs wurde. Er schrieb nebenher Kolumnen für englischsprachige asiatische Tageszeitungen wie „Japan Times“, die Hongkonger „South China Morning Post“ und „Singapore Business Times“. Er schrieb immer wieder für die „Zeit“, das Schwesterblatt des Handelsblattes. Seine Wohnung in Hongkong hatte einen der schönsten Blicke auf's Meer; die in Peking das spektakulärste Innendesign im Diplomaten-Viertel.

Er lachte und trank mit den chinesischen Malern, als ihre Werke noch nicht Millionen bei Sotheby's kosteten. Er kaufte ihre Bilder, als sich außer der Staatssicherheit noch niemand für sie interessierte. Der chinesische Regierungssprecher speiste bei ihm zu Hause. Das hatte vor Seidlitz noch kein Ausländer in Peking geschafft. Botschafter buhlten um Einladungen zu seinen Partys. Und Mao wäre sicher auch gekommen, wenn er noch gelebt hätte. Maos Nachfolger in den Neunzigern, die Präsidenten und Premierminister, Seidlitz hat sie alle interviewt. 

Er schrieb schnell, scherte sich wenig um Details, hatte aber ein feines Gespür für die gute Geschichte und die großen Entwicklungen. Er ahnte als früher als die meisten, was aus China werden würde. Seidlitz war nicht aus Zufall der erste Wirtschaftskorrespondent in Peking. Er eröffnete das Büro des Handelsblattes dort.

So manchen Banker düpierte er mit seinen Artikeln. Nach der zweiten Flasche Wein hatten sie ihm ihre Betriebsgeheimnisse verraten. „Ich bin nicht nachtragend“, lachte er dann. „Das Mittagessen geht auf mich.“ Meistens hat's funktioniert.

Seidlitz liebte starke Frauen. Am meisten seine Frau Silvie: „Keine ist schöner. Keine ist unbändiger. Keine ist stärker.“ Die sportliche Schweizer Rohstoffhändlerin lebt seit Moskau an seiner Seite. In Hongkong bekamen sie eine Tochter: Margaux. Sie hat die Kraft von beiden. Seidlitz war sehr stolz.

Auf den Pekinger Rausch folgte Sydneys Sinnlichkeit. Seidlitz wurde nach wenigen Jahren langweilig.  „What's next?“ fragte er. Der Schlaganfall kam dazwischen. Das war 2000. Sein Arm lahmte. Doch Seidlitz sah blendend wie immer aus. Er hatte den gleichen schwarzen Humor und die blitzschnelle Auffassungsgabe. Er las viel und zügig. Nur sprechen konnte er nicht mehr. Ja und Nein lernte er wieder. Mehr brachte die Reha nicht. Er konnte einige Worte schreiben. Nicht immer das Wort, das er meinte. Auch der beste chinesische Akupunkteur änderte daran nichts. Er konnte nicht mehr arbeiten.

Die Familie Seidlitz zog nach Genf, später nach Zürich. An den Wänden hängen die modernen, chinesischen Maler und die Grafiken von Serge, seinem Sohn aus erster Ehe. Seidlitz kauft ein und kocht. Vom Balkon sieht er ein Stück des Zürichsees. Der Fernseher läuft bis spät in die Nacht. Manchmal noch sitzt er im „Kropf“, wo Max Frisch immer gesessen hat. 11 Jahre und 262 Tage hat er durchgehalten. Er war tapfer. Charakterlich der Alte. Immer öfter jedoch strich er sich entschieden mit der Handkante an die Kehle.

Seine Sprachlosigkeit, dass er all sein Wissen nicht mehr weitergeben konnte, belasteten ihn immer mehr. Silvie hat ihn verstanden. Sie hat ihm zuliebe unbändige Stärke bewiesen: Er erfüllte sich seinen letzten Willen und wurde bereits 2005 Mitglied bei „Exit“, der Schweizer Sterbehilfeorganisation. Seine Tochter Margaux, die ihn liebte und wie Silvie bis zuletzt gegen seinen festen Entschluss kämpfte, nannte ihn „zu selbstsüchtig“. Er nickte. Sein letzter zusammenhängender Satz  am vergangenen Mittwochabend war „Ich bin glücklich“.

Frank Sieren. Der Bestsellerautor ("Der China-Schock") gilt als einer der führenden Chinakenner.
Frank Sieren
Handelsblatt / Korrespondent China

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  • Ein gutes, schnelles Portrait, eines guten und schnellen Journalisten ... ich selbst war mehrer Wochen bei Peter Seidlitz und seiner Frau Sylvie in Peking zu Gast gewesen ... mühelos konnte er, das, woran andere verzweifelten,profunde und deenoch lesbare, unterhaltende Analysen, aus dem Ärmel schütteln ... und das zwischen zwei Telefongesprächen und einem guten Lunch... es gibt nicht viele wie Ihn aber hoffentlich immer wieder einige.

    Frank H. Witt

  • Lieber Frank, auch ich - vor vielen Jahren als ehemalige Praktikantin in den Genuss von Peters Großzügigkeit gekommen - konnte durch Deinen Nachruf, den bestimmt niemand hätte besser schreiben können also Du, diese unvergessliche Zeit revue passieren lassen. 11 Jahre mit nur Ja und Nein, das hätte ich ihm ehrlich gesagt nicht zugetraut. Und gegönnt hätte ich ihm gesunde 90 Jahre mit voller Arbeitskraft, vielen Zigarren und gutem Wein, er hätte es verdient. Danke, Frank, herzlich! Bettina Eichmanns

  • Hallo Frank,

    wir hatten uns 1999 nur kurz in Peking kennengelernt, als Du bei der Wirtschaftswoche warst. Meine Frau und ich hatten damals bei Peter ein sechsmonatiges Praktikum gemacht. Du bist mit Deinem Nachruf Peter wirklich gerecht geworden. Journalisten von seinem Schlage gibt es sehr selten. Wir werden ihn vermissen!

    Walter Schröder

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