PR-Desaster der Marseille-Kliniken

199,20 Euro für eine Frage zur Middelhoff-Kaution

Die Hamburger Marseille-Kliniken glauben, eine neue Einnahmequelle entdeckt zu haben: Die PR-Abteilung des Unternehmens wollte einem „Spiegel“-Journalisten Geld für die Beantwortung seiner Frage abknöpfen. Der lehnte ab.
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Eine Presseanfrage zu seiner Kaution sorgt für Wirbel. Quelle: dpa
Thomas Middelhoff

Eine Presseanfrage zu seiner Kaution sorgt für Wirbel.

(Foto: dpa)

HamburgGemeinhin wird der Erfolg einer Pressestelle am Image des Unternehmens gemessen, für das sie tätig ist. Genießt eine Firma einen guten Ruf, kann ihre PR-Abteilung so viel nicht falsch gemacht haben.

Bei den in Hamburg ansässigen Marseille-Kliniken ist die Öffentlichkeitsarbeit aber nicht nur für die Reputation des Pflegeheim-Betreibers verantwortlich. Sie muss neuerdings auch richtig Geld verdienen.

Und das geht so: Journalisten, die von dem Unternehmen eine Auskunft erbitten, bekommen ein „Kostenangebot“ für ihre Anfrage. In einem Anschreiben wird ihnen mitgeteilt, dass die Kostenstellen der Firma „seit letztem Jahr“ entsprechend ihres Aufwandes „fakturieren“ müssten.

So erhielt auch der „Spiegel“-Redakteur Gunther Latsch statt einer Antwort vergangene Woche einen Kostenvoranschlag. Er hatte von den Marseille-Kliniken wissen wollen, ob es zutreffend sei, dass sie die Kaution für den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff gestellt haben.

„Für die Beantwortung der Anfrage, Recherche“ sowie die „ Auswertung von Unterlagen“ veranschlagte das Unternehmen 148 Euro. Zudem berechnete es eine „Schreibgebühr“ von 20 Euro. Inklusive Mehrwertsteuer ergab sich ein Gesamtpreis von 199,20 Euro, den die Firma offenbar als ausgesprochen günstig erachtete. Man habe „entgegenkommender Weise nur die Mindestsätze unserer Preisliste veranschlagt“, heißt es in einem Begleitschreiben an Latsch.

Statt zu zahlen schaltete der Redakteur das Justiziariat seines Hauses ein. Ein Justiziar ließ die Marseille-Kliniken wissen, dass man nicht gewillt sei, eine Gebühr zu entrichten. Etwaige „Nachteile“ die aus der Weigerung resultierten, die Anfrage des „Spiegel“ kostenfrei zu beantworteten, gingen „allein zu Ihren Lasten“.

In seinem namentlich nicht unterzeichneten Antwortschreiben vertritt das „Presseteam der Marseille-Kliniken AG“ eine ganz erstaunliche Rechtsauffassung: „Wir bieten Ihnen ausdrücklich unsere Dienstleistung an, damit Sie Ihre Berichterstattung über Herrn Middelhoff verkaufsfördernder gestalten können“, heißt es dort. Noch einmal wird auf den angeblich günstigen Preis hingewiesen: Es handele sich quasi um ein „Sonderangebot“.

Ein weiteres Entgegenkommen sei aber nicht möglich. Der Vorstand der Marseille-Kliniken würde sich „möglicherweise gegenüber den Aktionären aus dem Gesichtspunkt der Untreue schadensersatzpflichtig“ machen, „wenn er Leistungen ohne Entlohnung herausgibt“.

Der „Spiegel“ hat am Wochenende seine Meldung zur Middelhoff-Kaution ohne eine Stellungnahme der Marseille-Kliniken publiziert. Auf eine Anfrage des Handelsblatts zu seiner Pressepolitik reagierte das Unternehmen nicht. Auf ein Angebot der Marseille-Kliniken, nur gegen Gebühr zu antworten, wäre Handelsblatt.com allerdings auch nicht eingegangen.

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11 Kommentare zu "PR-Desaster der Marseille-Kliniken: 199,20 Euro für eine Frage zur Middelhoff-Kaution"

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  • Aber haben Sie schon einmal in Erwägung gezogen, dass die Marseille-Kliniken schlicht vielleicht kein Interesse daran haben diesen Vorgang zu kommentieren? Auch das ist das gute Recht der Kliniken.

    >>>> Und? Dann sagt man genau das: Dies wird nicht kommentiert.

    Ich glaube, dass man die ganze Geschichte unter genau diesem Kontext sehen muss.

    >>>> Jetzt wird es noch abstruser. Und hat noch weniger mit professioneller Öffentlichkeitsarbeit zu tun.

    Und wenn Sie wirklich glauben, dass noch nie Geld für eine Veröffentlichung geflossen ist, dann leben Sie leider vermutlich hinter dem sprichwörtlichen Mond

    >>>> Was hat mein Mond, mit der diskutierten Causa zu tun? Nix.

  • @Herr Willems
    Wenn das Angebot nicht kostenlos wäre, würde ich es auch nicht nutzen, da ich nicht bereit bin für medialen Einheitsbrei auch noch Geld zu bezahlen. Das gilt für alle anderen Online-Angebote übrigens auch. Aber das ist meine persönliche Meinung und Ansicht, die man nicht teilen aber akzeptieren muss. Ich akzeptiere es ja auch, wenn jemand bereit ist dafür zu bezahlen. Soll er machen.

    Aber haben Sie schon einmal in Erwägung gezogen, dass die Marseille-Kliniken schlicht vielleicht kein Interesse daran haben diesen Vorgang zu kommentieren? Auch das ist das gute Recht der Kliniken.
    Ebenso für eine Pressemitteilung Geld zu verlangen (wenn das denn wirklich ernst gemeint war). Ist sicherlich ungewöhnlich, weil nicht Usus, aber warum nicht? Niemand ist ja gezwungen dafür zu bezahlen. Dann lässt man es eben. Zumal der Spiegel und die Marseille-Kliniken ja ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben. Ich glaube, dass man die ganze Geschichte unter genau diesem Kontext sehen muss.

    Und wenn Sie wirklich glauben, dass noch nie Geld für eine Veröffentlichung geflossen ist, dann leben Sie leider vermutlich hinter dem sprichwörtlichen Mond. Ich würde sogar sagen, und das weiß ich aus jahrelanger Erfahrung, dass jedes Jahr sehr viel Geld von Unternehmen an die Medien fließt, für (Hof)Berichterstattung.

  • @Fr. Knef, Hr. Przybys, von Frosta: Hier über das Gewinnstreben der Medien schwadronieren, aber wahrscheinlich gleichzeitig das kostenlose Online-Angebot vom Handelsblatt nutzen.

    Diese Nummer der Marseille-Kliniken ist PR-technisch absolut sinnfrei. Warum sollte ein Redakteur oder ein Medium in Zukunft noch irgendeine Nachricht der Kliniken verbreiten? Oder zahlen die Kliniken dann auch den Medien oder dem Redakteur jeweils Geld dafür? Das wäre ja eine tolle neue Pressewelt ....

    Wer sich auf diese Weise selbser aus dem Diskurs mit den Medien katapultiert, darf sich nicht wundern, wenn nur noch über ihn, aber nicht mehr mit ihm gesprochen wird. Das ist keine Mainstream-Meinung oder Bashing, sondern dies ist eine Grundkonstante einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit.

    Der größte Schwerz ist doch, dass es sich bei den MK um eine Aktiengesellschaft handelt, die sowieso gewissen Publizitätspflichten unterliegt. Zwar zählt die thamatisierte Anfrage des Spiegel-Redakteurs sicherlich nicht darunter, allerdings könnte die Beibehaltung einer solch sinnfreien Kommunikationslinie des PR´lers zu einem sehr teuren Vergnügen für den IR`ler werden.

  • @ Andreas Borchert
    Ich arbeite weder für die Marseille-Kliniken noch für Herrn Middelhoff - den ich übrigens persönlich für einen großen Blender und Schwachkopf halte.
    Mir geht nur dieses nicht enden wollende Middelhoff-Bashing auf den Geist.

    Würde die gesamtdeutsche (Wirtschafts)Presse sich immer noch so intensiv um Herrn Hoeneß kümmern, wie sie sich um Herrn Middelhoff kümmert, wären bestimmt schon längst noch ein paar mehr Millionen an hinterzogenen Steuern aus der Lederhose gepurzelt.

    Aber interessant wieder einmal zu lesen, dass wenn man eine Meinung vertritt, die nicht der medial verordneten Mainstream-Meinung entspricht, sofort die Moralkeule zu spüren bekommt.

    Das ist vermutlich genau das, was die Pegida-Schwachköpfe mit Lügenpresse meinen.



  • Ich hebe ein Glass auf die Marseille-Pressesrelle. Absolut korrektes Spiel. Journalismus ist ein Geschäft, und wennan mit Informationen ob nun vom öffentlichen Interesse oder auch privaten Schicksalen Geld macht, dürfen diese auch "teuer" erkauft werden.

    Einfach klasse !

  • Ah, Frau Knef arbeitet für die Marseille-Kliniken. Schön für Sie. Hier war rein gar nichts humoristisch gemeint. Die Marseille-Kliniken kennen keinen Humor!

  • Beim Spiegel scheinen die Nerven (aufgrund des rapiden Auflagen- und Wahrnehmungsverfalls???) wohl so langsam blank zu liegen.

    Anstatt diesen eindeutig humoristisch gespielten Ball aufzunehmen und weiterzugeben, schickt man lieber die Rechtsabteilung los. Wie peinlich ist das denn?!

    Im Übrigen steht es den Kliniken ja frei die Kaution zu stellen ohne darüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Das wäre ja noch schöner.

  • Ja im Leben ist eben nichts umsonst - gerade wenn es um Herrn Middelhoff geht...

  • Endlich tut jemand etwas gegen die unerträgliche Kostenlosmentalität der Presseverleger und ihren Zeilenschindern. Das war lange überfällig!. Es ist zu hoffen, daß nun alle Unternehmen, aber auch Sportvereine, Parteien, Gewerkschaften und alle anderen, die bisher still unter dem Schnorrerjournalismus litten, die Bezahlschranke herunterlassen. Und für das Büffet wird ab sofort auch bezahlt! Hier ist Marktwirtschaft!
    Für diesen Kommentar liquidiere ich Euro 50. Kontonummer folgt!

  • Professionelle Unternehmenskommunikation sieht anders aus. Ganz offenbar fehlt es in dieser Hinsicht an der entsprechenden Kompetenz. Oder es sagt viel über die Unternehmenskultur der Marsaille Kliniken aus.
    Eine Pressestelle sollte den Dialog mit den Medien fördern und jene mit den notwendigen Informationen versorgen und nicht - wie in diesem Fall - die Reputation eines Unternehmens gefährden. Eine Preisliste für Auskünfte vorzuhalten und dann auf Nachfrage noch auf das Sonderangebot hinzuweisen - das zeugt davon, dass professioneller Kommunikation in diesem Unternehmen kein sonderlich hoher Stellenwert beigemessen wird.
    Ein Blick auf die Unternehmenswebseite genügt, um festzustellen, dass die letzte Pressemitteilung aus dem Sommer 2014 stammt und ein Ansprechpartner für Medienvertreter nicht benannt wird.

    Die Marseille-Kliniken haben nicht nur in punkto Pressearbeit und Reputationsmanagement versagt, sie könnten auch bald gute Beratung in der Risiko- und Krisenkommunikation bitter nötig haben.

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