Putin-Kritiker Garri Kasparow

„Der KGB vergiftet unsere virtuelle Atmosphäre“

Der frühere Schachweltmeister engagiert sich heute als politischer Aktivist in Russland: Auf der Digitalkonferenz Republica spricht Garri Kasparow über Hass im Netz, Propaganda – und warum er nicht nur an Zufälle glaubt.
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Handelsblatt-Redakteur Johannes Steger (Mitte) im Gespräch mit Schachlegende Garri Kasparow (rechts) und Ondrej Vlcek (links).
Republica 2017

Handelsblatt-Redakteur Johannes Steger (Mitte) im Gespräch mit Schachlegende Garri Kasparow (rechts) und Ondrej Vlcek (links).

BerlinGarri Kasparow ist eine Schachlegende – spätestens seitdem er den IBM-Computer Deep Blue in mehreren Partien herausfordert hat. Auf der Digitalkonferenz Republica in Berlin spricht er nicht über das beliebte Thema „Mensch gegen Maschine“, sondern auch über eines, das ihm genauso so viel bedeutet: Propaganda im Netz. Kasparow ist erklärter Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin und hat sich lange als Aktivist bei der Opposition engagiert. Darüber hinaus ist er Sicherheitsbotschafter des Softwaredienstleisters Avast. Mit Kasparow und Ondrej Vlcek, Avast-CTO, trifft sich das Handelsblatt zum Doppelinterview.

Herr Kasparow, Herr Vlcek, am Sonntag hat Frankreich gewählt. Kurz vor der Wahl kam es zu einem merkwürdigen Zwischenfall: Es gab einen Hackerangriff auf Emmanuel Macron, bei dem vermeintlich sensible Unterlagen veröffentlicht worden sind. Die französischen Medien durften darüber aufgrund der Rechtslage nicht berichten. Was war der Grund für den Hack, über den niemand sprechen oder schreiben darf?

Ondrej Vlcek: Der Zeitpunkt war interessant, weil ja niemand darüber sprechen durfte. Das betraf aber nicht die sozialen Netzwerke, daher gab es keine klassischen Wächter, die diese Informationen einordnen konnten. Ein ziemlich neues Phänomen ist ja, dass in diesen Graswurzel-Kanälen sehr viel kommuniziert wird, vielmehr als in offiziellen. Und die sozialen Netzwerke sind viel anfälliger für falsche Informationen. Diese Tatsache 24 Stunden vor der Wahl auszunutzen, ist eine neue Strategie der Einflussnahme.
Garri Kasparow: Ondrej versucht gerade diplomatisch zu sein. Ich muss das nicht, schließlich bin ich ein Aktivist. Und ich kann sagen: Für mich steckt der KGB dahinter. Wenn dieselbe Geschichte in Frankreich, in Deutschland, in Schweden und in den USA passiert, dann sind das schon ziemlich viele Zufälle. Ich glaube an Zufälle, aber ich glaube eben auch an den KGB.

Also verdächtigen Sie den russischen Geheimdienst?
Kasparow: Ich kann es nicht beweisen und mir fällt es schwer, die genaue Absicht zu erkennen. Aber ich kann versuchen, sie zu erklären – auf Basis dessen, was bisher passiert ist. Wenn wir uns das Vorgehen während des US-Wahlkampfes anschauen, dann ist der russische Geheimdienst sicher nicht davon ausgegangen, dass Trump am Ende tatsächlich gewinnt. Aber er wollte die Gegenkandidaten schwächen. Und das ist auch der Grund, warum er kurz vor der Wahl Macron attackiert hat: Die Agenten sollten ihn schwächen, bloßstellen und damit Le Pens Position stärken.

Herr Kasparow, warum will man denn Wahlen beeinflussen?
Kasparow: Das macht der russische Geheimdienst seit Jahren und bekommt keine Gegenwehr. Die Agenten haben es in Nachbarländern wie Estland ausprobiert und sind dann nach Westen gezogen. Der KGB will unsere virtuelle Atmosphäre vergiften. Moderne Propaganda will keine Ideen verbreiten, sie will das kritische Denken zerstören und demokratische Willensbildung unterwandern. Sie wollen keine Ideologie verkaufen, sondern Zweifel streuen. Es ist der Traum eines jeden Diktators: Die Wahrheit zu schwächen. Wenn die relativ wird, müssen sie sich vor nichts mehr fürchten. Aber: Die Aufmerksamkeit für solche Aktionen ist gestiegen – das hat die Wahl in Frankreich bewiesen.

Das sind die zehn größten Datenschutzsünden
Digitale Sünder
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Jemand anderem die EC-Karten-Pin verraten, immer das selbe, einfallslose Passwort verwenden, das umstrittene Teilen von Kinderfotos über Facebook: Eine Forsa-Umfrage hat ermittelt, wie häufig welche Fahrlässigkeiten beim Datenschutz vorkommen. Dabei geben 27 Prozent an, ganz ohne Sünde zu sein. Die größte Gruppe stellen hier mit 43 Prozent die über 60-Jährigen – mit sinkendem Alter nimmt die Prozentzahl der Sündenlosen ab. Bei den 45- bis 59-Jährigen sind es noch 28 Prozent, dann folgen die 30- bis 44-Jährigen (18 Prozent) und von den 18- bis 29-Jährigen sind nur zehn Prozent ohne Sünde. Die Frauen (30 Prozent) stehen besser da als die Männer (24 Prozent). Doch wo wird am meisten gesündigt?

Quelle: Forsa-Studie „Die größten Sünden 2015 – Teil 5: Datensicherheit“ im Auftrag der Gothaer

Platz 10: Auf Spam-Mail antworten
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Aus Versehen auf die Mail von zwielichtigen Absendern, die auf krumme Geschäfte hoffen, geantwortet – das ist doch jedem schon einmal passiert, oder? Ein Prozent der Befragten haben auf eine Spam-Mail geantwortet – vor allem machen das Männer im Alter von 45 bis 59 Jahren oder über 60 Jahre.

Platz 9: Einen Flug auf einem unbekannten Portal buchen
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Die Seite sieht aus wie mit Paint gemalt und liest sich wie frisch von Google übersetzt, aber dafür kostet der Flug nach New York und zurück auf auch nur 200 Euro. Gut, vielleicht ein leicht überzogenes Beispiel. Dennoch: Drei Prozent der Befragten haben sich schon einmal durch günstige Preise dazu hinreißen lassen, einen Flug auf einem unbekannten Portal zu buchen. Vor allem bei den Unter-30-Jährigen sind derartige Seiten beliebt (acht Prozent).

Platz 8: E-Mail-Anhang von Unbekannten öffnen
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Vertrauen Sie keinen E-Mail-Anhängen von unbekannten Absendern. Denn öffnen Sie auch nur einen falschen Anhang, kann ihr Computer schon infiziert sein. Insgesamt fünf Prozent haben bereits diesen Fehler gemacht. „Dateianhang nicht öffnen“ lautet hier die Devise.

Platz 7: Anderen Personen die Pin verraten
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Auffällig ist, dass vor allem junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren besonders fahrlässig mit Daten umgehen. Den Pin-Code, für das Smartphone zum Beispiel, verraten 13 Prozent anderen Menschen (gesamt: sechs Prozent).

Platz 6: Virenscanner abbrechen
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Wenn man keine Anti-Virus-Software verwendet oder diese nicht regelmäßig aktualisiert, ist das System ungeschützt vor Hackern. Auch weil es oft zu schnell gehen soll: Zwölf Prozent der Jüngeren (18 bis 29 Jahre) haben schon einmal den Virenscan abgebrochen, weil er zum Beispiel ihren Computer verlangsamte (gesamt: sieben Prozent).

Platz 5: Kinderbilder in sozialen Netzwerken teilen
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Wenn Eltern unbekümmert Bilder ihrer Kinder in sozialen Netzwerken posten, kann das gefährlich werden. Zehn Prozent der Befragten scheinen sich dieser Gefahr nicht bewusst zu sein.

Inwiefern?
Kasparow: Den Menschen wird bewusst, dass sie vorsichtig sein müssen, was sie hören und lesen.

Aufmerksamkeit ist die eine Seite, aber was hilft noch? Technologie?
Vlcek: Heute nutzen fast alle Unternehmen eine Art von künstlicher Intelligenz, um die „bad guys“ zu bekämpfen. Der praktischste Weg ist dafür das maschinelle Lernen. Das wird schon benutzt, um Bilder oder Texte auf spezifische Inhalte zu untersuchen. Es wird jetzt auch in der Sicherheit eingesetzt: Man verwendet eine Vielzahl von Daten, die von einem Experten beurteilt werden. Damit füttert man dann die Maschine. Von den Daten und Einordnungen des Experten lernt das Gerät dann, wie es in der Zukunft entscheiden soll.

Aber wir brauchen weiterhin Menschen, um zu entscheiden, was wahr oder falsch ist?
Vlcek: Absolut. Beim derzeitigen Stand der Technik geht es nicht um intelligente Algorithmen. Es geht darum, menschliche Intelligenz, Algorithmen und Daten zusammenzubringen.

Konzerne und ihre Doppelmoral
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5 Kommentare zu "Putin-Kritiker Garri Kasparow: „Der KGB vergiftet unsere virtuelle Atmosphäre“"

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  • Putin ist nicht ohne Grund in der Gay-Szene sehr beliebt!

  • Völlig richtig, was in dem Artikel steht. Putins Russland ist ein Witz. Dass er nun auch noch die Wahlen im Westen mit seinen ständigen Hackerangriffen stört und weltweit versucht, rechtsradikale Spinner wie Trump an die Macht zu bringen, ist fürchterlich. Putin muss endlich abtreten. Dann bleibt ihm auch mehr Zeit fürs Privatleben mit seinen jugendlichen Sportfreunden.

  • @Enrico Caruso, 09.05.2017, 19:34 Uhr

    "Es ist traurig zu sehen, wie man diesen intelligenten Menschen offenbar für eine politische Sache einspannen konnte."

    Schon mal auf die Idee gekommen, dass es Leute geben könnte, die aus eigenem Antrieb und aus eigener Überzeugung handeln?

  • Es ist traurig zu sehen, wie man diesen intelligenten Menschen offenbar für eine politische Sache einspannen konnte. Was er da von sich gibt, sind Beschuldigungen (man könnte auch sagen:Hass) ohne jegliche Belege gegen das System des vom Volk gewählten russischen Präsidenten. Billig!

    Und ohne Facebook & Co, die angeblich ständig "Fake News" verbreiten, wüssten wir bis heute kein Wort über die Ausschreitungen an Sylvester 2015/16. Klar, dass vielen das ganz Recht wäre, auch unter den Kommentatoren, die sich hier regelmäßig zu Wort melden.

  • Kasparow bringt es auf den Punkt:

    „ Moderne Propaganda will keine Ideen verbreiten, sie will das kritische Denken zerstören und demokratische Willensbildung unterwandern. Sie wollen (…) Zweifel streuen. Es ist der Traum eines jeden Diktators: Die Wahrheit zu schwächen. Wenn die relativ wird, müssen sie sich vor nichts mehr fürchten.“
    „Aber: Die Aufmerksamkeit für solche Aktionen ist gestiegen – das hat die Wahl in Frankreich bewiesen.“

    Ebenso aufschlussreich wie für die meisten Menschen wohl auch beruhigend die Antwort auf die Frage „Aber wir brauchen weiterhin Menschen, um zu entscheiden, was wahr oder falsch ist?“:
    Vlcek: „Absolut. Beim derzeitigen Stand der Technik geht es nicht um intelligente Algorithmen. Es geht darum, menschliche Intelligenz, Algorithmen und Daten zusammenzubringen.“


    Zu Kasparows Aussage: „… wenn es um einen von ausländischen Staaten unterstützten Angriff geht, dann ist es nicht der Job von Facebook eine Lösung zu finden, sondern Aufgabe der Regierung. Europäische Regierungen haben genug Ressourcen – sie sollten anfangen, diese zu nutzen.“
    und
    Vlceks: „Und es geht nicht nur um die sozialen Netzwerke. Schauen wir auch auf das Internet der Dinge. Das ist eine andere wichtige Plattform, die Hacker nutzen, um Gesellschaften und Demokratien anzugreifen. Und das Problem dabei ist: Die Industrien machen ihre Geschäfte seit Jahrhunderten und müssen sich jetzt der Herausforderung stellen, ihre Produkte zu vernetzen. Und sie wissen nicht unbedingt, wie das geht. Denn sie sind keine Software- und Sicherheitsexperten (...)“

    Ob die Europäischen Regierungen da wirklich mehr Ressourcen haben als die Industrien?

    Fest steht:

    Der vergleichsweise kleinen Zahl an Menschen, die man zu den Hackern zählen muss steht eine wesentlich(!) größere Zahl gegenüber, die nicht nur technisch mindestens genauso fähig sind, sondern deren Handeln vor allem von redlichen, mit dem Wohl der Allgemeinheit bzw. der ganzen Gesellschaft kompatiblen Motiven bestimmt ist.

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