Quotenbringer
TV-Sender Phoenix setzt zum Höhenflug an

Vor zehn Jahren ging der Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix an den Start. Zu Beginn hatte der Sender nicht nur Freunde bei ARD und ZDF: Mancher Intendant beäugte kritisch die hauseigene Konkurrenz aus Bonn. Doch mittlerweile ist das ganz anders. Nun fürchtet sich die private Konkurrenz – denn der Sender hat sich zum Quotenbringer entwickelt.

DÜSSELDORF. Nichts ist im Fernsehgeschäft tödlicher als Langeweile. Doch um diese Binnenweisheit scherten sich vor zehn Jahren die noch selbstgerechten Granden von ARD und ZDF bei der Gründung von Phoenix nicht. Der Ereignis- und Dokumentationskanal ging am Montag, dem 7. April 1997, mit einer Livesendung an den Start: von 8.30 bis 10.20 wurde die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Tokio an den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog übertragen. Wie viele Zuschauer sich zur Frühstückszeit die für das Fernsehen völlig unspektakuläre Zeremonie mit der damals seit Tagen angekündigten Grundsatzrede Herzogs angesehen haben, ist nicht überliefert. Nur soviel wurde allen Beteiligten klar: Mit dem neuen Kanal stieg vorerst kein Phoenix aus der Asche.

Phoenix blieb am Boden. „Wir werden kein Quotenrenner, sondern ein Markenartikel“, prognostizierte die damalige Phoenix-Co-Chefin Barbara Groth. Die frühere Innenpolitikchefin des ZDF täuschte sich. Zehn Jahre später ist Phoenix eine Marke, die für Live-Berichterstattung und Programmqualität steht und ein Quotenbringer. Beim Zuschauer kommt der Sender von Jahr zu Jahr besser an. 2006 erzielte Phoenix mit 0,7 Prozent die beste Zuschauerquote seit Bestehen.

Den Konkurrenten N 24 und N-TV macht der Bonner Kanal unterdessen schwer zu schaffen. N 24 erreichte im vergangenen Jahr 0,8 Prozent und überrundete Phoenix nur knapp. Der Konkurrent N-TV, eine Tochter des Bertelsmann-Fernsehkonzerns RTL, blieb mit 0,6 Prozent sogar hinter dem öffentlich-rechtliche Ereignis-und Dokumentationssender. „Unser Unternehmensziel ist es, unter den Informationskanälen die Nase vorne zu haben“, sagte Phoenix-Senderchef Christoph Minhoff gestern dem Handelsblatt.

Die Euphorie in der Bonner Senderzentrale ist derzeit groß. Denn im ersten Quartal konnte Phoenix nochmals zulegen und sogar N 24 minimal überrunden. Das Selbstbewusstsein steigt. „N-TV und N 24 nähern sich mit mehr Dokumentationen und Live-Berichterstattung unserem Programmkonzept an und nicht umgekehrt“, sagte Senderchef Klaus Radke bereits vor drei Jahren. Er sollte recht behalten.

Zu Beginn hatte der Sender, der sich im ehemaligen Bonner Regierungsviertel am Rhein niedergelassen hat, nicht nur Freunde bei ARD und ZDF. Mancher Intendant beäugte kritisch die hauseigene Konkurrenz aus der einstigen Hauptstadt. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Heute wird Phoenix in den Chefetagen der Funkhäuser als unverzichtbarer Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Systems begriffen. Die Liebe zu Phoenix fällt den Intendanten schließlich leicht. Denn der Sender kostet ARD und ZDF mit ihren Milliardenetats vergleichsweise wenig Geld. Das Jahresbudget beläuft sich auf gerade mal 35 Mill. Euro. Das ist so viel wie die Produktion eines zweitklassigen Hollywood-Films kostet.

Derzeit setzt Phoenix zu einem neuen Höhenflug an. Der Ereigniskanal nimmt das Internet ins Visier. „Wir werden eine Online-Bibliothek starten“, kündigt Minhoff an. Bis zu 100 Ereignisfilme, beispielsweise Joschka Fischer im Visa-Untersuchungsausschuss des Bundestags, können dann online gratis abgerufen werden. Spätestens bis Ende des Monats soll die Online-Bibliothek fertig sein. Dann heißt es auch im Internet: „Machen Sie sich das ganze Bild“.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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