Radiosender-Fusion
Wenn Kartellwächter Radio Gaga spielen

In den USA genießen Satellitenradio-Abonnenten eine nahezu unbeschränkte Auswahl an Programmen: Spezialkanäle für Musik und das Wetter. Dazu kommen Dutzende von Kanälen mit Sport, Talkrunden und Comedy-Shows. Für die beiden Anbieter sind die Sender jedoch ein Milliardengrab. Nun wollen sie durch eine Fusion ihr überleben sichern. Doch die Medienaufsicht hat etwas dagegen.

NEW YORK. Darf’s etwas Musik sein? Zum Beispiel Stevie Wonder? Der singt gerade auf Kanal 7 „You Are the Sunshine of My Life“. Oder lieber Klassik? Auf Kanal 110 dirigiert Karajan Beethovens Eroica. Oder mal was ganz anderes, die „Emerging Artists“ auf Kanal 52, also Künstler von morgen, deren Musik heute noch etwas schräg klingt? Oder doch lieber ein Wortprogramm? Den „Golf Talk“ auf Kanal 146 oder die Comedy-Show mit Dan Rowan auf Kanal 153? Oder hören wir aus reiner Neugier mal in den 24-Stunden-Kanal für Healthcare Professionals rein?

Vor solchen Entscheidungen steht, wer in Amerika Satellitenradio hört. Die Abonnenten genießen eine nahezu unbeschränkte Auswahl an Programmen: Spezialkanäle für Musik oder für Religion, auf denen Gospelmusik oder Predigten zu hören sind. Kanäle mit Non-Stop-Verkehrsdurchsagen und mit Wettermeldungen rund um die Uhr. Dazu kommen Dutzende von Kanälen mit Sport, Talkrunden und Comedy-Shows.

Für Radioliebhaber ein Paradies – für die Investoren ein Milliardengrab. Denn es gibt nicht nur einen, sondern zwei Anbieter, und damit ist der Markt offenbar überbesetzt. Beide Sender schreiben rote Zahlen und haben zusammen sieben Milliarden Dollar Verlust. Daher wollen sie fusionieren und so ihr Überleben sichern. Das Vorhaben ist in den USA allerdings heftig umstritten und hat eine Grundsatzdebatte über Firmenzusammenschlüsse ausgelöst. Jetzt hat die US-Medienaufsicht FCC, die die Fusion genehmigen müsste, die Öffentlichkeit um Rat gebeten.

Im Kern geht es bei der Diskussion um die – auch in Deutschland diskutierte – Frage, wie Ordnungspolitik und technischer Fortschritt gegeneinander abzuwägen sind: Was ist im Zeitalter des Web 2.0 der „relevante Markt“ für Wettbewerbsbeschränkungen? Welche Produkte konkurrieren miteinander? Als Faustregel gilt: Je mehr Anbieter, desto intensiver der Wettbewerb, denn die Verbraucher können dann unter mehr Produkten auswählen. Doch wie verändern sich Angebot und Nachfrage im Zuge von Innovation? Müssen Märkte neu definiert werden? Der Fall der beiden Satellitenradios, der wohl im Herbst entschieden wird, gilt in Amerika als richtungweisend für die künftige Kartellpolitik.

Die Ausgangssituation: Die beiden Unternehmen XM und Sirius erhielten 1997 ihre Lizenzen, ausdrücklich verbunden mit der Auflage, den Wettbewerb zu sichern. Seitdem arbeiten sich die Rivalen aneinander ab, ohne dass einer einen entscheidenden Vorteil verbuchen kann. Sirius wirbt mit der Farbe Blau und dem Slogan „The Best Radio on Radio“, zu Deutsch etwa: „Das beste Radio, das auf Sendung ist.“ XM bevorzugt Schwarz-Gelb und den Spruch „Beyond AM, Beyond FM“ (Jenseits von Mittel- und Ultrakurzwelle). Vom Marketingauftritt abgesehen, besitzen die Satelliten-Radiosender allerdings viele Gemeinsamkeiten. Beide haben 69 werbefreie Musikkanäle. Beide kosten 12,95 Dollar im Monat. XM ist mit 7,6 Millionen Hörern und einem Umsatz von 933 Millionen Dollar etwas größer als Sirius mit gut sechs Millionen Hörern und einem Umsatz von 637 Millionen Dollar. Dafür gilt Sirius als dynamischer und hat an der Börse die höhere Marktkapitalisierung.

Ein Zusammenschluss würde XM und Sirius aus ihrem Stellungskrieg befreien. Doch die Aufsichtsbehörde war zuerst skeptisch. In seiner ersten Stellungnahme sagte FCC-Vorsitzender Kevin J. Martin, er sehe „hohe Hürden“ für die Fusion. Schließlich würde ein Monopol entstehen. Genau das ist die Frage.

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