Reader's Digest
Ein Prinz hilft durch die Krise

Reader?s Digest kämpft um Alles oder Nichts. Nachdem die Banken Kredite von insgesamt 2,2 Mrd. Dollar gekündigt haben, muss der amerikanische Mutterkonzern Reader's Digest Association Insolvenz anmelden. Eine Ikone der amerikanischen Verlagslandschaft steht vor dem Aus.

DÜSSELDORF. Eine genussvolle Zeitreise durch drei Jahrhunderte verspricht Reader?s Digest mit der Edition Prinz Michael von Preußen. Die deutsche Tochter offeriert ihren Kunden "vornehmen Sekt" der Kellerei Kessler, einen unterhaltsamen Bildband "Zu Gast bei Preußens Königen" und Barockmusik auf CD für 59,90 Euro. Solche dekorative Geschenk-Boxen mit den Segen eines Hohenzollern-Nachkommens verkaufen sich wie geschnitten Brot.

In den USA kämpft Reader?s Digest hingegen um Alles oder Nichts. Der amerikanische Mutterkonzern Reader's Digest Association ist seit gestern pleite. Das 1922 gegründete Unternehmen aus Pleasantville im US-Bundesstaat New York musste Insolvenz anmelden, nachdem die Banken Kredite von insgesamt 2,2 Mrd. Dollar gekündigt hatten. Die Insolvenz nach dem Verfahren Chapter 11 sieht nun vor, das die wichtigsten Darlehensgeber für 1,6 Mrd. Dollar Schulden 92,5 Prozent der Anteile erhalten. Die restlichen 7,5 Prozent teilen sich Management und Aufsichtsrat. Ein entsprechender Antrag auf freiwillige Umstrukturierung steht unmittelbar bevor. Die Schuldenlast soll laut Plan danach auf 550 Mio. Dollar reduziert werden. "Das Geschäft wird weiter laufen wie immer", verspricht Vorstandschefin Mary Berner.

Readers?s Digest war einst eine hochrentable Ikone der amerikanischen Verlagslandschaft. Noch heute beschäftigt das Medienunternehmen weltweit 7 500 Mitarbeitern in 78 Ländern. In 44 Ländern hat Reader?s Digest eigene Niederlassungen. Die Verlagstochter in Deutschland, Österreich und der Schweiz zählt zu den größten Auslandstöchtern.

Für den Finanzinvestor Ripplewood ist die Pleite von Reader?s Digest eine herbe Niederlage. Im Mai 2007 hatte die Beteiligungsgesellschaft das Verlagshaus für 1,6 Mrd. Dollar gekauft. Doch die Anzeigenkrise in den USA brachte den Verlag mit den taschenbuchgroßen Heften in Schieflage. Der kontinuierliche Auflagenrückgang verschärfte die Situation. Vor drei Jahrzehnten verkaufte Reader?s Digest in den USA noch 18 Mio. Magazine im Monat - heute sind es deutlich weniger als die Hälfte. Am Ende konnte auch der eiserne Sparkurses die Verluste im Werbegeschäft nicht mehr ausgleichen.

Die Insolvenz eines Medienunternehmens ist in den USA längst keine Sensation mehr. Auch die Tribune Company ("Chicago Tribune", "Los Angeles Times") sowie der Radio- und Außenwerbekonzern Clear Channel begaben sich unter Gläubigerschutz.

Die deutsche Tochter hält sich hingegen für krisenfest. "Unsere Geschäftstätigkeit ist stabil und hochprofitabel, und wir werden sie daher in unserem lokalen Markt Deutschland, Schweiz und Österreich unverändert erfolgreich weiterführen", sagt der 58-jährige Deutschlandchef Werner Neunzig. Nach eigenen Angaben wuchs die Stuttgarter Firma mit derzeit rund 200 Mitarbeitern um 5,4 Prozent im abgelaufenen Jahr. Eine genaue Zahl nennt Reader?s Digest nicht. Unternehmensinsider sprechen von einem Umsatz von über 200 Mio. Euro. Laut Neunzig lief das am 30. Juni beendete Geschäftsjahr "sehr zufriedenstellend".

Längst hat sich die seit 1948 erscheinende Zeitschrift zu einem Handelshaus entwickelt. Mit einer Mio. Flaschen jährlich zählt Reader?s Digest zu den größten Weinhändlern der Republik. Von der goldenen Uhr über Flachmann-Sets bis hin zu Cranberry-Kapseln und Howard Carpendale-CDs - die Einkaufswelt von Reader?s Digest gleicht einem Warenhaus. Das hilft durch die Krise.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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