Reader's Digest geht an Finanzvinvestoren
Großmutter bloggt sich ins Internet

Wasserhähne, Freizeitparks, Spielcasinos: Die Wirtschaft hat sich daran gewöhnt, dass Beteiligungsgesellschaften in immer neue und teils wilde Industrie-Reviere vorstoßen. Auch die Medienbranche ist längst im Visier der Finanzinvestoren. Und nun sogar der US-Verlag Reader’s Digest, von dem man es so gar nicht erwartet hätte.

NEW YORK. Jenes Magazin im Handtaschen-Format, in dem schon Großmutter schmökerte und verblüffende Haushalts-Tricks aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten übernahm? Der Finanzinvestor Ripplewood Holdings bietet den Aktionären des 1922 gegründeten Traditionsverlags 2,4 Mrd. Dollar inklusive Übernahme der Schulden. Das ist ein ganz schöner Batzen für eine Firma, die seit 2001 knapp 20 Prozent ihrer Leser verloren hat und in den vergangenen zwei Jahren operativ Verluste schrieb. Aber es ist reichlich wenig vor dem Hintergrund, dass sich Reader’s Digest (RD) bei einer Monatsauflage von 18 Millionen Stück in 21 Sprachen noch immer für das „weltweit meistverkaufte Magazin“ hält.

Allein in Stuttgart kümmern sich 200 Mitarbeiter um Themen wie Einkaufsberatung („Angelika-Online“) oder rührende Magazin-Geschichten („Nürnberg: Im Reich der Lebkuchen“). Reader’s Digest Deutschland bedient sich dabei auch aus dem riesigen Bauchladen der New Yorker Konzernmutter und vertreibt Bücher, Filme, Versicherungen oder Gesundheitsmittel wie die „Teufelskralle“.

Den reichlich angestaubten Stil, der sich hauptsächlich an die „Generation 45plus“ wendet, hat der Verlag bis zuletzt eisern durchgehalten. Gerade erst ist der Ratgeber „Alltägliche Dinge außergewöhnlich eingesetzt“ erschienen, der vom Anti-Rutsch-Aufkleber bis zur Zehensandale nicht weniger als 2 247 Haushaltstipps auflistet. Das FAZ-Feuilleton bescheinigt dem Magazin eine stets „leichte Distanz, die nicht durch allzu tiefes Denken behindert wird und immer ein paar Dinge zu viel als Kuriosität betrachtet“. Kurios muss der Belegschaft auch das E-Mail vorkommen, mit dem sich Ripplewood-Chef Tim Collins als neuer Eigentümer vorstellte: „Menschen mögen der Auffassung sein, Reader´s Digest sei etwas für die Großmutter“, schrieb er. Das Unternehmen habe jedoch durchaus „eine dynamische Basis“.

Entsprechend stürmisch soll der Verlag jetzt den modernen Gesetzen der Wirtschaft unterworfen werden: Die Verzahnung mit dem Internet wird Chefsache, die Kosten müssen runter, die Erlöse von zuletzt 2,4 Mrd. Dollar irgendwie rauf. Ripplewood hat bereits andere Medientitel wie „Time Life“ und „Weekly Reader“ aufgesammelt und möchte sie mit der Direktvermarktungs-Maschine von RD verzahnen. Schon wittern Branchenexperten ein echtes Schnäppchen: „Die Bewertungen traditioneller Medienfirmen sind auf einem 15-Jahres-Tief“, sagt Edward Atorino vom Brokerhaus Benchmark.

Immerhin setzt RD bei seiner Verjüngungskur auf eine attraktive Fernsehköchin, deren Magazin „Everyday With Rachael Ray“ zu den am schnellsten wachsenden US-Titeln gehört. Dabei lächelt Ms. Ray (38) nicht nur vom Heft-Cover, sondern auch im Internet – inklusive Blog, Fotogalerie, Rezept-Tipps und Rachaels Küchenmessern im Angebot. Willkommen im Jahr 2006, Reader´s Digest!

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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