Republica
Das Klassentreffen der biederen Blogger

In Berlin trifft sich derzeit die digitale Szene auf der Konferenz Republica. Was auffällt: Die Pioniere von einst sind erwachsen geworden. Sie haben verstanden, dass sie stärker wie Unternehmer handeln müssen.

Die gedruckten Programmzettel waren als erstes ausverkauft. Offenbar sehnen sich auch die digitalen Pioniere nach zehn Jahren Republica nach ein bisschen praktischer Orientierung. Drei Tage, 17 Bühnen, dafür ist der Bildschirm eines Telefon zu klein. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass so viele Leute gekommen sind, die noch in einer Welt leben, in der morgens am schwarzen Brett steht, was es mittags in der Kantine gibt.

Die Hälfte der angemeldeten 7000 Besucher ist zum allerersten Mal da. Das Klassentreffen der Blogger hat sich längst zu einer Großveranstaltung entwickelt, für alles und jeden, der mit Internet zu tun hat. Großkonzerne wie Daimler und IBM sponsern das Event, gefühlt ist jeder zweite hier im Auftrag seines Arbeitgebers hier, um „mal zu gucken, was die da so machen.“ Auch Messeveranstalter sind gekommen, die gehört haben, dass es auf der Republica weniger langweilig zugeht, als auf anderen Branchentreffen.

Es wird noch immer viel über Datenschutz und Netzpolitik diskutiert, aber auch Feminismus und andere Abseits-Themen, über die man vor zehn Jahren in den etablierten Medien nichts gefunden hat, in den Blogs aber schon. Inzwischen stehen auch allgemeinere Aspekte wie virtuelle Realität, Gesundheit und Bildung oder die Mobilität der Zukunft auf der Agenda. Themen, die nicht nur eine große gesellschaftliche Relevanz haben, sondern mit denen man auch viel Geld verdienen kann.

„Republica, Republica, Republica“, war der erste Tweet, den Mitgründer Johnny Hauesler bei Twitter absetzte, das damals noch ganz neu war. Heute twittern sie sogar in Baden-Württemberg. Das Bundesland hat einen Stand auf der Republica und schenkt Freigetränke aus, wenn man einen Tweet mit dem Hashtag #BW an der Bar vorzeigt. „Früher war es leicht zu sagen, wir benutzen eine Software. Heute unterscheidet uns das nicht mehr. Selbst die CSU hat auf Twitter ein Snapchat-Logo eingestellt“, sagt Sascha Lobo, Blogger der ersten Stunde, den sie hier „den Klassensprecher“ nennen. Viele hundert Leute sind zu seiner Ansprache am Abend des ersten Tages gekommen. Lobo bietet Orientierung, eine Antwort auf die Frage: Was machen wir hier eigentlich?

Die Republica ist im Grunde ein bisschen wie das Internet selbst: Es gibt so viel von allem, dass sich mancher bloß erschlagen auf eine der Matratzen haut, die sie hinter dem alten Bahnhof am Gleisdreieckpark neben einem Berg mit Unkraut aufgebaut haben. „#Respekt“, steht dort auf einer Wand, die Worte sind zusammengesetzt aus Sonnenblumen, in Töpfen. „Wir wollten eine bessere Welt durch das Internet“, sagt Lobo. Aber die Lage sei ja jetzt doch bloß „so mittel.“

Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität, Ausbau der Netz-Infrastruktur, das sind Themen, die von Anfang an zur Republica gehörten, und über deren Bewertung man sich hier seit zehn Jahren einig ist. „Von den 17 Attentätern, die seit 2014 in der EU Anschläge verübt haben, waren 15 den Behörden bekannt. Trotzdem müssen wir alle weiter überwacht werden, gegen den Terror“, ruft Sascha Lobo, bevor er sich die Vectoring-Pläne der Telekom vornimmt, die nach Meinung „ungefähr aller Experten, die nicht von der Telekom bezahlt sind“, nichts taugten. Wir gegen Staat und Großkonzerne, das funktioniert hier immer. Auch wenn Lobo nicht zu erwähnen vergisst, dass er mit seinem Irokesenschnitt für Vodafone wirbt.

Überhaupt kommen sie hier eigentlich ganz gut aus mit den Konzernen. In diesem Jahr haben so viele Unternehmen und Institutionen einen Stand gemietet wie nie zuvor. Die Deutsche Bahn möchte sich als Arbeitgeber für die digitale Elite präsentieren. Das Arbeitsministerium herausfinden, wie die Leute ticken, für die man gerade ein großes Gesetzbuch mit dem Titel „Arbeit 4.0“ plant.

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