Rezession: Silicon Valley wird zum Jammertal

Rezession
Silicon Valley wird zum Jammertal

Barack Obama ist kaum im Amt, da könnte nach der Autoindustrie bald die nächste Branche an die Tür des Weißen Hauses klopfen - mit der Bitte um einen Rettungsschirm. Die Computerbranche wird von der Rezession hart getroffen, härter als viele im Silicon Valley erwartet haben.

SAN FRANCISCO. Die IT-Branche im Silicon Valley geht angesichts neuer Hiobsbotschaften nicht länger davon aus, dass, die Rezession keinen größeren Schaden an der Innovationsfähigkeit der Industrie zeitigen wird. Die Idee von Google CEO Eric Schmidt, die er im November US-Präsident Barack Obama unterbreitete, wonach auch die Computerbranche einen staatlichen Rettungsschirm braucht, findet immer mehr Anhänger.

Die Nonprofit-Stiftung "Information Technology and Innovation" fordert von der Regierung einen 30 Mrd. Dollar schweren Rettungsschirm, um der IT-Branche auf die Sprünge zu helfen und der steigenden Kündigungswelle Einhalt zu gebieten. Auch die Business-School der University of California in Berkeley, die besonders gute Beziehungen bis in die Regierung hinein hat, geht nach neuen internen Berechnungen davon aus, dass die Branche aufgrund der rapide nachlassenden Nachfrage auf dem Computermarkt in Washington vorstellig werden wird.

Tatsächlich häufen sich auch Anfang des Jahres die Hiobsbotschaften. Intel, dessen Zahlen als der verlässlichste Indikator für den Zustand der Branche gelten, da sie den Bedarf der IT-Unternehmen und die Nachfrage bei Kunden widerspiegeln, hat für 2008 90 Prozent Profiteinbuße indiziert, (Nokia ein Minus von 36 Prozent, Yahoo von 13 Prozent, Microsoft und Dell stagnieren). Der Nachfragerückgang bei Intel, das rund vier Fünftel aller Chips handelsüblichen PCs herstellt, beleuchtet grell das Siechtum der gesamten ineinander verzweigten Branche. 2008 hat Intel 23 Prozent weniger Chips an die Branche verkauft als noch im Jahr zuvor, für 2009 wird ein Rückgang von bis zu 30 Prozent prognostiziert.

Sowohl Unternehmen als auch Privatkunden stornieren unter dem Druck der Rezession ihre IT-Einkäufe auf unbekannte Zeit, von Expansion ist gar keine Rede mehr. Die meisten Firmen haben sich in den vergangenen Jahren bis zum Übermaß mit neuer Hardware eingedeckt und zeigen kaum noch Bedarf. Nach Jahren steter Expansion erwarten Analysten vor allem für die Computerbranche einen Nachfragerückgang im Schnitt von rund drei Prozent. Der Glaube an eine baldige Besserung dieser Situation ist nirgendwo vorhanden.

Renommierte Analysten und Umfrageinstitute gehen sogar von einem Rückgang bei der PC-Nachfrage aus, der deutlicher als im Krisenjahr 2001 zuschlagen wird. Das Marktforschungsinstitut IDC schätzt den Rückgang auf 5,3 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr der großen IT-Krise 2001 waren es fünf Prozent gewesen. Und auch das bisher wenig krisenanfällige Unternehmen Apple schlittert den Marktforschern von NPD zufolge langsam in die Krise. Trotz innovativer neuer Laptop-Modelle und bester Verkaufssaison ging der Verkauf von "Macs" im November um ein Prozent zurück, ein veritables Anzeichen dafür, dass auch und gerade das obere Marktsegment von der Rezession getroffen werden wird. Besonders das vierte Quartal hat zu diesen düsteren Prognosen die Ursache geliefert. In der normalerweise umsatzstarken "Feriensaison" zwischen Thanksgiving und Weihnachten ging das Geschäft zum ersten Mal seit sechs Jahren um 0,4 Prozent zurück.

Doch auch das untere Segment, insbesondere bei den billigen "Netbooks" zwischen 300 und 500 Dollar, schafft in den USA Probleme. Obwohl die nur rudimentär bestückten Geräte große Absatzzahlen aufweisen, hilft dies etwa Microsoft und Intel nur bedingt: Um mit den "Atom"-Prozessoren denselben Profit zu erzielen wie mit den Chips für Notebooks, müsste Intel dreimal so viele verkaufen; Microsoft erzielt für seine Software für Netbooks 13 Dollar Gewinn, statt der 50 Dollar bei Notebooks.

Die Unternehmen müssen sich mit dieser weniger lukrativen Aussicht schnellstmöglich anfreunden, klagt Leslie Fiering, Forschungs-Vizepräsident von Garner Inc.: "Das Segment übt einen sehr starken Preisdruck nach unten aus - und zwar in Bezug auf alle PCs in allen Preisklassen." Und natürlich nicht minder auf die teuren Produkte von Apple. Da große Teile der Industrie und der öffentlichen Verwaltung am Tropf der Microsoft-Software hängen, sorgt auch die Zeitspanne bis zum Verkaufsbeginn des neuen Microsoft Betriebssystems "Windows 7" für weiteren Stillstand. Viele Unternehmen und öffentliche Institute wollen erst das neue Programm abwarten.

Überhaupt sind die meisten Firmen momentan höchst zögerlich mit ihren Budgetplänen. Nach einer Umfrage unter 200 Finanzchefs weltweit führender IT-Unternehmen hat rund die Hälfte von ihnen noch keinen Ausgabenplan für 2009 aufgestellt - stets in Erwartung besserer Zeiten irgendwann in 2010. Haben viele Unternehmen das gerade erst begonnene Jahr 2009 bereits abgeschrieben, Innovationen auf Halde gelegt und größere Ausgabenposten beschnitten und Tausende von Mitarbeitern auf die Straße gesetzt (letzterer Schritt soll nächste Woche auch von Microsoft verkündet werden), war das Jahr 2008 bereits für viele Start-Cups eine Katastrophe. Lediglich einen einzigen Börsengang verzeichnete das Silicon Valley in diesem Jahr, so wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Im Durchschnitt gehen pro Jahr rund 28 Start-ups an die Börse.

Im vierten Quartal 2008 hat die Branche zudem einen Quasi-Stopp bei Wagnis-Investitionen erlebt: 71 Prozent weniger Kapital im Vergleich zu 2007 (3,4 Mrd. anstatt 11,7 Mrd. Dollar) wurden von Ventures in Start-ups gepumpt, ein finsterer Indikator für das mangelnde Vertrauen in die Profitabilität der jungen Unternehmen in Zeiten der Rezession. Im Jahr 2008 insgesamt sanken diese Investitionen von 35,5 Mrd. Dollar in 2007 auf 28 Mrd. Dollar. Auch hier gilt die gleiche Diagnose. "Die meisten VC-Firmen warten eine Stabilisierung des Marktes ab", so die National Venture Capital Association, die bis vor kurzem - wie die meisten Marktforscher - noch deutlich optimistischere Prognosen malte.

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