Ringier-Verlag feiert Jubiläum
Der Tipp des Physiotherapeuten

Der Schweizer Verlag Ringier feiert sein 175-jähriges Bestehen - und macht zum Jubiläum einen kleinen Bogen um große Fragen: Wie soll es weitergehen mit dem Familienunternehmen, und wer soll der Nachfolger des aktuellen Verlgers werden?

ZÜRICH. Ringier wird 175 Jahre alt. Und natürlich könnte an dieser Stelle jetzt eine historische Geschichte über dieses Verlagshaus aus der Schweiz stehen, das es geschafft hat von einer kleinen Druckerei zum einzig international beachteten Verlag des Landes aufzusteigen. Zu einem, der es in Deutschland zwar nie so recht zu etwas gebracht hat, dafür aber in den Ländern Osteuropas und sogar in China an führender Stelle in der Zeitungsbranche mitmischt. Das bringt es mit sich, dass von den 130 Titeln des Verlags etwa 100 in einer Sprache erscheinen, die der Verleger nicht versteht. Eine Geschichte wäre das auch über ein 850 Mill. Euro-Umsatz-Unternehmen, das mit 43 Mill. Euro soviel verdient, dass es sich einen Berater namens Gerhard Schröder leisten kann, der bei Ringier seinen ersten Vertrag unterschrieb, nachdem ihn die Mehrheit der Deutschen abgewählt hatte.

Diese durchaus solide Geschichte würde sich entlang hangeln an einem gestern erschienenen Buch, das der ehemalige Ringier-Journalist Karl Lüönd geschrieben hat. Ein aufwendiges Werk ist das, mit dem die Schweizer Verleger anhand verschiedener Formate und Drucktechniken auch zeigen, zu was sie technisch in der Lage sind. 520 Seiten – von denen mehr als die Hälfte Bilder sind – benötigt Lüönd für die Ringier-Geschichte, was den Vergleich mit einem anderen Schweizer Verlag provoziert: Die „Neue Zürcher Zeitung“ brachte vor knapp drei Jahren ihre damals 225-jährige Geschichte mit Hilfe zweier Autoren in zwei Bänden auf insgesamt 662 Seiten zu Papier – womit Statistiker feststellen könnten, dass Schweizer Verlage ziemlich genau 2,9 Seiten pro Lebensjahr brauchen.

Die Geschichte würde vielleicht mit einer hübschen Szene einsteigen wie dieser hier: Wir schreiben das Jahr 1990. Ein Physiotherapeut aus dem Innerschweizer Kanton Glarus will den Chefredakteur des im Hause Ringier erscheinenden Wirtschaftstitels „Cash“ für sein Projekt gewinnen, das da heißt, Schweizer Kurgäste in den tschechische Kurort Marienbad zu locken. Beiläufig erzählt der Therapeut von einer Mitarbeiterin dort, die sich finanziell über Wasser hält, indem sie für ein Prager Wirtschaftsmagazin schreibt. Trüb fährt hin mit 50 000 Franken in einem Koffer, handelt mit der Nebenberufsjournalistin und deren Freund ein Geschäft aus, das dazu führt, dass Wochen später „Profit“ erscheint, die erste Ringier-Zeitschrift in Osteuropa. Nach vier Monaten macht „Profit“ seinem Titel alle Ehre, fährt Gewinne ein, und hat die Investitionen wieder eingespielt.

Eine hässliche Szene dürfte auch nicht fehlen. Ostern 2002: Der Ringier-Titel „SonntagsBlick“ macht mit einer Geschichte über den Schweizer Botschafter in Berlin, Thomas Borer, auf, dem er eine Affäre mit einer Parfümerie-Verkäuferin unterstellt. Die Story ist nicht nur aus der Luft gegriffen, sie verletzt auch journalistische Standesregeln. Und sie hinterlässt Opfer: Borer ist als Diplomat in Berlin erledigt, Verleger Michael Ringier muss das höchste Schmerzensgeld der Schweizer Mediengeschichte zahlen, ein Chefredakteur geht.

All das könnte in einer historischen Geschichte stehen. Es würde aber keine Antworten auf Fragen liefern, die Ringier wirklich beschäftigen. Zum Beispiel die, wie lange ein Schweizer Verlag überlebt, der auf seinem Heimatmarkt inzwischen von anderen überrundet wird und den Abwärtstrend seines wichtigsten Titels, des „Blicks“, seit Jahren nicht stoppen kann? Oder: Wie ein Familienunternehmen weiter geführt werden soll, das zwar einen agilen Verleger an der Spitze hat, aber wo kein Nachfolger in Sicht ist? Oder was es zu bedeuten hat, dass die Beinahe-Fusion zwischen Ringier und Springer vor fünf Jahren in der Firmenchronik nicht erwähnt wird?

Vielleicht hilft die langfristige Sicht eines Historikers anstelle der kurzfristigen Betrachtung eines Journalisten bei der Suche nach Antworten. Sie könnte lauten: In den 175 Jahren seines Bestehens hat sich Ringier einige Brüche zugezogen, die alle schmerzlich waren, als sie passierten, die das Unternehmen aber nicht in seine Existenz gefährdeten. Darüber hinaus findet sich eine Erkenntnis in der Ringier-Chronik: Verlage haben bis heute keine Alternative zum Prinzip von „trial and error“ gefunden. Während andere Branchen unter Laborbedingungen probieren, müssen Verlagsprodukte den Markttest bestehen – und dies unter den Augen der Konkurrenz, die gleich die nötige Öffentlichkeitsarbeit übernimmt.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%