Rocket Internet

Samwers Rendezvous mit der Realität

Rocket Internet hat im ersten Halbjahr eine halbe Milliarde Euro Verlust gemacht – will aber weiter bis Ende 2017 drei profitable Firmen präsentieren.
Update: 23.09.2016 - 15:50 Uhr 4 Kommentare
CEO Oliver Samwer will bis Ende 2017 mindestens drei seiner wichtigsten Beteiligungen profitabel machen. Quelle: Reuters
Rocket Internet

CEO Oliver Samwer will bis Ende 2017 mindestens drei seiner wichtigsten Beteiligungen profitabel machen.

(Foto: Reuters)

BerlinAls Rocket Internet 2014 an die Börse ging, wurde Rocket-Chef Oliver Samwer dafür kritisiert, dass er sein Unternehmen nur im Entry Standard listet. Dieses Börsensegment sieht geringere Berichts- und Transparenzpflichten vor, als der Prime Standard. Ohne den Prime Standard ist ein Aufstieg in TecDax, MDax oder gar Dax unmöglich. Der Prime Standard sei sein Ziel, sagte Samwer damals, das sei eines der Ziele, „an denen Sie uns messen können.“

Ende September sollte es so weit sein. Nur: Von Vollzug kann keine Rede sein. Rocket bricht sein Transparenz-Versprechen: Die Aufnahme in den Prime Standard bleibe weiter „ein Ziel“, sagte Finanzchef Peter Kimpel in einer Telefonkonferenz anlässlich der Vorlage der Halbjahreszahlen, zum jetzigen Zeitpunkt bleibt Rocket aber im Entry Standard. Wann sich Rocket für die für Unternehmen seiner Größe üblichen Berichtspflichten bereit sieht, wollte Kimpel nicht weiter kommentieren.

Update: Einen Tag später teilte Rocket Internet mit, dass das Unternehmen die Zulassung seiner Aktien zum regulierten Markt beantragt hat. Der Handel mit Aktien von Rocket Internet im Prime Standard werde voraussichtlich rund um den 27. September beginnen.

Das Versprechen, wenigstens eines seiner E-Commerce-Töchter bald an die Börse zu bringen, muss Rocket voraussichtlich kassieren: „In den nächsten 18 Monaten geht eins unserer Start-ups an die Börse“, sagte Samwer vor fast genau einem Jahr. Kimpel gab sich jetzt deutlich vorsichtiger: „Wir werden sehen, wo die Märkte sind“, sagte der Rocket-Finanzchef. Etwas „ökonomisch nicht Kluges“ werde man nicht tun.

Es ist nachvollziehbar, dass Rocket seine Beteiligungen erst mal konsolidieren will, bevor es neue Börsengänge anstrebt. In den vergangenen sechs Monaten machten die wichtigsten Rocket-Beteiligungen zusammen einen Verlust von 300 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 200 Millionen gewesen. Als Motto des Jahres 2016 hatte Rocket-Chef Oliver Samwer die „Verbesserung der Profitabilität“ vorgegeben. Dafür sollten Prozesse verbessert und Strukturen verschlankt werden. Auch Stellen hat Rocket in den vergangenen Monaten abgebaut. Man könnte es auch Rendezvous mit der Realität nennen.

Was wird die nächste Rakete von Rocket Internet?
Hello Fresh
1 von 10

Rezepte aussuchen, passende Lebensmittel in der richtigen Menge liefern lassen und anschließend Kochen – so bequem soll die Zubereitung sein. Zumindest wenn man der Beschreibung von Hello Fresh glauben darf. Gerade Kunden in den USA und Großbritannien haben den Service für sich entdeckt. Das Ergebnis: Mit einem Umsatzwachstum von 159 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten gehört Hello Fresh zu den wirklich schnellen Raketen im Rocket-Reich. Allerdings stieg auch der Verlust – von minus 21 auf minus 45 Millionen Euro, was Rocket Internet mit dem hohen Wachstum und dem Einstieg in neue Märkte begründet.

Foodpanda
2 von 10

m Foodpanda ist eine Essenslieferplattform für die Entwicklungs- und Schwellenländer, aktiv vor allem in den Balkanländern und in Südostasien. In Ländern wie Bangladesch und Kasachstan hat Rocket Internet eine echte Vorreiterrolle inne – allerdings sind hier auch die Warenkörbe kleiner als im reichen Westen. Foodpanda kassiert aber lediglich eine kleine Provision von den Restaurants, die das bestellte Essen an die Kunden ausliefern. Die Rocket-Beteilung steigerte ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 72 Prozent auf 22 Millionen Euro.

Namshi
3 von 10

Namshi ist der erste einer Reihe seltsam klingender Unternehmensnamen, die alle eines gemeinsam haben: Sie kopieren die Idee von Zalando, Mode im Internet zu verkauf. Dabei operieren sie aber vor allem in Schwellenländern. Rocket Internet fasst sie als „Global Fashion Group” zusammen. Namshi ist im Nahen Osten aktiv und zur Zeit das High-Light der ganzen Gruppe: Als einziges Start-up aus dem Kosmos der großen Rocket-Beteiligungen konnte Namshi in den ersten sechs Monaten des Jahres ein positives Ergebnis (Ebitda) von immerhin 1,6 Millionen Euro auf sich verbuchen – bei einem respektablen Umsatzwachstum von knapp über 50 Prozent zum Vorjahr. Namshi könnte eine der drei Beteiligungen werden, die Rocket-Chef Oliver Samwer bis Ende 2017 profitabel haben möchte.

Dafiti
4 von 10

Dafiti ist ein Modehändler in Lateinamerika nach dem Vorbild von Zalando, angesiedelt in Brasilien. Das Unternehmen gehört zur Global Fashion Group, in der Rocket Internet seine Zalando-Klone bündelt. Der Umsatz von Dafiti stieg in den vergangenen zwölf Monaten um 22 Prozent auf 136 Millionen Euro. Laut Finanzchef Peter Kimpel wäre das Wachstum noch beeindruckender, könnte man es in der brasilianischen Landeswährung darstellen. Rocket Internet ist aber an der deutschen Börse notiert. Und die interessiert sich auch für die Verluste: Die betrugen bei Dafiti noch minus 13 Millionen Euro – eine deutliche Verbesserung immerhin zu den minus 41 Millionen im ersten Halbjahr 2015.

Zalora
5 von 10

Die Australier sind digitalen Geschäftsideen traditionell ziemlich aufgeschlossen. So ist es kein Wunder, dass der Modehändler Zalora, der den südostasiatischen Markt bedient, zu dem aber auch der australische Zalando-Klon „The Iconic” gehört, immer noch beeindruckende Wachstumsraten aufweist. Der Umsatz stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 32 Prozent auf 126 Millionen Euro. Die Kosten muss der Laden aber noch in den Griff bekommen. Der Verlust ist zwar nicht mehr ganz so hoch wie noch vor einem Jahr; mit einem Minus von 32 Millionen Euro steckt Zalora aber immer noch tief in den roten Zahlen. Rocket Internet braucht eine neue Rakete, um Fehlstarts wie diese auszugleichen.

Lamoda
6 von 10

Online-Shopping in Russland funktioniert etwas anders als in Deutschland – nicht nur, weil die Staatspost zwischen Sibirien und dem schwarzen Meer nicht gerade schnell ist. Lamoda, das russische Zalando, beschäftigt eigene Kurierfahrer, die zum Teil vor dem Haus warten, bis die Kundin die Klamotten anprobiert und aussortiert hat. Manchmal nehmen die Fahrer auch Bargeld entgegen, weil die Russen nicht gerne online zahlen. Vor diesem Hintergrund ist es beachtlich, dass Lamoda seine Kosten senken und den Verlust in den vergangenen zwölf Monaten von 17 auf minus sieben Millionen Euro verringern konnte. Der Umsatz stieg immerhin noch um 15 Prozent auf 125 Millionen Euro.

Jumia
7 von 10

Afrika ist für die meisten deutschen Unternehmen noch immer ein Kontinent, in dem man Hilfsprojekte gründet, aber keine Geschäfte macht. Nicht für Rocket Internet. Unter dem Namen Jumia verkaufen die Berliner von Lagos in Nigeria aus Mode und Elektroartikel über das Internet und Smartphone. Das läuft nicht immer glatt – im vergangenen Jahr musste Jumia auf einen Schlag ein Drittel seiner Angestellten entlassen. Jetzt wird umgestellt, vom reinen Online-Handel zu einem Marktplatzmodell, bei dem die Plattform lediglich an der Provision verdient. Entsprechend fielen die Umsätze des ersten Halbjahrs im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 56 Prozent.

Dass der Gesamtkonzern für das erste Halbjahr einen Verlust von einer halben Milliarde Euro ausweisen muss, liegt vor allem daran, dass der Wert einer seiner Beteiligungen, der Modegruppe Global Fashion Group, bei der letzten Finanzierungsrunde von drei Milliarden auf eine Milliarde nach unten korrigiert werden musste. Auch beim Möbelhändler Home24 kam es zu einer Wertberichtigung um fast die Hälfte. Das Start-up, das schon als Einhorn gehandelt wurde, ein Unternehmen also, dass mehr als eine Milliarde Euro wert ist, steht jetzt nicht mal mehr mit einer halben Milliarde in den Büchern.

Wenigstens Hello Fresh hält seine Bewertung
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Rocket Internet - Samwers Rendezvous mit der Realität

4 Kommentare zu "Rocket Internet: Samwers Rendezvous mit der Realität"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Rocket Internet, ein schöner Name und so voller Verheißung ans Nirvana.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%