Rocket Internet „Von uns werden Sie keine fliegenden Autos sehen“

Oliver Samwer verteidigt auf der Hauptversammlung seinen Kurs: Wer die Marktführerschaft wolle, müsse Geld investieren. Auf jeden Euro Umsatz kommen bei Rocket Internet derzeit 15 Cent Verlust.
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Der Rocket-Internetgründer weiß, wie er Aktionäre auf der Hauptversammlung bei Laune hält. Quelle: dpa
Oliver Samwer

Der Rocket-Internetgründer weiß, wie er Aktionäre auf der Hauptversammlung bei Laune hält.

(Foto: dpa)

BerlinOliver Samwer weiß, wie man Leute bei Laune hält. Heute zum Beispiel möchte ein Aktionär von ihm wissen, wieso er bei seinen Amazon-Bestellungen manchmal gleich mehrere Gutscheine von dem Kochboxenversender Hello Fresh erhält. Es käme ihm manchmal so vor, als wollten die ihre Produkte einfach bloß loswerden. Ihn würde auch mal interessieren, was solche Aktionen kosten und was es bringt. Vielleicht gehöre er selbst ja auch nicht mehr zur Zielgruppe des Unternehmens – sein 25-jähriger Sohn aber bekäme die Gutscheine auch und würde nie etwas bei Hello Fresh bestellen.

Der Sohn gehöre wohl auch nicht zur Zielgruppe, erklärt Samwer ungerührt. So sei das nun mal mit den jungen Leuten: Wenn sie mit der Schule fertig seien und Mama nicht mehr koche, äßen sie erstmal Fast Food. So sei das bei ihm auch gewesen. Erst später, wenn sie selbst Familie hätten, würden sie begreifen, dass Äpfel und Brokkoli doch besser für sie wären. Dann würden sie auch bei Hello Fresh bestellen: Gesunde Zutaten für ein selbstgekochtes Essen. Gutscheine seien ein ganz normales Marketing-Instrument und mit Marketing kenne man sich bei Rocket wirklich aus. „Wenn es totaler Schwachsinn wäre, würden wir das nicht machen“, sagt Samwer. Der Saal lacht.

Hauptversammlung bei Rocket Internet. Dafür, dass die Aktien seit dem Börsengang die Hälfte ihres Wertes verloren haben, ist die Stimmung erstaunlich gut. Der Himmel ist blau, das Pfingstwochenende lang, die meisten Kleinaktionäre, die heute in den Rocket-Tower gekommen sind, verbinden den Besuch in Berlin mit einem Kurztrip. Da hat niemand Lust, den über 200 Seiten langen Geschäftsbericht genau zu lesen. Zumal man darin von Hello Fresh auch nicht viel mehr erfährt als dass die Firma im letzten Jahr um über als 90 Prozent gewachsen ist und mehr als 90 Millionen Mahlzeiten ausgeliefert hat, dabei aber auch noch mehr als 80 Millionen Euro Verlust schreibt.

Das sind die wertvollsten Start-ups der Welt
Platz 17: Spotify
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Eines der wertvollsten Start-ups der Welt wird in diesem Jahr wohl die Rangliste verlassen. Der Musikstreaming-Dienst Spotify setzt laut Medienberichten zu seinem seit langem erwarteten Börsengang an. Derzeit wird das Unternehmen aus Schweden mit 8,5 Milliarden Dollar bewertet, ein Börsengang könnte die Bewertung auf bis zu 20 Milliarden steigern. Der Dienst kommt nach eigenen Angaben auf mehr als 60 Millionen zahlende Abo-Kunden und mehr als 140 Millionen Nutzer insgesamt.

Quelle: WSJ Billion Dollar Club, Januar 2017

Platz 16. Theranos
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Mit nur 19 Jahren gründete Elizabeth Holmes (Bild) im Jahr 2003 die Firma Theranos. Mit einem kleinen Piekser in den Finger sollten innovative Technologien zuverlässige günstige Bluttests liefern. Doch dann wurden immer mehr Probleme mit den Bluttests bekannt. Ergebnisse wurden angezweifelt und letztlich als fehlerhaft zurückgezogen. 2017 konnte Theranos die folgenden Rechtstreite aber beilegen. Die letzte Finanzierungsrunde, die vor dem Skandal stattfand, bewertete das Unternehmen mit 9 Milliarden Dollar.

Platz 15: Stripe
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Die irischen Brüder Patrick (links) und John Collison gründeten 2009 das Start-up Stripe. Die Software-Plattform will Online-Zahlungsabwicklungen erleichtern und verarbeitet jährlich für Unternehmen in 25 Ländern Beträge in Milliardenhöhe. Selbst ist das Jungunternehmen 9,2 Milliarden Dollar wert.

Platz 14: DJI
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Frank Wang hat seinen Kindheitstraum wahr gemacht und sogar noch weiterentwickelt: Als er noch klein war, träumte er von einem Modell-Helikopter - als er einen besaß, crashte er ihn schnell. Doch er hielt an seinem Traum fest und gründete 2006 DJI, ein mittlerweile 10 Milliarden Dollar schweres Unternehmen, das Drohnen herstellt und verkauft. Mehr als 6000 Mitarbeiter arbeiten weltweit für die Chinesen.

Platz 13: Dropbox
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Wer hat noch keine Dateien per Dropbox verschickt? Das Start-up bietet eine Freigabe- und Speicherlösung von kleinen und großen Dateien. Drew Houston schrieb 2007 den ersten Softwarecode für Dropbox während einer Busfahrt von Boston nach New York. Mittlerweile nutzen über eine halbe Milliarde Menschen weltweit Dropbox. Das Unternehmen ist derzeit 10 Milliarden Dollar wert. Experten erwarten, dass bald ein Börsengang angekündigt wird.

Platz 12: Lyft
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Der 2012 gegründete Fahrdienst-Vermittler ist der größte Konkurrent von Platzhirsch Uber. Das Start-up ist in rund 300 US-Städten aktiv. Im Oktober 2017 steckte Google eine Milliarde Dollar in das Unternehmen. Damit stieg die Bewertung von Lyft auf 11,5 Milliarden Dollar. Ein Börsengang wird in diesem Jahr erwartet.

Platz 11: Flipkart
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Der virtuelle Marktplatz Flipkart ist das indische Pendant zu Amazon. Binny Bansal (rechts, mit Microsoft-Chef Satya Nadella) und Sachin Bansal arbeiteten vor der Gründung für den heutigen Konkurrenten Amazon, wollten dann aber eine E-Commerce-Webseite für Inder gründen. Indische Unternehmen investierten bereits drei Milliarden Dollar in das Start-up, das mittlerweile 11,6 Milliarden Dollar wert ist.

Zur guten Stimmung trägt bei, dass die Nachrichten, die Rocket Internet in den letzten Wochen gestreut hat, ziemlich gut waren: Der Pizza-Lieferdienst Delivery Hero, an dem Rocket Internet mit 30 Prozent beteiligt ist, soll noch in diesem Sommer an die Börse gehen. Mit dem südafrikanischen Medien- und Technologiekonzern Naspers hat gerade ein international anerkannter Investor mehr als 380 Millionen Euro in die Plattform investiert. Der heißeste Tipp von Oliver Samwer soll damit nun 3,5 Milliarden Euro wert sein. Auch der Online-Modehändler Namshi, ein Teil der Global Fashion Group mit Sitz in Dubai, konnte mit Emaar Malls nicht nur einen neuen Investor, sondern auch einen strategischen Partner in der Region gewinnen.

Ob Essen, Mode, Möbel oder Elektronik: Die wichtigsten Unternehmen aus dem Hause Samwer haben gemeinsam, dass sie alle sehr viel Geld in Marketing investieren müssen, bevor sich ihr Geschäft lohnt. Ganz normal, erklärt Oliver Samwer immer wieder. „Wir verlieren auf jeden Euro, den wir umsetzen, 15 Cent. Ist das top? Nein, ich hätte auch lieber plus. Aber wir müssen ja auch unsere Marktposition halten.“ Es gehöre nun mal zum Wesen von Internetmodellen, dass man damit innerhalb weniger Jahre einen Markt erobern könne. Aber dafür müsse man eben auch investieren. „Die Formel 1 können Sie auch nicht mit zehn Millionen gewinnen“, sagt Samwer und weist auf die hohen Cash-Reserven von Rocket Internet hin.

Nicht mal der Vertreter der Schutzvereinigung für Wertpapiere bestreitet diese Logik. Er wüsste allerdings schon gerne, wann die ersten Beteiligungen profitabel werden. Bis Ende 2017 sollten drei der wichtigsten Unternehmen in der Gewinnzone angekommen sein, hat Samwer im letzten Jahr versprochen. Jetzt wiegelt er ab: „Plus drei oder sechs Monate, das macht doch keinen Unterschied.“

Auch auf die Frage, welche Themen und Trends er für die Zukunft sieht, gibt er keine Antwort. Zwar sollen die Aktionäre auf der Hauptversammlung beschießen, dass Rocket Internet künftig auch Geschäfte betreiben darf, die „nach dem Gesetz über das Kreditwesen oder nach dem Kapitalanlagegesetzbuch erlaubnispflichtig sind.“ Zu Deutsch heißt das, Samwer könnte demnächst eine Bank eröffnen. Ob er das vorhat, will er seinen Aktionären aber offensichtlich nicht verraten. „Kann ich Ihnen heute versprechen, dass wir das Zalando der Fintechs bauen? Nein“, sagt er.

Es scheint ihn nicht weiter stören, dass viele Investoren heute nicht mehr auf das marketingintensive E-Commerce-Geschäft wetten, sondern über High-Tech-Themen wie künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und das Internet der Dinge reden. Er sei mit seinem bisherigen Kurs sehr zufrieden, sagt Samwer. „Von uns werden Sie keine fliegenden Autos sehen.“

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