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12.02.2008 
„Die Schere geht weiter auseinander“

RTL 2 will Teil von Rundfunkgebühr

von Hans-Peter Siebenhaar

RTL-2-Chef Jochen Starke fordert im Handelsblatt-Interview, dass ARD und ZDF nach britischem Vorbild einen Teil des Kuchens an die private Konkurrenz abgeben muss. Zudem erläutert der Senderboss, warum er die geplante Gebührenerhöhung und das Werbeduopol von Pro Sieben Sat1 und RTL fürchtet.

RTL-2-Chef Jochen Starke. Foto: PRLupe

RTL-2-Chef Jochen Starke. Foto: PR

Herr Starke, der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger sprach vor kurzem vom „Scheiß-Privatfernsehen“ und nannte RTL 2 als Musterbeispiel. Hat Sie das getroffen?

Das ist uns natürlich sauer aufgestoßen. Herr Oettingers Kritik war unbegründet und unsachlich. Das weiß Herr Oettinger auch. Deshalb hat er das mittlerweile auch öffentlich neu eingeordnet.

Ist die Politik vom Privatfernsehen wie RTL 2 enttäuscht?

Politiker schaffen Rahmenbedingungen wie vor über 20 Jahren bei der Einführung des Privatfernsehens. Doch wir verstehen nicht, warum Landespolitiker in Wahlkämpfen oder bei Neujahrsansprachen auf uns einprügeln. Das macht keinen Sinn.

RTL 2 wird 15 Jahre alt. Da gab es nicht immer nur Glanzpunkte im Programm?

Wir hatten unsere Höhen und Tiefen. Aber wir sind vor allen Dingen auch Innovator im Programmbereich. Ich erinnere daran, dass wir die ersten waren, die Reality-TV, Dokutainment, Bollywood oder japanische Animationsfilme nach Deutschland gebracht haben.

Was wünschen Sie sich von der Medienpolitik?

Wir wünschen uns, dass die Politik endlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen genauer unter die Lupe nimmt.

Was meinen Sie damit?

Die Expansion von ARD und ZDF im Internet und im digitalen Bereich macht uns Sorgen. Und die Politik? Sie bleibt weitgehend tatenlos. Der Markt hat sich stark gewandelt. Früher gab es bei der Werbung einen Nachfragemarkt. Das ist längst vorbei. Heute gibt es ein Überangebot von Sendern. Das hat Folgen. Um den Werbekuchen wird stärker denn je gekämpft.

Wie ist die Entwicklung im TV-Werbemarkt aus Ihrer Sicht?

Die Netto-Werbeumsätze der privaten Fernsehveranstalter sind seit dem Jahr 2000 gesunken. Wir haben bisher nie mehr dieses Niveau erreicht, auch im Jahr 2007 nicht. Hingegen sind die GEZ-Gebühren kontinuierlich gestiegen. Die Rundfunkgebühren betrugen vor acht Jahren noch 5,9 Mrd. Euro. Im Jahr 2006 waren es schon 7,3 Mrd. Euro. Dagegen haben es die Privaten schwerer. Der Gesamt-Nettowerbemarkt betrug 2007 nur noch 4,2 Mrd. Euro.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat ein werbefreies öffentlich-rechtliches Fernsehen beschlossen. Ist das ein Modell für Deutschland?

Wir würden eine ARD und ein ZDF ohne Werbung begrüßen. Doch ehrlich gesagt, fände ich das britische Modell noch viel besser. Da erhalten Privatsender Geld aus der Rundfunkgebühr. Die Lösung in Großbritannien finde ich gerecht. Das ist ein Modell für Deutschland.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: „Die Schere zwischen Öffentlichen-Rechtlichen und Privaten geht immer weiter auf.“

Die unabhängige Finanzkommission KEF hat nun eine Erhöhung der GEZ-Gebühr um 95 Cent auf knapp 18 Euro empfohlen. Wird sich dadurch das Ungleichgewicht zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk noch verstärken?

Die Schere zwischen Öffentlichen-Rechtlichen und Privaten geht immer weiter auf. Angesichts der schwierigen Konjunktur wird sich das Ungleichgewicht verstärken. Das bringt die privaten Sender im Hinblick auf Programmeinkauf und Produktion weiter in die Defensive.

Die Fernsehwerbung ist derzeit durch einen spektakulären Betrugsprozess, durch Ermittlungen gegen die Geschäftsführer der Werbetöchter von RTL und Pro Sieben Sat 1 und durch eine Kartellamtsstrafe in Verruf geraten. Fürchten Sie einen dauerhaften Schaden bei Ihren Kunden?

Man muss differenzieren zwischen den Ermittlungen gegen Personen einer einzelnen Mediaagentur wegen Fehlverhaltens, und dem Kartellamtsverfahren gegen die beiden Werbezeitenvermarkter IP und Seven One Media. Darüber hinaus gibt es weitere Ermittlungen gegen Einzelpersonen, deren Ausgang wir abwarten müssen.

... und was ist mit dem Schaden?

Der TV-Werbemarkt befindet sich zwar in einer Übergangsphase. Bei uns buchen die Kunden jedoch derzeit sogar verstärkt ein.

Herr Starke, die Mehrheit ihrer Gesellschafter will RTL und Pro Sieben Sat 1 wegen eines illegalen Werberabattsystems auf mehr als 60 Millionen Euro Schadenersatz verklagen. Halten Sie das für eine gute Idee?

Hierbei geht es nicht um die Frage, ob ich das für eine gute Idee halte. Das Kartellamt hat festgestellt, dass die Rabattsysteme der beiden großen Vermarkter kartellrechtswidrig waren. Laut dem Amt seien die kleineren Vermarkter vom Markt verdrängt worden. Insofern bin ich natürlich als Geschäftsführer dazu verpflichtet zu prüfen, ob die Gesellschaft geschädigt wurde.

RTL und Pro Sieben Sat 1 haben nach Meinung des Kartellamts ihr Rabattsystem gnadenlos auf Kosten kleiner Sender im Markt genutzt. Sind Sie sicher, dass Sie die beiden großen Fernsehkonzerne künftig nicht wieder an die Wand drücken?

Die Rabattsysteme der beiden großen Werbezeitenvermarkter wurden erst zu Beginn des Jahres umgestellt. Daher wäre eine Prognose über deren Wirkung auf die kleineren Vermarkter verfrüht. Das Kartellamt wird aber mit Sicherheit zukünftig ein Auge darauf haben.

RTL 2 ist bei der Werbevermarktung vor vier Jahren eigene Wege gegangen. Sie vermarkten ihren Sender auf eigene Faust. War das eine richtige Entscheidung?

Die Eigenvermarktung ist sicher nicht der einfachste Weg. Aber wir haben uns sehr gut entwickelt. Mittlerweile sind wir zur unumstrittenen dritten Kraft im Markt aufgestiegen. Unser Werbetochter El Cartel Media ist derzeit gut unterwegs.

Was meinen Sie mit gut unterwegs?

Wir sind zum Beispiel mit anderen Sendern im Gespräch, um unsere Position als dritte Kraft im Markt auszubauen.

Wen wird denn RTL 2 künftig noch vermarkten?

Die Gespräche laufen noch. Ich bitte um Verständnis, dass ich daher keine Namen nennen kann.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie die Erwartungen des Senders für 2008 aussehen.

Pro Sieben Sat 1 und RTL versuchen ein neues Werbezeitenmodell einzuführen. Beide TV-Konzerne haben damit große Schwierigkeiten oder?

Wir nehmen sehr deutlich wahr, dass die Kunden mit den neuen Werbezeitenmodellen verunsichert sind. Sie werden vom Markt nicht wie gewünscht angenommen. Bei RTL 2 fahren wir hingegen ein klassisches Vermarktungsmodell. Das kommt an.

RTL und Pro Sieben Sat 1 haben fast 200 Mill. Euro in einem Vergleich an das Bundeskartellamt wegen illegaler Preisabsprachen gezahlt. Profitiert RTL 2 davon, dass der Sender seinen eigenen Weg geht?

Natürlich profitieren wir auch von der starken Verunsicherung im Markt. Aber vor allen Dingen nimmt der Markt unser klares Vermarktungsmodell an. Das hat uns der starke Januar für RTL 2 gezeigt.

Wie sehen denn ihre Erwartungen für 2008 aus?

Wir wollen um mindestens fünf Prozent bei den Netto-Werbeeinnahmen wachsen.

Wo soll das Wachstum herkommen?

Durch mehr Zuschauer und eine bessere Kapitalisierung des Marktanteils. Wir haben 6,3 Prozent Marktanteil im vergangenen Jahr in der werberelevanten Zielgruppe der 14-49 Jährigen erzielt. Das ist eine Steigerung um 0,3 Prozentpunkte zum Vorjahr. Darauf sind wir stolz. Zudem sind wir im Konkurrenzvergleich ein junger Sender.

Doch wo soll das Wachstum herkommen?

Wir investieren weiter ins Programm. Das Investment in hochwertige Programmlizenzen und Auftragsproduktionen zahlt sich aus. So haben wir eine ganze Reihe von Hollywood-Serien wie „Dexter“ oder „Californication“ im Portfolio, die wie „Heroes“ im letzten Jahr Furore machen werden. Damit werden wir unsere Marktanteile ausbauen.

Können Sie eine Zahl nennen?

Wir wollen 6,3 Prozent plus x Marktanteil in der Zielgruppe.

Das vergangene Jahr war für RTL 2 wirtschaftlich durchwachsen. In der Branche wird kolportiert, sie hätten 2007 ihr Nettowerbeerlösziel nicht erreicht? Stimmt das?

2007 ist es uns gelungen, unser Planziel zu übertreffen. Klar ist, dass unsere Mitbewerber der beiden großen Sendergruppen sich über 80 Prozent des Werbemarktes holen. Wir sind gut positioniert und wollen unseren Anteil in Zukunft natürlich ausbauen.

Wird sich nun die Situation im Werbemarkt verbessern, nachdem das Kartellamt eingegriffen hat?

Wir werden durch die Kartellamtsentscheidung gestärkt. Da habe ich keine Zweifel. Außerdem werden wir unsere Zusatzgeschäfte im Musikbereich wie mit „The Dome“, aber auch im Internet und im Merchandising ausbauen. Wir wollen unabhängiger vom Werbemarkt werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Wie ernst Starke die Konkurrenz aus dem Internet nimmt.

Wie groß ist der Druck ihres Mitgesellschafters RTL, die eigene Werbetochter aufzugeben und in den Schoß des Kölner Mutterkonzerns zurück zu kehren?

Was für RTL und alle anderen Gesellschafter zählt, sind gute Ergebnisse. Und die werden wir liefern.

RTL 2 war viele Jahre der profitabelste Privatsender Deutschlands. Wann können sie an die glorreichen Zeiten wieder anknüpfen?

Die Renditen der Vergangenheit sind kurz- und mittelfristig nicht erreichbar. Aber wir erwirtschaften zufrieden stellende Renditen.

Wie ist denn die Stimmung unter den Gesellschaftern Herbert Kloiber, RTL und dem Hamburger Verleger Heinz Bauer? Da gab es ja in der Vergangenheit immer wieder Krach?

Das ist wie in einer Ehe. Da gibt es Höhen und Tiefen. Dass es auch mal unterschiedliche Meinungen gibt, ist doch völlig klar.

RTL 2 war in der Vergangenheit sehr stark von der Film- und Serienproduktion von Hollywood abhängig. Ist das gefährlich?

Es gibt einen eindeutigen Trend in Deutschland. Amerikanische Serien sind viel stärker als deutsche gefragt. Deshalb setzen wir weiter auf Hollywood.

Es gibt Gerüchte, dass die Hollywood-Studios im Mai ihre Filmmesse L.A. Screenings absagen könnten?

Ich kenne die Spekulationen durchaus. Das bringt uns nicht in Bedrängnis. Denn wir sind beispielsweise im Serienbereich unabhängiger als die anderen Privatsender. Zudem haben wir mit Realityformaten wie „Big Brother“ eine Sonderstellung, die in der aktuellen Situation komfortabel ist.

Wie ernst nehmen sie die Konkurrenz aus dem Internet. Graben ihnen Youtube und Babelgum das Wasser ab?

Da sind wir ganz gelassen. Das eine Medium ersetzt nicht das andere. Es wird ein Nebeneinander geben. Das Fernsehen ist ein Entspannungsmedium. Das kann man vom Internet, wo der Nutzer aktiv sein muss, nicht unbedingt sagen.


RTL 2 – der unbequeme Sender

Klage gegen Große
Der Fernsehsender RTL 2 – die Nummer sieben im Markt – prüft eine Klage gegen seinen Gesellschafter RTL und dessen Konkurrenten Pro Sieben Sat 1 auf mehr als 60 Mill. Euro Schadensersatz. Treiber der Klage sind die anderen Gesellschafter – Herbert Kloiber mit seiner Tele-München-Gruppe und die Verlagsgruppe Heinrich Bauer. Kloiber und Bauer halten je 31,5 Prozent der Anteile. Bertelsmann hält über RTL einen Anteil von 35,9 Prozent.

Streit um Werbung
Die großen Fernsehkonzerne RTL und Pro Sieben Sat 1 mussten 2007 Bußgelder von 96 und 120 Mill. Euro an das Kartellamt zahlen. Die Wettbewerbshüter hatten gegen sie ermittelt, weil das Rabattsystem ihrer Vermarktungstöchter kleinere Sender benachteiligt habe. Die Strafen sorgten führten zu Gewinneinbrüchen bei RTL und Pro Sieben Sat 1. RTL 2 hingegen vermarktet auf eigene Faust – diese Idee des Ex-RTL2-Chefs Josef Andorfer führt sein Nachfolger Jochen Starke (Foto) fort.

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