SAP
System-Fehler in Walldorf

Am Mittwoch beginnt eine neue Epoche für SAP. Zum ersten Mal seit der Gründung vor 34 Jahren sind die Mitarbeiter in Deutschland aufgerufen, einen Betriebsrat zu wählen. Vorbei sind dann die Zeiten, in denen SAP der einzige Dax-Konzern ohne eine organisierte Arbeitnehmervertretung war. Szenen eines skurrilen Wahlkampfs.

WALLDORF. Dass etwas fehlt, ist ihm zum ersten Mal vor knapp fünf Jahren aufgefallen. Mitte 30 war Lars Rothermund* und gerade aus dem Ausland in die Konzernzentrale zurückgekehrt: „Die Familie wollte das so, die Kinder sollten hier zur Schule gehen.“ Für ihn keine so gute Idee. Sein neuer Job entwickelte sich anders als gedacht: Sein Chef hielt seine Zusagen nicht ein, und die Kollegen wurden besser bezahlt als er. „Ich hatte Schwierigkeiten, hier wieder Fuß zu fassen“, sagt Rothermund, ein großer, schlacksiger Mann, der mit sparsamen Gesten und leiser Stimme von seinen Problemen erzählt. „Damals hab ich mir einen Betriebsrat gewünscht, denn mein altes Netzwerk, das gab es nicht mehr.“ Einen Betriebsrat aber auch nicht.

Etwa zur gleichen Zeit wechselte Michael Strasser* den Arbeitgeber. Er fing bei derselben Firma an, bei der Rothermund arbeitet, an einem anderen Standort, in einer anderen Abteilung. „Ich wollte unbedingt zu einem Unternehmen ohne Betriebsrat“, erzählt Strasser. Zu viele schlechte Erfahrungen hatte er gemacht mit den Gewerkschaftern bei seiner alten Firma – der Betriebsrat hatte die Geschäftsführung gelähmt und ein flexibles Arbeiten verhindert. „Klagen wegen Missachtung des Mitbestimmungsgesetzes waren an der Tagesordnung“, erregt sich Strasser. In seiner Stimme liegt eine Mischung aus Entrüstung und totaler Fassungslosigkeit. „Ich konnte dort nicht mehr arbeiten, ein neuer Job musste her.“

Zwei Schicksale, zwei Ansichten – ein Unternehmen. Rothermund und Strasser verdienen ihr Geld bei Europas größtem Softwarekonzern, der SAP AG. Ein Unternehmen, für das morgen eine neue Epoche beginnt. Zum ersten Mal seit der Gründung vor 34 Jahren sind knapp 11 000 Mitarbeiter in Deutschland aufgerufen, einen Betriebsrat zu wählen. Vorbei sind dann die Zeiten, in denen SAP der einzige Dax-Konzern ohne eine organisierte Arbeitnehmervertretung war.

Bei Tausenden von Unternehmen in der Republik ist die Betriebsratswahl alle vier Jahre eine Routineangelegenheit, die viele Beschäftigte kalt lässt. Bei SAP aber polarisiert der Vorgang seit vier Monaten die Belegschaft. Auf der einen Seite stehen die, die sich allein gelassen fühlen mit ihren Problemen, ihren Sorgen über den Wandel des Unternehmens und die sich einen Betriebsrat wünschen. Auf der anderen Seite haben sich jene versammelt, die allein schon das Wort Betriebsrat als Provokation empfinden, als Kampfansage an die Unternehmenskultur und die, die sie geprägt haben. Die zweite Gruppe ist klar in der Mehrheit – 91 Prozent der deutschen SAP-Belegschaft stimmten bei einer Betriebsversammlung Anfang des Jahres gegen die Wahl eines Betriebsrats. Drei SAP-Beschäftigte aber zogen mit Hilfe der IG Metall vor das Arbeitsgericht, um die Wahl juristisch durchzusetzen. Der Konzern lenkte jedoch vorher ein.

Seite 1:

System-Fehler in Walldorf

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Seite 6:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%