Schallplatten
Vinyl wird die CD überleben

Retro-Hype, Sehnsucht nach Wärme und Freude an alter Technik bescheren der Schallplatte einen nicht enden wollenden Boom. Das stellt Musiker, Plattenlabels und Hersteller vor Probleme.
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In seinem Roman „Mr. Vertigo“ schildert Autor Paul Auster, wie der Waisenknabe Walt in 33 Schritten unter der Anweisung des Master Yehudi lernt zu schweben. Der Leser ist im Verlaufe der wilden Geschichte bereit zu glauben, dass Menschen lernen können zu schweben. 596 Menschen weltweit haben dem Unternehmen MAG-LEV Audio mindestens 780 US-Dollar anvertraut, weil es ähnliches verspricht: Einen schwebenden Plattenteller.

Das Kickstarterprojekt aus Ljubljana schloss Ende November mit 552.178 die Sammelphase ab, im Sommer 2017 sollen die ersten Schallplattenspieler ausgeliefert werden. Der Clou - der Plattenteller schwebt auf einem Magnetfeld und hat keinen Kontakt mit dem Gehäuse außer der Abtastnadel.

Schallplattenspieler – jene archaische Übertragungstechnik, deren Ende mit der Einführung der CD besiegelt schien. Für lange Jahre fristete das Medium, erfunden 1887 als Grammophon von Emil Berliner, ein Nischendasein bei Hififreaks und verbohrten DJs, die lieber schwere Taschen und Kisten schleppten, statt vom Laptop aus die Musik abzurufen.

In den vergangenen Jahren folgte ein Revival, das die Hersteller von Schallplatten, die Musiklabels und die Produzenten von Abspielgeräten überraschte. Wurden 2005 lediglich sechs Millionen Euro mit Vinyl-Tonträgern verdient, waren es 2015 mit 50 Millionen ein Vielfaches. Anfang Dezember überraschte die Nachricht, dass in Großbritannien die Umsätze mit Vinyl mit 2,4 Millionen Pfund in einer Woche, die mit digitalen Downloads um 300.000 Pfund überstiegen hätten.

Die Schallplatte, hergestellt aus Polyvinylchlorid, wird ihren ärgsten Widersacher, der ihr Anfang der 80er das Leben schwer macht, die CD aus Polycarbonat, sicher überleben.

Während der Dienstleister Arvato schon 2011 mit dem Ende der Massenproduktion von CDs rund um das Jahr 2020 rechnete, hat sich in Großbritannien Roy Gandy vor gut drei Jahren entschlossen, in die Entwicklung neuer Technik für Schallplattenspieler zu investieren. „Wir sind ein Haufen Ingenieure mit Liebe zur Musik, die seit mehr als 40 Jahren Schallplattenspieler herstellen, so wie wir es für richtig hielten. Aber das war unser erster unternehmerischer Entschluss, Geld in die Entwicklung zu investieren, weil es vernünftig ist“, sagt Gandy, Inhaber und Chef des britischen Hersteller Rega.

Neue Investitionen

Waren es Ende der 90er Jahre noch gut 700 Plattenspieler, die Rega monatlich herstellte, waren es allein diesen November 4800 Stück, mehr als die Hälfte davon das Einstiegsmodell für unter 300 Euro, das seit August diesen Jahres auf dem Markt ist. Es spricht allein durch den Preis auch ein junges Publikum an. „Das ist das einzige, was uns an diesem Wachstum ein wenig nachdenklich stimmt: Vinyl ist zum Teil auch ein wenig Mode“, sagt Gandy. So viel Mode, dass der Sender Radioeins des rbb kurz vor den Feiertagen seine erste Langspielplatte mit exklusiven Stücken auf den Markt brachte. Und so gewinnträchtig, dass die Fahnder der Justiz in Baden-Württemberg Ende November als sie eine Lagerhalle mit Rauskopien aus auch zahlreiche LPs unter den zwei Millionen Tonträgern fanden.

Ähnlich wie Singlespeed-Fahrräder, Wollmützen oder handgefilterter Kaffee, spricht das Medium Vinyl mehr als den reinen Musikliebhaber im Käufer an. 80 Prozent der Schallplattenkäufer sind männlich, rund ein Viertel hat die 30 noch nicht erreicht. „Wolf – Das Männermagazin fürs Wesentliche“ schwärmt in seiner Erstausgabe von Ende November über die Knackgeräusche von Vinyl, das Jugenderinnerungen weckt und schildert den Einkauf in einem Plattenladen als Einkaufserlebnis für Menschen, die dem schnellen Bestell-Klick entkommen wollen.

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Analoges Feigenblatt einer digitalen Kette

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