Schaukampf um Zukunft der Zeitungen
Streit um Stellenabbau bei "L.A. Times" eskaliert

Dramatische Krise beim amerikanischen Zeitungshaus Tribune: Ein Management, das sich seit Monaten mit seinen Großaktionären in den Haaren liegt. Ein Chefredakteur, der sich öffentlich dem Sparbefehl der Geschäftsführung verweigert und mehr Reporter fordert. Eine Lesergemeinde, die das journalistische Flaggschiff "Los Angeles Times" notfalls selbst übernehmen will, um die Zeitung vor den Sparkommissaren aus Chicago zu schützen. Was als Streit über den Kurs des Chicagoer Verlags begonnen hat, weitet sich zu einem öffentlichen Schaukampf über die Zukunft der Zeitungen in Amerika aus.

NEW YORK. Zeigen sich doch am Beispiel der "L.A. Times" exemplarisch die Probleme, mit denen nahezu alle US-Zeitungen zu kämpfen haben: Das Internet nimmt den Verlagen Leser und Anzeigenkunden weg, die Investoren an der Wall Street lassen Zeitungsaktien fallen, und institutionelle Anleger fordern die Zerschlagung der Medienhäuser. Tribune ist bereits der zweite Großverlag, der in den Krisenstrudel geraten ist. Vor einigen Monaten war das Traditionshaus Knight Ridder auf Druck eines Finanzinvestors mitsamt seinen 32 Zeitungen an die McClatchy-Gruppe verkauft und später zerschlagen worden.

Kurz danach verlangte die Chandler-Familie vom Tribune-Management einen radikalen Kurswechsel und wollte auch einen Verkauf oder eine Aufspaltung des Konzerns in TV- und Zeitungsgeschäft nicht ausschließen. Tribune besitzt insgesamt elf Zeitungen und 26 TV-Sender. Der Börsenkurs des Unternehmens ist seit 2003 um 38 Prozent gesunken, die Auflage der "L.A. Times" schmolz zuletzt um 5,4 Prozent auf etwa 850 000 Exemplare. Mit etwa 20 Prozent liegt die operative Gewinnmarge der Zeitung jedoch noch immer höher als bei den meisten Konkurrenzblättern. Die Wall Street bleibt dennoch skeptisch. "Wir rechnen nicht damit, dass viele (Zeitungs-)Manager mit großen Hoffnungen auf die nahe Zukunft blicken", schreibt Lauren Rich Fine, Analystin beim Brokerhaus Merrill Lynch.

Als frühere Eigentümerfamilie der "L.A. Times" wetterten die Chandlers nicht nur gegen das angebliche Missmanagement in Chicago, sondern sprachen sich auch gegen weitere Sparmaßnahmen bei der viertgrößten Zeitung des Landes aus. Die Familie hatte ihren Verlag Times Mirror vor sechs Jahren für knapp sechs Mrd. Dollar an Tribune verkauft und hält seitdem etwa 15 Prozent der Anteile und drei der elf Sitze im Verwaltungsrat von Tribune.

Eine neue Wendung nahm die Krise vergangene Woche, als Dean Baquet, Chefredakteur der "L.A. Times", weitere Stellenkürzungen in der Redaktion ablehnte. Der Chefredakteur widersprach damit öffentlich seinem Vorgesetzten Scott Smith in Chicago, der neuerliche Einschnitte im Etat gefordert hatte. "Ich bin nicht grundsätzlich gegen Kürzungen", sagte Baquet seiner eigenen Zeitung, "aber man kann es auch übertreiben, und ich habe nicht vor, das zu tun." Unterstützung bekam der Chefredakteur von seinem Herausgeber Jeffrey Johnson: "Zeitungen können ihren Weg in die Zukunft nicht mit Kürzungen ebnen." Die "L.A. Times" hat in den vergangenen fünf Jahren die Zahl ihrer Redaktionsmitglieder um 200 auf 940 gesenkt.

Rückendeckung erhält die Redaktion auch von ihren Lesern. Eine Gruppe von 20 betuchten Persönlichkeiten aus dem Großraum Los Angeles drückte in einem Schreiben an Tribune-Chef Dennis FitzSimons ihre Sorge aus, dass weitere Sparmaßnahmen die Qualität der Zeitung beeinträchtigen würden. Zu der Gruppe gehören unter anderem der frühere US-Außenminister Warren Christopher und der Medienunternehmer David Geffen. Letzterer soll Tribune ein Kaufangebot vorgelegt haben. Der Wert der Zeitung wird auf rund zwei Mrd. Dollar geschätzt.

Morgen will Tribune-Chef FitzSimons dem Verwaltungsrat seinen Zukunftsplan für das Zeitungshaus vorstellen. Am gestrigen Dienstag verteidigte er mit Blick auf die sinkenden Erlöse noch einmal die geplanten Etat-Kürzungen bei der "L.A. Times". "Tribune hat mehr als 250 Mill. Dollar in die Zeitung gesteckt, um die Qualität zu verbessern", schrieb FitzSimons in einem Antwortbrief an die besorgten Leser. Die "L.A. Times" habe die größte Redaktion und den höchsten Etat aller amerikanischen Großstadtzeitungen ohne landesweite Verbreitung.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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