Schnüffelskandal
Erste Klagen gegen HTC und Carrier IQ eingereicht

Die Affäre um die Schnüffelsoftware auf Mobiltelefonen der Anbieter AT&T und Sprint zieht immer weitere Kreise. Erste Verbraucher haben Sammelklagen eingereicht. In Deutschland steht Apple unter Druck.
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San FranciscoWer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Vor zwei Wochen erst hatte Carrier IQ, ein Start-Up-Unternehmen aus dem kalifornischen Mountain View, mit rüden Klagedrohungen und hohen Schadenersatzforderungen versucht, einen Kritiker mundtot zu machen. Jetzt sieht sich das Unternehmen selbst massiven Klagen gegenüber. Der Onlinedienst paidcontent.org hat auf seiner Webseite eine Klageschrift veröffentlicht, die sich gegen den Softwarehersteller und den taiwanesischen Gerätehersteller HTC richtet.

Bei der Sammelklage der Sprint-Kundin Erin Janek aus St. Louis, der sich weitere Betroffene anschließen können, geht es um eine Verletzung des sogenannten Federal Wiretape Acts. Er untersagt das Ausspionieren von gesprochener oder elektronischer Kommunikation. Ihr sei nicht bewusst gewesen, dass ihre private Kommunikation über ihr HTC-Smartphone belauscht worden sei und sie habe auch keine Einwilligung dazu gegeben, heißt es in der Klage.

Die Auswirkungen könnten enorm für die betroffenen Unternehmen sein. Pro Verletzung des Wiretape Act ist eine Strafe von 100 Dollar möglich. Carrier IQ hat nach eigenen Angaben seine Software auf fast 150 Millionen Geräten installiert. Angeblich sammelt sie nur Informationen die zur Verbesserung und Fehlererkennung in Mobilfunknetzen dienen. Der Software-Entwickler Trevor Eckhart wirft dem Unternehmen aber vor alles mitzulesen, von Tastaturanschlägen bis zu aufgerufenen Webseiten und Inhalten von SMS.

Mit dem demokratischen Senator Al Franken aus Minnesota hat der Skandal jetzt auch das politische Washington erreicht. Der Vorsitzende des Unterausschusses für Datenschutz verlangt von der Carrier IQ Inc., Netzbetreibern und Geräteherstellern bis Mitte Dezember detaillierte Auskunft über den Einsatz der Software zu geben.

Hinweise auf die umstrittene Software hatten sich zuletzt auch auf Apple-Smartphones in Deutschland gefunden. Während Apple erklärt hat die Software nicht weiter unterstützen zu wollen, hat sich auch hier die Politik eingeschaltet. Der bayerische Datenschutz hat Apple um Auskunft über das potenzielle Datenschutzrisiko gebeten und ob sensible Daten ausgelesen werden.

Die sechs Jahre alte kalifornische Softwarefirma weist alle Vorwürfe zurück und betont, nur auf Anweisung der Mobilfunkbetreiber zu arbeiten. Die sind momentan noch nicht das Ziel von Sammelklagen, aber Beobachter gehen davon aus, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis auch die Mobilfunk-Giganten verklagt werden. Smartphonehersteller wie HTC und Samsung hatten in Stellungnahmen betont, nur auf ausdrückliches Verlangen der Mobilfunker die Software installiert zu haben. Gerade für AT&T kommt der Skandal zur absoluten Unzeit. Der Marktführer versucht gerade gegen massiven Widerstand des US-Justizministeriums den Konkurrenten T-Mobile USA zu übernehmen.




Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Schnüffelskandal: Erste Klagen gegen HTC und Carrier IQ eingereicht"

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  • Ein bisschen absurd ist das schon: Meinungen öffentlich äußern (unter Nickname!) und sich dann darüber beschweren, dass an dieser veröffentlichten (!!!) Meinung "geschnüffelt" wird. Wenn wir in China oder Iran wären, würde ich die Ängste ja verstehen, aber hier geht es ausschließlich darum, zielgruppengesteuerte Werbung zu treiben (semantic targeting).

  • Achsoo, das ist also der Grund warum viele Webseiten auf disquss umgestiegen sind. Ich dachte mir auch, das kann net sein. Anscheinen bezahlt disquss sehr gut

  • Wenn man die Datenschutzbestimmungen von weltonline liest
    wird es einem ganz Bange wer mit informiert wird und
    wo die Daten abgelegt oder ausgewertet werden dürfen.
    "Die Auswertung und Aufbereitung dieser Daten erfolgt sowohl in Staaten der EU- als auch in Staaten, die nicht der EU angehören. "

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