Philip Rosedale, Gründer des Unternehmens Linden Lab, räumt seinen Chef-Posten. Nachfolger wird Mark Kingdon, der in Punkto virtuelle Welten keinerlei Erfahrungen mitbringt. Prompt machen Spekulationen die Runde, wonach Linden Labs Online-Welt Second Life verkauft werden soll. Der neue CEO dementiert.
Virtuelle Niderlassung von Mercedes-Benz in der Internet-Welt Second Life: Die Repräsentanzen großer Unternehmen zeichnen sich vor allem durch gähnende Leere aus. Foto: dpa
FRANKFURT. Das Amulett um den Hals von Philip Rosedale ist eine Einladung für jeden Journalisten. Eine Hand mit einem Auge in der Mitte hängt an dem Lederband, das "Auge der Fatima" nennt man diese Kombination gemeinhin. Sie soll vor bösen Blicken schützen - was für eine Vorlage zu einem Spiel mit Worten und Bildern.
"Hat nicht geholfen", könnte man zum Beispiel witzeln: Der 39-Jährige räumt den Chef-Posten des von ihm gegründeten Unternehmens Linden Lab und wird sich künftig mit weniger öffentlicher Präsenz um Technik kümmern. Doch das Amulett hat keine mystische Bedeutung: Die abgewandelte Fatima-Hand ist das Logo von Second Life, der virtuellen Welt, Linden Labs einziges Produkt.
Rosedales Nachfolger als CEO ist eine große Überraschung: Mark Kingdon bringt keine Erfahrung in Sachen virtuelle Welten mit, er war seit 2001 Chef der Multimediaagentur Organic, einer Tochter des Werberiesen Omnicom. Vorher arbeitete er als Partner bei der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers. Sein Ruf ist tadellos: Der 45-Jährige hat Organic zu einer der angesehensten US-Agenturen der Branche gemacht. Als "sehr ausgewogenen Generalisten" bezeichnet er sich selbst. Antreten wird er seinen Posten am 15. Mai.
Was will so einer bei Linden Labs? "Mich interessiert das ganze Thema der sozialen Vernetzung über Computer in 3D", sagte Kingdon dem "Wall Street Journal" - eine etwas dünne Erklärung. Das weiß er wohl selbst und ergänzt: "Ich habe zwar keinen Technik-Hintergrund, habe aber meine gesamte Karriere über mit Technologie gearbeitet."
So mancher Branchendienst vermutet anderes: Second Life stehe vor dem Umbruch, möglicherweise gar vor dem Verkauf. Nachdem die virtuelle Welt im ersten Halbjahr 2007 einen gewaltigen Hype durchgemacht hat, sind die Wachstumsraten abgeflacht. 13 Millionen Identitäten gibt es in Second Life, wie viele Menschen dahinter stehen, ist unklar - die harten Fans gönnen sich mehrere Leben. Aber nur rund 772 000 dieser Identitäten waren im vergangenen Monat auch tatsächlich aktiv. "Im Angesicht einer sich abkühlenden Konjunktur will Hauptinvestor Benchmark Capital verkaufen oder Linden Labs an die Börse bringen", mutmaßt ein Kapitalgeber aus Kalifornien, der lieber ungenannt bleiben möchte.
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Gründer Rosedale weist diese Spekulation im Gespräch mit dem Handelsblatt weit von sich: "Warum sollte so etwas passieren? Wir wachsen weiter mit fünf bis zehn Prozent monatlich und sind profitabel." Detailzahlen veröffentlicht Linden Labs nicht, Branchenkenner schätzen den Umsatz auf 25 bis 30 Mill. Dollar.
Warum er trotzdem zurücktritt? "Weil ich es will. Meine Stärke sind Technologie, Vision und Strategie. Ich bin ein Erfinder, ich baue Dinge. Ich glaube, ich bin nicht die beste Besetzung für den Posten des CEO." In der Tat genießt Rosedale im Silicon Valley als Programmierer einen gewaltigen Ruf: Vor der Gründung von Linden Lab war er maßgeblich am Erfolg des Videoplayer-Unternehmens Real Networks beteiligt.
Zwischen den Zeilen lässt er durchblicken, dass die erste Hälfte des Jahres 2007 nicht leicht war. Nicht, weil die Kunden wegblieben - sondern weil zu viele kamen: "Wir erlebten einen wahnsinnigen Medien-Hype, zu dem wir nichts beigetragen haben. Es gab Zeiten, da ging es nicht mehr darum, die Plattform weiterzuentwickeln, sondern sie am Laufen zu halten." Es war eine merkwürdige Zeit: Weltweit entdeckten Medien die virtuelle Welt und jubelten sie hoch. Nach einem halben Jahr eine Gegenbewegung: Mit einem Mal schrieben Zeitungen und Zeitschriften die Plattform in Grund und Boden. Es gab einen kleinen Bankenskandal, ein TV-Magazin deckte den Handel mit Kinderpornos auf.
Zur gleichen Zeit scheiterten die meisten Versuche von Großkonzernen, in Second Life Fuß zu fassen. Die großen Repräsentanzen von Unternehmen wie Daimler-Chrysler zeichneten sich vor allem durch eines aus: gähnende Leere. "Hätten wir diese Unternehmen aggressiver vor zu hoch gesteckten Erwartungen warnen müssen? Vielleicht. Es gibt einiges, was wir besser hätten machen können", bekennt Rosedale.
Das meint auch Björn Ognibeni: "Es ist ein faszinierendes Konzept", sagt der Head of Consulting der Online-Marketingberatung Trnd: "Aber es ist in seiner Anlage nur für eine relativ kleine Gruppe Menschen interessant." Ihn erinnert das Auf und Ab von Second Life an das Internet im Jahr 2000: "Der große Hype war erstmal vorbei - trotzdem entwickelte sich das Medium weiter."

