Selbstmordserie
France Télécom: Gestörte Verbindung

24 Angestellte der France Télécom haben sich in den vergangenen 18 Monaten das Leben genommen. Für die Mitarbeiter sitzen die Schuldigen in der Chefetage. Nun versucht das Unternehmen den Befreiungsschlag: Stéphane Richard steigt zur neuen Nummer zwei im Konzern auf, spätestens 2011 soll er an die Spitze vorrücken.

PARIS. France-Télécom-Chef Didier Lombard strahlt üblicherweise Ruhe und eine gewisse Selbstzufriedenheit aus. Doch das Lächeln ist in diesen Tagen aus dem rundlichen Gesicht des 67-Jährigen verschwunden. Heute wirkt er angespannt. Bodyguards wachen an seiner Seite.

24 seiner Angestellten haben sich in den vergangenen 18 Monaten das Leben genommen; zuletzt stürzte sich ein Call-Center-Mitarbeiter aus Annecy von einer Autobahnbrücke. Unverzüglich eilte Lombard vergangene Woche an den Arbeitsplatz des Betroffenen. Dort angekommen, buhte ihn die Belegschaft aus. Für heute haben die Gewerkschaften die 100 000 Mitarbeiter von France Télécom zu Streiks aufgerufen.

Die Nervosität steigt daher spürbar, im Management wie in der französischen Regierung, die noch 27 Prozent an dem Konzern besitzt. Die Opposition verlangt bereits Lombards Kopf. Gestern versuchte der Konzern nun den Befreiungsschlag: Lombards designierter Nachfolger Stéphane Richard rückt ab sofort zur neuen Nummer zwei von France Télécom auf. Er ersetzt Louis-Pierre Wenes, der bei den Gewerkschaften verhasst ist. Für sie ist er der Hauptverantwortliche für die Suizidserie und das verschlechterte Klima im Konzern.

Denn es war der Ex-Unternehmensberater Wenes, der intern den Restrukturierungsplan „Next“ durchzog und mit flapsigen Äußerungen für Ärger sorgte: „Ein Teil der Belegschaft kriegt den Kulturwandel nicht hin“, ätzte Wenes vor zwei Wochen im „Nouvel Observateur.“

Die Personalie folgt nun durchsichtigen Motiven: Zum einen soll so Druck von Konzern-Chef Lombard genommen werden. Denn die Regierung zeigt, dass sie personelle Konsequenzen aus den sozialen Dramen bei France Télécom zieht.

Gleichzeitig schont Staatschef Nicolas Sarkozy noch seinen Freund Stéphane Richard. Dieser soll erst im Frühjahr 2011 Lombard als Konzern-Chef ablösen, wenn der in Rente geht. Auf keinen Fall soll der neue Mann schon vorzeitig durch die soziale Krise verbrannt werden: „Was wäre, wenn wir Richard heute schon an die Spitze setzen würden und sich danach vier weitere Mitarbeiter das Leben nehmen? Das Risiko können wir unmöglich eingehen“, heißt es aus Regierungskreisen. Also muss Lombard weiter den Kopf hinhalten.

Der Technik-Fan strebt damit einem unrühmlichen Abgang entgegen. Er hat aus einem Verwaltungsapparat einen erfolgreichen europäischen Telekomkonzern gemacht, der mit der Deutschen Telekom und Telefónica um die Vorherrschaft in Europa kämpft. Als Krönung dieser Metamorphose wollte Lombard nun den Namen ändern; „France Télécom“ sollte durch den Markennamen „Orange“ ersetzt werden. Das Vorhaben wurde erst einmal auf Eis gelegt.

Denn intern scheint die Umwandlung weniger gut gelungen, als die nackten Finanzergebnisse es glauben machen. Vor allem die Zwangsversetzung der Beamten, die der Konzern nach wie vor beschäftigt, sorgt für Unmut. Die Konzernführung kündigte nun an, diese umstrittene Maßnahme bis Ende des Jahres auszusetzen. Denn um Massenentlassungen zu vermeiden, zwingt das Management die Mitarbeiter, neue Jobs intern anzunehmen – Techniker müssen beispielsweise in Call-Centern arbeiten. Hohe Zielvorgaben sorgen für zusätzlichen Druck.

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