Sexismus in der Werbebranche
Wenn Frau Schmidt plötzlich „Baby“ heißt

Ein Agenturboss soll eine Mitarbeiterin aufgefordert haben, ihn auf die Toilette zu begleiten, um sie dort zu vergewaltigen. Dieser Fall lässt die Branche über Sexismus streiten. So auch die mächtigsten Werber der Welt.
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DüsseldorfSexismus ist kein Thema, das von der Werbebranche gepachtet ist. Und doch beherrscht die Frage, welchen Anzüglichkeiten und Annäherungsversuchen weibliche Mitarbeiter in Agenturen ausgesetzt sind, derzeit die Gemüter vieler Werber.

Auslöser der hitzigen Debatte ist eine Anzeige von Erin Johnson, Kommunikationschefin bei der US-Agentur J. Walter Thompson (JWT), gegen ihren Chef, Gustavo Martinez. Ihr Vorgesetzter soll sie, so heißt es, vor Mitarbeitern aufgefordert haben, ihn auf die Herrentoilette zu begleiten, damit er sie dort vergewaltigen könne. Außerdem soll er sich bei ihr – ebenfalls unter Zeugen – erkundigt haben, an welcher Frau er sich vergehen könne.

Abfällige Äußerungen über Juden und Schwarze sollen das Potpourri der Unglaublichkeiten abgerundet haben. Martinez hat die Anschuldigungen zurückgewiesen, an den „haarsträubenden Vorwürfen“ sei absolut nichts dran, so wird er zitiert. Der britische Werbekonzern WPP, zu dem die Agentur JWT gehört, fackelte allerdings nicht lange und trennte sich von dem Manager. „Im gegenseitigen Einvernehmen und im besten Interesse der Agentur“, so hieß es.

Könnte es einen Fall Martinez auch in Deutschland geben? „Nein, so etwas ist sicherlich ein Ausnahmefall“, meint Britta Poetzsch, Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Androhung von Vergewaltigung, nein, aber Sexismus? „Darüber könnte ich ein Buch füllen“, bestätigt Poetzsch trocken.

Sie habe sie schließlich noch erlebt, die Nackenmasseure, die plötzlich hinter dem Bürostuhl auftauchen. Die Sprücheklopfer, die – verpackt in eine humorvolle Tonlage – eindeutig schlüpfrige Angebote machen. Die Vorgesetzten, die sich keine Namen merken wollen, sondern ihre Mitarbeiterinnen stattdessen mit „Häschen“ und „Schätzchen“ anreden. Auch beliebt: „Baby“. Amerikanisch ausgesprochen, lässig dahin gesagt, meint so mancher Mann, dass das eine passende Anrede für seine Kolleginnen ist.

Doch wenn Frau Schmidt plötzlich „Baby“ heißt, was bedeutet das eigentlich? „Frauen werden dann sicherlich nicht auf Augenhöhe behandelt“, meint Poetzsch. „Und überhaupt: Wo ist denn hier die Grenze?“

„Es kommt etwas darauf an, wie man Sexismus definiert“, sagt auch Dörte Spengler-Ahrens, Kreativ-Geschäftsführerin der Agentur Jung von Matt. „Diskriminierung aufgrund des Geschlechts? Verbale oder tätliche Übergriffe? Vielleicht treffen es die Begriffe Chauvinismus und Machismus mehr. Diese sind über die Branchen hinweg, mehr oder weniger unausgesprochen, an der Tagesordnung.“

Eine ernüchternde Einschätzung. Spengler-Ahrens plädiert dafür, sich dem schwelenden Chauvinismus beherzt in den Weg zu stellen. „Durch selbstbewusstes Auftreten. Durch schlagkräftiges Kontern. Und im Extremfall, durch eine Beschwerde. Einfach auch, um anderen Frauen, die sich vielleicht nicht so trauen, dem Kollegen, Chef oder Kunden etwas entgegenzusetzen, Mut zu machen.“

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Wenige Frauen und Ausländer in Führungspositionen

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  • Ich denke mal, daß sich die Handelsblatt-Redakteurin Ihren diesbezüglichen Frust von der Seele geschrieben hat.
    Hätte ich vom Handelsblatt nicht gedacht.

  •  Übrigens sehr interessant, wie die Diskussionfreude der ganzen AfDler und Putin-Trolle asymptotisch gegen Null geht, wenn sich ein HB-Artikel mal nicht um die Vereinigten Staaten von Europa, Merkel oder Muslim-Flüchtlinge dreht. Feierabend für heute. Gute Nacht! Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Sicher alles richtig und nicht hinnehmbar. Man sollte dann aber bitte auch den Sexismus gegenüber Männern nicht totschweigen, so als ob es den nicht geben würde. Wenn 2-3 Kolleginen ihren Kollegen "auch nicht von der Bettkante schubsen" würden, fällt das in die gleiche Kategorie. Und ob ein Mann sich von seinen Kolleginnen als "Schnittchen" titulieren lassen muss, ist auch die Frage. Vielleicht sehen Männer das nur nicht so verbissen.

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