„Shareconomy“ Ein nicht ganz ungefährlicher Trend

„Shareconomy“ passt gut in den Zeitgeist. Der neue Trend gilt als Grundstein für zahlreiche neue Geschäftsmodelle. Doch was verbirgt sich wirklich hinter dem Begriff? Eine genauere Betrachtung lohnt in jedem Falle.
  • Axel Oppermann
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Der US-Konzern Amazon probt gerade das "Verleih-Geschäft". Quelle: Reuters

Der US-Konzern Amazon probt gerade das "Verleih-Geschäft".

(Foto: Reuters)

KasselShareconomy, Share Economy, kollaborativer Verbrauch („Collaborative Consumption“), Peer-to-Peer-Marktplätze oder „die gemeinsame Wirtschaft“ sind ganz unterschiedliche Begriffe für einen Trend: Die Transformation der wirtschaftlichen Denkmuster vom Haben zum Teilen. Also die Wandlung von einer Eigentumsgesellschaft mit monetären Wertausgleichssystemen in eine Besitzgesellschaft mit monetären (oder nicht-monetären) Wertausgleichssystemen. Und gerade in dieser Tendenz liegt eine enorme Gefahr für unser Wirtschafts- und Wertesystem. Auch wenn der Nutzen für den Einzelnen (kurzfristig) positiv erscheint, übersteigt die Summe der Risiken die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft. Dabei passt doch dieser Trend (scheinbar so gut) in den allgemeinen Zeitgeist, und ist der Grundstein für neue Geschäftsmodelle und den nächsten Wachstumsschub.

„Shareconomy“ schalmeit es gegenwärtig überall durch das Bildungsradio, ist Bestandteil der medialen Diskussion und bildet so auch das Leitthema einer IT-Messe, der CeBIT im kommenden Jahr. Dabei wird der Begriff unterschiedlich ausgelegt und gedehnt. Während es die Messebetreiber der CeBIT eher etwas enger verstehen, und einige Anbieter, die in diesem Themenfeld aktiv sind, eine Definition wählen, die ihrem primären Ziel – dem Absatz – dient, handelt es sich bei diesem Thema um ein extrem mehrdimensionales Konstrukt, welches nachhaltige Auswirkungen auf die Wirtschaft und Gesellschaft hat.

Natürlich bieten einige Ansätze, wie der in den USA erfolgreich durch Amazon eingeführte Buchverleih für Schüler und Studenten, einen Mehrwert. Studenten leihen hier für ein Semester ein teures Fachbuch, nutzen die Inhalte und geben es nach bestandener Prüfung zurück. Selbstredend ist es spaßig, mit Freunden neue Städte zu entdecken und kurzfristig private Unterkünfte über Peer-to-Peer-Marktplätze zu mieten. Und auch der Gedanke, sich in chronisch verstopften Städten nicht um Parkplätze kümmern zu müssen und ein Auto nach dem jeweils aktuellen Bedarf auszusuchen, zu „sharen“ und sorglos zurückzugeben, ist charmant.

Setzen sich Angebote, Geschäftsmodelle und Services durch, die auf kollaborativem Verbrauch, Pay-per-use oder sonstigen Nutzungsmodellen beruhen, führt dies dazu, dass sich kurzfristig immer mehr Menschen immer mehr Waren und Dienstleistungen „leisten“ können. Wird national in gesellschaftlichen Klassen gedacht, so können sich hierdurch bestimmte Schichten (beispielsweise die unterschiedlichen Abstufungen der Mittelschicht) angleichen. Wird auf Ebene einer Markt- und/oder Gesellschaftsentwicklung gedacht, so ermöglicht die Share Economy (auf den ersten Blick) die Verbreitung von Wohlstand (und Freiheit). Nehmen wir als Beispiel ein kleines afrikanisches Land: Das Los von Millionen Menschen in diesem Land ist es (war es), dass sie Jahrhunderte hindurch von einigen Privilegierten unterdrückt, ausgebeutet und erniedriget wurden. Hierdurch kam es für eine breite Masse an Menschen – für ganze Regionen – zu Armut. In Folge waren diese Regionen für viele privatwirtschaftliche Unternehmen kein lukrativer Markt. Klassisch produzierte und vermarktete Produkte können in diesen Märkten nicht zu relevanten Preispunkten platziert werden. Durch Share Economy werden diese Regionen zu Absatzmärkten. So hilft Share Economy die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in bisher benachteiligten Regionen (scheinbar) positiv zu beeinflussen. Kurzfristig stimmt dies auch. Mittel- bis langfristig entstehen jedoch für Individuen, Gesellschaft und Staat Abhängigkeiten gegenüber wenigen Wirtschaftsunternehmen, wie wir sie bereits heute bei der Lieferung von Rohstoffen (auf Rohstoffmärkten) deutlich wahrnehmen können.

Eine neue Gesellschaft entsteht

Greifen wir den Gedanken und den Erzählstrang über die Auswirkungen einer Shareconomy auf nationaler Ebene nochmals auf: Der Begriff soll ein verändertes gesellschaftliches Verständnisses vom Haben zum Teilen – respektive der gemeinsamen Nutzung – ausdrücken. Gemeint ist jedoch keine Kultur des Kostenlosen. In anderen Worten: In einer "Sharing Economy" ist nicht alles kostenlos. So sind einige Peer-to-Peer-Marktplätze transaktionsbasiert, andere rufen zu finanziellen Gegenleistungen auf. Und Dritte sind „free of charge“. Darüber hinaus können die Ausläufer der Share Economy auch zu Lasten von Qualität (Journalismus, oder Wikipedia vs. Encyclopaedia Britannica) und Verfügbarkeit führen.

Wird unterstellt, dass die Nachfrage nach Services und Produkten, die über kollaborativen Verbrauch, Pay-per-use oder sonstige Nutzungsmodelle abgerechnet werden, weiterhin steigt, die Umsätze und Erträge pro Kunde (und insgesamt) gemessen an neuen und relevanten Key Performance Indikatoren (KPIs) steigen und der Staat für den Bürger (und den Staat selbst) annehmbare Rahmenparameter schafft, werden immer mehr Unternehmen entsprechende Modelle entwickeln (müssen). Dies führt wiederum zu steigender Nachfrage. Im Umkehrschluss führt es jedoch auch dazu, dass Berufsbilder verschwinden, Unternehmen die die Transformation nicht bewältigen, untergehen und in vielen Bereichen monopolistische oder oligopolistische Strukturen entstehen oder diese Strukturen gefördert werden.

Es ist davon auszugehen, dass es in einer Gesellschaft, deren überwiegender Anteil an wirtschaftlichen Transaktionen (und deren Denkmuster) auf kollaborativem Verbrauch, Pay-per-use oder sonstigen Nutzungsmodellen beruhen, zu einer Verarmung breiter Schichten kommen wird. Insbesondere dann, wenn exogene Faktoren den Austauschprozess stören. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass Menschen sich in ihrem Handeln von bestimmten Zielen leiten lassen und versuchen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dieses Verhaltensmuster führt zu übermäßigem Konsum, welcher zu einem Verlust des „Besitzes“ bei einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenparameter führt  Der Verlust von Besitz (ohne Kompensation) bei geringen Eigentums-Quoten führt zu Armut. In anderen Worten: Durch die Wahrnehmung von unmittelbaren Interessen im Rahmen von Shareconomy-Welten vermögen die Menschen regelmäßig nicht, die Ergebnisse ihres Handels (auch im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext) vorauszusehen. Dies führt in einem fragilen System der Shareconomy, wo in der finalen Ausprägung wenige Anbieter vielen Nachfragern entgegenstehen, zur Enteignung der Massen.

Unternehmen müssen sich darauf einstellen

Neben der noch immer zunehmenden Bedeutung der Regionalisierung der Weltwirtschaft als Herausforderung einer Gesamtunternehmensstrategie, sind die Vorboten einer Shareconomy eine zentrale Herausforderung für Entscheider in Unternehmen nahezu aller Branchen und Größenklassen. Für viele Unternehmen bedeutet dies eine Entwicklung vom Produktionsbetrieb zum Serviceanbieter – respektive zu einem hybriden Anbieter. Auch wenn heute nahezu keine Produkte ohne Services verkauft werden können - und auch in der Industrie & Co. umfassende Servicekompetenzen vorhanden sind - bedarf es dessen ungeachtet einer Weiterentwicklung der Dienstleistungsperspektive. Die Frage, die hier gestellt werden muss, ist die nach der Geschwindigkeit und Integrationstiefe von Share-Economy-Leistungen. Hierzu gilt es, die ökonomische Bedeutung – auch für unterschiedliche Regionen – im Allgemeinen und für das eigene Unternehmen zu bewerten. So müssen Marktpotenziale- und –dynamik sowie Integrationstiefe in den klassischen Leistungsprozessen ermittelt werden.

Um etwaige Service-Innovationen inkl. der notwendigen Differenzierungskriterien am Markt erfolgreich zu platzieren, bedarf es einer IT-Infrastruktur, die die Service-Innovationen auch ermöglicht. Exemplarisch sei hier das Zusammenspiel von Daten, deren Verfügbarkeit (=Cloud) und Mobility erwähnt. Hierbei gilt es auch, eine Beschleunigung von eiligen Technologieentwicklungen zu ermöglichen, Beschaffungsmaßnahmen für IT neu aufzustellen, eine Bestimmung der benötigten Qualifikationen zu erstellen und diese in eine Personalentwicklung zu überführen. Das Projektmanagement muss genauso überprüft werden, wie ein integriertes Roadmapping erfolgen muss. Diese Roadmaps orientierten sich am aktuellen und zukünftigen Produkt- und Leistungsportfolio des eigenen Unternehmens, an den Roadmaps von IT-Lieferanten und Dienstleistern sowie an der Leistungsfähigkeit der IT-Abteilung.

Zur Zielerreichung muss frühzeitig eine intensive Zusammenarbeit mit Anbietern von Hardware, Software, Services und Telekommunikationsleistungen erarbeitet werden. Hierzu zählen auch Kenntnisse über Kostenmodelle dieser Unternehmen. Nur auf einer solchen Basis können Profit- und Risk-Sharing-Kooperationen eingegangen werden.

Die IT muss in solchen Szenarien auch Kompetenzen im Bereich Big Data / Analytics bereitstellen. Geschäftsmodelle, die auf dem Shareconomy-Gedanken beruhen, benötigen tiefgehende Analysen. So müssen Informationen über den Bestand an langlebigen Gebrauchsgütern, die Konsumausgaben (privater Haushalte) für langlebige Gebrauchsgüter mit Annahmen über durchschnittliche güterspezifische Nutzungsdauern vorhanden, bewertet und gedeutet werden können. Hinzu werden weitere (tagesaktuelle) Informationen über Preisbereitschaften, wirtschaftliche Entwicklung etc. benötigt.

Die Folgen sind dramatisch

Es klingt heutzutage schon mehr als banal, wenn hervorgehoben wird, dass wir in einer Zeit des schnellen und fundamentalen Wandels leben. Nicht erst seit der massenkonformen Etablierung des Internets, des Zerbrechens (eigentlich) etablierter Wirtschaftsparadigmen und scheinbar unbeherrschbarer Dynamik, stehen herkömmliche Gesellschafts-, Produktions- und Managementsysteme vor einer Zerreißprobe. Interessant an dieser Stelle ist, wie sich der Wandel in unterschiedlichen Bereichen und Systemelementen vollzieht – und wahrgenommen wird. Während die Einführung von Social-Business-Strategien in Unternehmen bisweilen mit Argwohn und Ablehnung durch die Mitarbeiter begleitet werden, äußern sich die gleichen Mitarbeiter positiv über Modelle und Geschäftskonzepte wie Carsharing (kommerziell), Rent-a-Bike, Nachbarschaftsauto (privat), die sie im privaten Umfeld konsumieren.

Im Business-to-Business-Umfeld sind leistungs- und nutzungsabhängige Geschäftsmodelle, die einen Wandel vom Eigentum zum Besitz forcieren, in einigen Bereichen bereits seit Jahren etabliert. Sei es die Metallpresse in der Autoproduktion (Pay-per-Part) oder der Kopierer im Büro. Diese Entwicklung hat, im Gegensatz zur (internationalen) Arbeitsteilung und Spezialisierung im Entwicklungs- und Produktionsprozess (kurzum in der Produktionstiefe), nicht zu größeren Nachteilen geführt.

Wird dieses Modell „flächendeckend“ über Konsumenten ausgerollt - und von diesen aufgegriffen - kommt es mittel- bis langfristig zu Schieflagen. Zwar führen solche Modelle kurzfristig zu einem (Wirtschafts-) Wachstum, da mehr Menschen mehr konsumieren können und dabei auch noch durchschnittlich höhere Preise (pro Vergleichseinheit) bezahlen. Jedoch führt der kollaborative Konsum für viele Wirtschaftssubjekte zur Abhängigkeit und zur sozialen Diskriminierung.

Mit anderen Worten: Werden sich die Modelle der Shared Economy – die Ansätze des kollaborativen Verbrauchs – in unserer Gesellschaft auf breiter Front durchsetzen, so entstehen neben Chancen auch extreme Risiken. Wenn sich eine Eigentumsgesellschaft mit monetären Wertausgleichssystemen in eine Besitzgesellschaft mit monetären Wertausgleichssystemen wandelt, gibt es auf Seiten der Anbieter und Nachfrager einige Gewinner und Verlierer. Langfristig kann eine solche Entwicklung in zentralisierte Besitzgesellschaften führen.

Axel Oppermann ist freier Autor und IT-Analyst aus Kassel.

 

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