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03.03.2008 
Konzern-Umbau

Siemens stärkt seine Hausjuristen

von Joachim Hofer und Claudia Tödtmann

In dem von einer Korruptionsaffäre belasteten Konzern sitzen nun hauseigene Anwälte im obersten Management. Sie sollen eine aktivere Rolle als bisher übernehmen und Ideen einbringen, sagt Rechtsvorstand Peter Solmssen. Mit dem Umbau wirbt der Konzern um das Vertrauen der Anleger.

MÜNCHEN/ DÜSSELDORF. Der Umbau von Siemens geht mit strategischen Weichenstellungen weiter. Am Wochenende teilte der Konzern mit, dass die Hausjuristen nun ins oberste Management der drei neu gebildeten Bereiche sowie der Regionalorganisationen von Siemens einziehen werden. Als Teil der Führungsmannschaft sollen sie künftig stärker bei operativen und strategischen Entscheidungen mitwirken und selbst Verantwortung tragen.

"In Deutschland werden Anwälte noch immer viel zu sehr als Schreiberlinge wahrgenommen, die Bedenken äußern und nur auf die Risiken in Verträgen hinweisen", sagte Rechtsvorstand Peter Solmssen im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bei Siemens sollen die Juristen künftig eine andere, aktivere Rolle einnehmen. Solmssen: "Die Hausjustiziare kennen das Geschäft in- und auswendig, sie sind hochintelligent und sollen deshalb künftig noch viel stärker ihre eigenen Ideen einbringen."

Die Siemens -Juristen haben branchenübergreifend einen guten Ruf. Vor gut zwei Jahren wurden sie als eine der drei besten Rechtsabteilungen in Deutschland mit dem "Juve-Award" ausgezeichnet - dem Oskar für die Juristen.

Die Neuorganisation ist auch eine Reaktion auf den Schmiergeldskandal, der Siemens seit über einem Jahr erschüttert. Dabei sollen Siemens-Mitarbeiter schwarze Kassen gebildet und ausländische Geschäftspartner oder Amtsträger bestochen haben, um Aufträge zu bekommen. Derzeit lässt Siemens die Affäre intern aufarbeiten, gleichzeitig ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Künftig sollen die eigenen Anwälte nach Solmssens Vorstellungen nicht wie bisher üblich erst nach Abschluss der Verhandlungen mit Kunden oder Partnern eingeschaltet werden, sondern im täglichen Geschäft präsent sein: "In einem Bereich wie der Medizintechnik ist es zum Beispiel sehr wichtig, dass ein Jurist mit am Tisch sitzt, der weiß, wie die Normen in Zukunft aussehen."

US-Unternehmen haben nach Ansicht des Amerikaners Solmssen enorme Vorteile in Verhandlungen, weil sie grundsätzlich Juristen einbeziehen. Europäische Unternehmen hingegen würden ihre Anwälte in der Regel erst dann einschalten, wenn die Verträge formuliert werden. Das sei aber meist zu spät.

Fakt ist: In den Vereinigten Staaten haben Unternehmensjuristen deutlich mehr zu sagen und tragen mehr Verantwortung. Entsprechend mehr verdienen sie: "Im Schnitt bekommen amerikanische Chef-Syndizi zehn Mal so viel Geld wie ihre deutschen Kollegen", berichtet Aled Griffiths, Chefredakteur des Branchendienstes "Juve". Allein schon das Fixgehalt von Chefjurist John Walton von Allegheny Technologies beträgt 5,23 Mill. US-Dollar. Mit Boni kommt er auf 9,03 Mill. Dollar. Firmenjuristen wie er werden quasi als Vorstandsmitglieder und Chef einer operativen Abteilung betrachtet. Zum Vergleich: In Deutschland verdient kaum ein Chefsyndikus über 700 000 Euro im Jahr.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum die Korruption bei Siemens eine Chance hatte.

Am Freitag hat Siemens sieben Manager ernannt, die künftig als so genannte "General Counsel" tätig sind. Sie stehen auf einer Ebene mit den Chefs und den Finanzvorständen der Sparten und Regionen. Drei Manager ziehen dabei in die Führungsspitze der zu Jahresbeginn neu geschaffenen Sektoren ein: Andreas Hoffmann in den Industriesektor, Ulrich Bauer in den Sektor Energie und Robert Kirschbaum wird General Counsel der Medizinsparte. Weitere drei Manager übernehmen diese Funktion in den Regionalorganisationen Amerika, Europa und Asien und einer in München.

Pikantes Details: Andreas Hoffmann hat Solmssen von seinem ehemaligen Arbeitgeber General Electric (GE) abgeworben. Dort ist Hoffmann noch als General Counsel für das Deutschlandgeschäft zuständig. Solmssen arbeitete bis vergangenen Sommer selbst für die Amerikaner, ehe er als erster Vorstand für Recht und Compliance in den Siemens -Vorstand einzog. GE ist für Solmssen das Vorbild dieses Umbaus. Der US-Konzern hat eine ähnliche Organisation schon vor 30 Jahren eingeführt. Auch andere US-Firmen haben ihre Juristen an solch einflussreichen Positionen platziert.

Dass die Korruption bei Siemens überhaupt eine Chance hatte, ist nach Ansicht von Solmssen auch darauf zurückzuführen, dass die Verantwortung im Konzern über zu viele Schultern verteilt war. Doch das soll sich jetzt ändern: Die neu bestellten General Counsel berichten direkt an ihn. Insgesamt beschäftigt Siemens weltweit rund 600 Juristen. Im Vergleich zu GE ist das nicht viel. Der größte Industriekonzern der Welt hat fast 2 000 Anwälte auf seiner Gehaltsliste.

Mit der Stärkung seiner Hausjustiziare wirbt Siemens auch um Vertrauen bei Anlegern und setzt ein Zeichen gegenüber der amerikanischen Börsenaufsicht. Nach Ansicht der Analysten von JP Morgan sind die Untersuchungen im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre eine der größten Belastungen für den Aktienkurs. Darüber hinaus könnten Siemens weitere hohe Strafzahlungen der US-Behörden drohen, fürchten die Experten.

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