Silicon Valley
Die Gestrauchelten vom Silicon Valley

Haare färben, Daten löschen und Gewicht zulegen: Gestrauchelte im Mekka der IT-Branche versuchen vieles, um den beruflichen Neuanfang zuschaffen. Kein Wunder: Im Silicon Valley ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Es gibt hier eine Welt jenseits von Google und Co.

SUNNYVALE. Kürzlich war der Klempner da. Ein Mexikaner. Als der das undichte Silikon in der Dusche prüfte, sprang er wie Rumpelstilzchen auf und ab und rief: „Alles marode, alles kaputt! Ich mache das!“ Aber Achim S.(Anm.: vollständiger Name der Redaktion bekannt) lehnte ab, als der Handwerker den Preis nannte: „Der hat unser schönes Haus gesehen und unsere schönen Autos. So ist er auf den unverschämten Preis gekommen.“

Wer das Haus der Familie S. am Edinburgh Drive in Livermore im Silicon Valley sieht, der muss denken: Wow! Der Rasen fein wie grüner Samt. Ein Porsche 914 und zwei Saab vor der Garage. Eine Hochglanz-Idylle wie aus dem Katalog.

Alles Lüge. Die Einsturzgefahr lauert im Gebälk. Seitdem Achim S., 56, im Februar arbeitslos wurde, kann die Familie die Hypotheken nicht mehr bedienen. Zwei Monate bleiben noch, ehe die Zwangsversteigerung droht. „Aber ich werde rechtzeitig Arbeit finden. Davon können Sie ausgehen.“

Leicht wird das nicht. Den Diplom-Ingenieur aus Westfalen quält dasselbe Schicksal wie Zigtausende im Silicon Valley: Die Krise kostet sie den Job, das Haus, den Mehrwert – und den Selbstwert. Mehr als zwölf Prozent Arbeitslosigkeit herrschen im IT-Eldorado. Das sind drei Prozent mehr als im US-Durchschnitt. Yahoo, Apple, Sun, Oracle, SAP, HP: Das Feuern nimmt kein Ende. Hier, wo sie höher flogen als anderswo, fällt es den Gestrauchelten besonders schwer, wieder Anschluss zu finden an den amerikanischen Traum. Nun versucht gar der Staat, den Ex-Überfliegern zu helfen.

Im Plenum des Stadtrats von Sunnyvale hebt eine Mittvierzigerin mit Pagenschnitt Punkt 10 Uhr resolut die Stimme: „Hat irgendjemand eine Erfolgsgeschichte zu erzählen? Los, erzählt sie! Jeder hat 30 Sekunden!“ Vor der Anheizerin kauern 250 arbeitslose CEOs, Programmierer, Projektmanager und Marketingexperten aus der IT-Industrie in ihren Stühlen. „ProMatch“ heißt diese Aktion, bezahlt wird sie vom Staat Kalifornien und von der Stadt Sunnyvale. Hilfe zur Selbsthilfe für IT-Krisenopfer. Weil es so viele sind, dürfen sie einmal pro Woche im Saal des Stadtrats tagen.

Erfolgsgeschichten? Achim Achim S. hat wieder keine. Doch Elektronik-Spezialist John rettet die Aufmunterungs-Show: „Ich habe einen neuen Job bei einem Motorenhersteller gefunden!“ Die anderen 249 applaudieren. John zeigt, dass es geht.

Noch jemand? Wenigstens ein Vorstellungsgespräch? Nein. Verschämt duckt sich die Runde der Ex-Erfolgreichen vor dem fordernden Blick der Dame auf dem Podium. „Seid kreativ! Geht raus!“ fordert sie. „Ihr müsst euch sagen: Apple, Sun, Cisco und Oracle warten nur auf mich!“

„ProMatch“ nimmt die Gefallenen an die Hand. Neuankömmlinge beginnen in einer „Komm-rein-Gruppe“, dann folgt das „Erfolgsteam“, dann AGs für Vorstellungsgespräche. Sogar eine Ankleideberatung gibt es, damit beim alles entscheidenden Job-Interview nichts schiefgeht. Hunderte stehen auf der Warteliste, doch das Geld reicht nur, um 250 vor der Selbstaufgabe zu bewahren.

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