Die Finanzkrise trifft die Internetbranche hart. Früher kokettierte man mit der Burn-Rate, heute sind die Zeiten des Easy-Cash vorbei. Verglichen mit der Panik anderer Branchen bleibt die Web-Szene dennoch relativ gelassen - bei frisch gegründeten Web-Firmen könnte sich die Suche nach Investoren allerdings schwierig gestalten.
Noch immer sind Veranstaltungen, bei denen sich Gründer und Geldgeber treffen, gut besucht. Erst vergangene Woche erhielt Melodis, Hersteller einer Musikerkennungssoftware für das Iphone, sieben Millionen Dollar frisches Kapital. Foto: Reuters
DÜSSELDORF. Mit einem Mal war alles anders. Ausformulierte Bedingungen für den Einstieg eines der großen fünf Kapitalgeber des Silicon Valley hatte das deutschstämmige Start-up Qitera vorliegen. Um Investoren dieses Kalibers zu erreichen, haben die Gründer den Firmensitz von Kassel nach San Francisco verlegt. Und dann zieht der Geldgeber sein Angebot zurück. Begründung: Es müssten erstmal einige bestehende Unternehmen im Portfolio gerettet werden, berichtet Jörg Lamprecht, Mitgründer der Suchmaschine Qitera.
Bei kaum einer Branche außerhalb der Bankenwelt spielt die Frage von Investitionen eine so große Rolle wie bei Internet-Start-ups. Sie hangeln sich von Finanzierungsrunde zu Finanzierungsrunde, bis das Tagesgeschäft genügend Liquidität erzeugt. Und dann steht der Exit an: Die Geldgeber wollen Rendite sehen, entweder per Börsengang oder mit einem Verkauf.
Es ist also nur logisch, wenn gerade diese Branche an der Finanzkrise leidet. Schon gibt es die ersten Schwarzmaler. Jason Calacanis, zum Beispiel, der Gründer der Suchmaschine Mahalo. In seinem wöchentlichen Newsletter schrieb er am 28. September: "Ich glaube, der ökonomische Abschwung wird sehr viel schlimmer, als er heute ist, und dass 50 bis 80 Prozent der mit Venture Capital finanzierten Start-ups dichtmachen oder auf lebenserhaltende Maßnahmen (zum Beispiel nur noch drei, vier Leute arbeiten bei ihnen) umschalten."
Ausstiegsszenarien der Venture-Capital-Geber.
Calacanis Thesen werden im Silicon Valley heiß diskutiert. Allerdings: Verglichen mit der Panik anderer Branchen bleibt die Web-Szene relativ ruhig.
Noch immer sind Veranstaltungen, bei denen sich Gründer und Geldgeber treffen, gut besucht. Und weiterhin gibt es fast täglich Deals in ordentlicher Höhe. Melodis, Hersteller einer Musikerkennungssoftware für das Iphone, erhielt vergangene Woche sieben Mio. Dollar frisches Kapital, das Weblog-Netz Gigaom bekam 4,5 Mio, die Online-Software-Plattform Wix 3,5 Mio.
Die Gelassenheit hat Gründe. Zum einen ist das Tagesgeschäft eines Web-Dienstes keine teure Angelegenheit: Speicherplatz und Übertragungsbandbreite sind günstig geworden. Somit lassen sich Firmen im Krisenfall mit einem geringen Aufwand von zwei, drei Leuten in Teilzeit weiterfahren. "Life Support" heißt das im Fachjargon.
Hinzu kommt, dass reichlich Kapital in den Kassen der Firmen liegt. Der Branchendienst Techcrunch listete jüngst 160 Firmen auf, die in den vergangenen zwei Jahren 25 Mio. Dollar und mehr an Venture Capital erhalten haben - und das sind nicht mal alle. Dieses Polster dürfte in vielen Fällen nicht schnell verbraucht sein.
Und schließlich gibt es neben den Start-ups, die bei Venture-Capital-Fonds Geld besorgen, zwei weitere Finanzierungsvarianten. So mancher benötigt überhaupt kein Investment. So hat die Foto-Datenbank Smugmug ohne einen Cent Risikokapital eine Nutzerzahl von 1,5 Mio. im Monat erreicht. Noch ganz am Anfang, aber auch nicht auf der Suche nach Geld, ist Steve Lowtwait, Gründer der Comic-Seite Zingerding: "Mein Start-up hat null Dollar Kapital gebraucht. Ich glaube, das ist die bessere Lage, um den Sturm zu überstehen, weil die Geldgeber nicht unsere Entscheidungen kontrollieren."
Und dann gibt es jene Gründer, die unter Engelsflügeln sicher segeln. Waren Business Angels früher Investoren, die mit geringen Summen Gründern die ersten Schritte ermöglichten, engagieren sie sich heute stärker und länger. Viele von ihnen haben Geld in der ersten Dotcom-Welle gemacht und sind nun Mentoren von Gründern, an die sie glauben. Da die Engel aber nur für das eigene Konto wirtschaften, stehen sie - im Gegensatz zu Venture-Capitel-Fonds - nicht unter dem Zwang, eine gute Rendite erwirtschaften zu müssen.
Einen Haken allerdings gibt es: Klassische Venture-Capital-Firmen werden nervös, weil ihnen die Aussicht auf einen lukrativen Ausstieg fehlt. 2008 ist das schwächste Jahr für Börsengänge von mit Wagniskapital finanzierten Firmen in den USA seit 1977. Und die Zahl der Übernahmen sinkt seit einem Jahr stetig.
All das gilt nicht nur für das Silicon Valley - sondern auch für Deutschland. Gerade erste verkündete Smava, eine Plattform, auf der Privatleute sich Geld leihen, vier Mio. Euro frisches Kapital bekommen zu haben.
Am ehesten würden hierzulande noch ganz frisch gegründete Web-Firmen, die zum ersten Mal Geld aufnehmen wollen, Probleme bekommen, glaubt Arnd Benninghoff, Direktor beim Kapitalgeber Holtzbrinck E-Labs (der wie das Handelsblatt zur Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört): "Ohne einen ersten Beweis, dass ihr Angebot von den Nutzern bereits angenommen wird, werden sich die Investoren-Gespräche schwieriger gestalten." Zwar dürfte die Höhe der Investitionen sinken, doch glaubt Benninghoff: "Es wird sicher noch genügend Privatinvestoren geben, die zwar über ausreichend Geld, aber zu wenig Investitionsgelegenheiten im Start-up-Umfeld verfügen."
So sieht es auch Cem Basman, Seriengründer und Berater aus Hamburg: "Fast alle Start-ups sind privat finanzierte Engagements, entweder durch die Gründer selbst oder durch Angel Investoren und in größeren Fällen durch Investorengruppen, die selber wieder Privatvermögen ihrer Mandanten einsetzen. Das einzige Risiko entstünde, wenn die Business Angel selber durch die Finanzkrise in die Bredouille kommen würde. Das Risiko halte ich für vernachlässigbar im Gesamtbild."
Basman glaubt sogar, seine jüngste Gründung könnte von den Turbulenzen an der Börse profitieren: Brokerz ist ein Kommunikationsdienst, zu dem nur Börsenhändler zugelassen werden - ein Ort für Fachaustausch und Klatsch. Und wann wäre der Bedarf nach diesem Ventil größer, als in der Krise?
Auch andere deutsche Start-ups bleiben gelassen. Beispiel Tokster, ein Unternehmen, das auf jeder Internet-Seite das Chatten der Nutzer ermöglicht. Mitgründer Felix Fidelsberger sagt: "Nachdem es in den Jahren 2006 und 2007 für die deutsche Start-up-Szene steil bergauf ging, hat sich die Stimmung 2008 wieder etwas abgekühlt. Das hängt aus meiner Sicht aber nicht mit der Finanzkrise zusammen, sonder eher mit einem allgemeinen Abflachen der Euphorie."
Und so ist auch bei der Suchmaschine Qitera ein wenig mehr Ruhe eingekehrt, erzählt Mit-Gründer Lamprecht: "Wir haben einen namhaften Angel zu einer guten Bewertung gewonnen und sind damit zunächst gut finanziert." Im ersten Quartal 2009 soll das Angebot an den Start gehen.


