Sofortbildfotografie
Im neuen Rahmen: Das Comeback der Polaroid

Vor einem Jahr hat Polaroid seine letzte Filmfabrik geschlossen. Nun arbeitet ein Start-up um den Österreicher Florian Kaps an einer Wiederauferstehung der legendären Sofortbildfotografie. Seinem Zeitplan ist der Biologe bereits voraus - mitten in der Krise will er der veralteten Technik zu neuem Glanz verhelfen.

ENSCHEDE. Hier oben in der fensterlosen, schummrig beleuchteten Kammer ist die Zeit stehengeblieben. Seit mindestens fünf Jahren. Ein Kalender von 2004 hängt an der Wand - ein schmuckloses Exemplar, mit allen Monaten auf einen Blick, ganz ohne Fotos. Bis heute strahlend weiß und völlig unbeschädigt, als hätte ihn jemand erst gestern angebracht.

An einem Metalltisch unter dem Kalender arbeitet Martin Steinmeijer daran, die Zeit anzuhalten. Er hantiert mit Spritzen und Pipetten, mit klaren und gelben Flüssigkeiten, die er auf schmale Papierstreifen tröpfelt. Das Papier verfärbt sich. Einige Streifen werden sonnengelb, andere gelb-orange, noch andere eher braun als gelb.

Steinmeijer ist Chemiker, ein schlaksiger Mann in Jeans und Polo-Shirt, der jünger wirkt als seine 51 Jahre. Die zweite Etage eines Fabrikklotzes im niederländischen Enschede ist sein Reich. Hier experimentiert er mit Filmen und Fotopapier, mit Kalilauge und Silbersulfit, mit Gelatine und Silikon.

Kaps will der Vergangenheit wieder eine Zukunft zu geben

Mit der Ruhe eines Zen-Mönchs betrachtet er die gelben Papierstreifen. "Das ist das große Problem mit der Chemie", murmelt er, "ums Testen kommt man nicht herum, weil das Ergebnis, sobald man einen Faktor verändert, vorher nicht so genau berechenbar ist." Steinmeijer wird noch eine Weile experimentieren, bevor ihm der gelbe Farbton auf dem Fotopapier gefällt.

Draußen hat die Digitaltechnik die Chemie ersetzt, der Computer die Fotolabore. Wenn auf einem Bild blasses Gelb kräftiger werden soll, genügt ein Mausklick.

Drinnen im Rotlicht der Dunkelkammer in dem ausladenden Fabrikgebäude arbeitet Steinmeijer daran, die analoge Fototechnik zu erhalten. Mehr noch: der Vergangenheit wieder eine Zukunft zu geben. Und das ausgerechnet mit einem Produkt, dessen Tod schon besiegelt war - Sofortbildfilme, wie sie dem US-Konzern Polaroid einst Weltruhm und Milliardengewinne einbrachten.

Mitte 2008 hat das Unternehmen diese Ära beendet. Polaroid schloss sein Werk in Enschede, die letzte Fabrik weltweit, die die Filme mit dem berühmten weißen Rahmen herstellte. Die Kamera-Produktion hatte der Konzern schon zuvor eingestellt.

Das Werksareal in Enschede wurde vor einem Jahr verkauft. Die Fabrik sollte abgerissen, die Maschinen sollten verschrottet werden. Wohnhäuser wollte ein Investor auf dem Gelände bauen. Daraus ist nichts geworden. Die Finanzkrise machte den Planern einen Strich durch die Rechnung - und ein hartnäckiger Österreicher: Florian Kaps. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass Schluss sein sollte mit den Schnappschüssen, die sich nach Drücken des Auslösers innerhalb von Minuten wie von Geisterhand entwickeln.

Er startete ein mutiges Projekt, das quer zu gängigen Trends in der Fotoindustrie steht. Mitten in der größten Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren, ganz ohne öffentliche Gelder, dafür mit großem Glauben daran, sich einen kleinen, aber lukrativen Markt erschließen zu können.

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