Software-Branche
Europäische IT-Firmen unter Druck

Der Übernahmehunger von IT-Konzernen wie IBM oder Oracle setzt die europäischen Anbieter unter Druck. Während die US-Riesen immer größer werden – aktuell hat IBM Interesse an Sun angemeldet – droht die europäische IT-Branche endgültig den Anschluss zu verlieren. Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG, mahnt die europäischen IT-Unternehmen deshalb, sich für eine enge Zusammenarbeit zu öffnen.

DARMSTADT. „Die Autoindustrie macht es uns vor. Man muss nicht an einer Fertigungstiefe von 100 Prozent festhalten“, sagte Streibich dem Handelsblatt.

In der weltweiten IT-Industrie spielt Europa seit Jahren eine nur untergeordnete Rolle. Das hat mehrere Gründe. Zum einen konnten die US-Konzerne zunächst im riesigen US-Heimatmarkt Kraft sammeln, um dann weltweit zu expandieren.„In den USA ist die IT-Industrie auch deshalb so schnell groß geworden, weil in den 1950ern und 1960ern von der Regierung für Rüstungszwecke Tausende von Entwicklern ausgebildet wurden. Das gab es in dem Maße in Europa nicht“, sagt Peter Kreutter, Branchenkenner der WHU, Otto Beisheim School of Management.

Zwar ist Europa nach Berechnungen des European Information Technology Observatory (EITO) als Absatzmarkt größer als die USA und kam 2006 auf einen Weltmarktanteil von 33,4 (zum Vergleich: Die USA erreichten 28,3 Prozent). Allerdings kaufen die Europäer immer häufiger IT-Produkte in Übersee oder in Asien.

„Es gibt zum Beispiel in Deutschland nur wenige wirklich international agierende IT-Unternehmen. Wir müssen uns deshalb verbünden, um eine entsprechende Alternative zu den IT-Riesen etwa in den USA zu bilden“, mahnt Streibich, der seit längerem für eine Verbindung nach dem Vorbild der „Star Alliance“ in der Luftfahrt wirbt.

Marktkenner wie Kreutter sind indes skeptisch, ob ein solche Konzepte funktionieren. „Einer der strategischen Gründe zur Bildung der Star-Alliance lag in den regulatorischen Rahmenbedingungen der Luftfahrtindustrie, die Konsolidierung durch Übernahmen schwer möglich machte“, sagt Kreutter. Für die IT-Industrie bestünden diese Hemmnisse nicht, insofern werde man hier zwangsläufig Übernahmen sehen - auch in Europa.

„Dagegen hält Robert Horndasch, Partner der Beratungsgesellschaft Deloitte, ein Netzwerk etwa im Bereich Software durchaus für sinnvoll. „Die deutsche Software-Industrie ist stark fragmentiert, viele arbeiten in Nischen. Man kann sich aber gegenüber dem Wettbewerb vor allem über Gesamtlösungen abgrenzen“, sagt Horndasch.

Streibich weiß, dass der Weg dorthin aber weit und zäh ist. „Wir haben deshalb zunächst auf regionaler Ebene begonnen und bewegen uns mittlerweile deutlich in Richtung Überregionalität“, sagt er. So gibt es neben einem regionalen IT-Cluster um den Standort Darmstadt herum ein Hessen-Cluster, das von der Landesregierung mit finanziellen Mitteln ausgestattet wurde. Ein konkretes Ergebnis ist zudem die vor kurzem verkündete Zusammenarbeit von SAP, Software AG, IDS Scheer und einer Reihe von Forschungseinrichtungen. Die „Allianz“ will neue Internetanwendungen für Digitalisierung der Warenströme entwickeln.

„So etwas braucht viel Vertrauen. Wir sollten uns wirklich Zeit lassen und nicht mit zu ehrgeizigen Zielen vorpreschen“, bremst Streibich zu hohe Erwartungen. Das gelte vor allem, wenn es darum gehe, die Allianz auf eine europäische Ebene zu hieven. „Das wird noch viel Zeit in Anspruch nehmen.“

Ein Problem: Viele IT-Firmen sehen ihre technologische Plattform als Kern für die Differenzierung vom Wettbewerb an, tun sich mit einer Kooperation in der Entwicklung schwer. Dennoch ist eine Allianz für Streibich auch hier wegen der hohen Forschungskosten auf Dauer sinnvoll. „Das ist sicher eine mögliche Säule einer irgendwann zu formenden Allianz, aber derzeit überhaupt kein Thema.“ Viel eher sei etwa eine Zusammenarbeit bei der Präsenz von Firmen im Ausland realisierbar.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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