Sony
Lost in Translation

Explosive Akkus, ein verpatzter Start der neuen Spielkonsole und Schwächen im Management - durch interne Unstimmigkeiten hat sich der Elektronikriese Sony selbst in Gefahr gebracht. Wird der einstige High-Tech-Star aus Japan zum Übernahmeziel?
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Matte Glaswände in Karibikgrün dämpfen das Licht. Schaukästen aus edlen Schwarzhölzern mit kardinalrotem Samt stechen sofort ins Auge. Dazwischen zwitschern Hostessen in streng klassischen Kostümen aus schwarzem Kaschmir, exklusiv entworfen von Japans Modepapst Yohji Yamamoto. Ankömmlinge werden zu riesigen Sesseln aus pechschwarzem Büffelleder geleitet. Jeder Schritt versinkt in blassviolettem Teppichboden. Die jungen Damen nennen sich nicht Verkäuferinnen, sondern "Concierge", in Anlehnung an die stets hilfsbereiten Seelen in guten Hotels. "Irrashaimase" - treten Sie bitte gnädig ein.

Herzlich willkommen bei Qualia, der Edelmarke von Sony, im Sony Building an der Tokioter Glitzermeile Ginza. Hier- her kommt niemand, der einfach nur einen neuen Fernseher braucht oder einen Fotoapparat. Qualia steht für Produkte, die sich "Jedermann" nicht leisten können soll: für den maßgeschneiderten Kopfhörer, der so viel kostet wie beim Konkurrenten Samsung eine komplette Stereoanlage; für die Minikamera mit Wechselobjektiven, die so viel verschlingt wie eine Kreuzfahrt; für Heimkinoprojektoren, deren Wert dem einer kleinen Karibikinsel entspricht. Keines der Exponate kann mitgenommen werden, alles wird einzeln angefertigt - übliche Wartezeit: drei Monate bis ein halbes Jahr.

Doch Qualia gibt es nicht mehr. Die Metamorphose ausgewählter Elektronikgeräte zum prestigeträchtigen Superaccessoire ist misslungen, der Traum vom Mini-Disc-Player im Sterlingsilbergehäuse ist ausgeträumt. Es wird keine weiteren Boutiquen in Osaka und New York, in Paris, London, München und Shanghai geben. Der Laden in der vierten Etage des Tokioter Sony Buildings war der erste und letzte dieser Art. Knapp 18 Monate nach ihrer Taufe beerdigte Sony die Marke Qualia in aller Stille. "Die Produktion wird gestoppt", heißt es im Internet. Immerhin: "Der Kundendienst aber fortgesetzt."

Der Untergang der Luxusmarke Qualia ist beispielhaft für die Malaise des langjährigen Vorzeigekonzerns aus dem Land der aufgehenden Sonne. "It's a Sony", beschrieben die Japaner noch bis vor kurzem ihre Produkte und sich selbst - ein Synonym für Innovationskraft, Kreativität und Qualität, das ohne weitere Erklärung auskam. Doch davon ist immer weniger zu spüren. Erst die Verluste in der Elektroniksparte im vergangenen Geschäftsjahr, das im März 2006 endete, dann die verpatzte Einführung der neuen Spielkonsole Playstation im Frühjahr dieses Jahres, schließlich die feuergefährlichen Computerakkus vor wenigen Wochen: Sony steckt in der Krise. Vorstandschef Howard Stringer steht intern in der Kritik. Und selbst eine Zerschlagung des Konzerns ist nicht mehr undenkbar.

Statt wie früher durch Spitzenprodukte zu glänzen, stottert der Innovationsmotor des Konzerns. Die einstige Ikone der Unterhaltungselektronik erweist sich als Zauderer, der Trends wie die Flachbildschirme verpasste oder sich bei prestigeträchtigen MP3-Playern von Apple schlagen ließ.

Dem Unternehmen fehlen inzwischen "wohl gewisse Fähigkeiten", konstatiert Ken Kutaragi, der Erfinder der legendären Sony-Spielkonsole, der Playstation. Es sei "nicht zu bestreiten, dass die Produktionsleistung abgenommen" habe. Experten kritisieren die ausufernde Produktpalette, den "fehlenden Fokus", wie Gerhard Fasol, Chef des Beraterunternehmens Eurotechnology in Tokio, sagt. Die Managementphilosophie müsse "sich wieder auf Kernbereiche konzentrieren", sonst verliere das Unternehmen "endgültig seinen Glanz".

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