Soziales Netzwerk Wie tot ist Facebook?

Beinahe täglich wird Facebook von verschiedenen Wissenschaftlern oder Medien für tot erklärt. Doch wie tot ist Facebook wirklich? Nachwuchsjournalist Noah Gottschalk (16) beschreibt, was die Jugend von Facebook hält.
Das soziale Netzwerk wird immer mehr auf Kommerz getrimmt – zum Leidwesen der Nutzer. Quelle: dpa
Facebook

Das soziale Netzwerk wird immer mehr auf Kommerz getrimmt – zum Leidwesen der Nutzer.

(Foto: dpa)

Es ist der Sommer 2009, als ich mich bei Facebook registriere. Das soll etwas ganz Neues sein. Supercool und anders als SchülerVZ, meine bisherige Heimat im Netz, die heute aber wegen Nutzermangels nicht mehr existiert. Die Anmeldung ist kinderleicht. Bereitwillig überlasse ich dem Unternehmen sämtliche meiner persönlichen Daten.

Facebook weiß, dass ich beim Handelsblatt arbeite, wo ich zur Schule gehe, welche Konzerte ich besuche und auch, in welchen Städten ich gewohnt habe. Einzig mein Geburtsdatum war frei erfunden. Mit meinen zehn Jahren durfte ich eigentlich noch kein Facebook haben, wollte aber dazugehören. Heute bereue ich meine Offenheit.

Denn das Unternehmen durchleuchtet meine Daten, analysiert mein Verhalten, verfolgt meinen Standort via Handy-App. Beängstigend. Trotzdem machte ich weiter. Private Bilder aus Urlauben findet man in meiner Chronik, sauber sortiert in virtuellen, beschrifteten Bilderalben. Ich lehne stolz, in der Uniform eines Reiseanbieters, an einem Geländer im Cluburlaub. Hinter mir Palmen, die Hotelanlage in Tunesien, irgendwo auch das Meer.

Diese Bilder gehören Facebook. So steht es in den Nutzungsbedingungen, die ich akzeptiert habe, ohne sie zu lesen. Noch so ein Fehler. Private Bilder oder Informationen zu meinem Standort gibt es heute nicht mehr. Ich bin nicht der Einzige, der diesen Entschluss gefasst hat. Facebook laufen die Nutzer weg. Studien sagen dem Netzwerk einen schleichenden Tod bis 2017 voraus. Im Zeitraum von 2015 bis 2017 sollen 80 Prozent der heutigen User ihren Account gelöscht haben.

Das ist der erste Grund, warum ich nicht mehr aktiv auf Facebook bin: Die Unsicherheit, was mit meinen Daten geschieht. Für viele andere Teenager ist aber ein anderer Faktor noch viel wichtiger: Man will unter sich sein. Spätestens als die Freundschaftsanfragen von Mama, Papa oder sogar Oma und Opa in den Benachrichtigungen angezeigt wurden, hatte das Netzwerk seinen Reiz verloren. Jetzt liegen andere Plattformen im Trend: Instagram, Snapchat und WhatsApp. Indes verkommt Facebook zu einer Geisterstadt voller personalisierter Werbung und bezahlten Inhalten.

Nur teure Übernahmen sichern Facebooks Zukunft

In meiner Timeline sehe ich kaum noch echte Neuigkeiten meiner Freunde, sondern unlustige Videos oder die neuesten Angebote des Supermarktes um die Ecke. Das Soziale am sozialen Netzwerk, der Austausch unter Freunden, das Wissen, was der andere gerade macht, hat drastisch an Bedeutung verloren.

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Längst wird die Plattform dominiert von Anzeigenkunden, wird immer mehr auf Kommerz getrimmt. Von der einstigen Idee, Menschen rund um den Globus zu verbinden, scheint nicht mehr viel übrig zu sein. Eine traurige Geschichte.

Angesichts solcher Vorhersagen für die Zukunft, möchte man meinen, CEO Mark Zuckerberg schlafe unruhig. Wohl kaum. Denn selbst wenn die Plattform Facebook an sich zu verschwinden scheint, so ist das Unternehmen Facebook Inc. ziemlich gut im Geschäft.

Aufkäufe wie WhatsApp, mit seinen 800 Millionen aktiven Nutzern im Monat, oder dem hippen Instagram (Snapchat hat das Übernahmeangebot abgelehnt) haben dem Weltkonzern die Zukunft gesichert. Und so ist es ein Trugschluss, an den Untergang von Facebook zu glauben.

Das Unternehmen lebt, lediglich die Plattform ist für die junge Zielgruppe uninteressant geworden. Dieses Schicksal könnte auch Instagram und Snapchat drohen. Wenn die Eltern diese Netzwerke für sich entdecken, sind wieder kreative Entwickler gefordert, etwas Neues zu schaffen. Ein endloser Kreislauf.

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