Sparpotenzial erschöpft
In der Unternehmens-IT wird der Speck knapp

In der Krise stoßen immer mehr Unternehmen bei dem Versuch, in der Informations-Technologie die Kosten zu senken, an ihre Grenzen. Nach mehreren Sparwellen scheint das Kostenpotenzial in diesem Bereich weitgehend ausgeschöpft. Deshalb beginnen die Firmen nun damit, den Speck aus den Geschäfts-Prozessen zu schneiden.

FRANKFURT. „Die IT macht zwischen ein und zehn Prozent der gesamten Kosten aus, die Prozesse dagegen 90 Prozent“, beschreibt Ralph Treitz, IT-Analyst und Gründer des IT-Dienstleisters VMS AG aus Heidelberg, das Sparpotenzial. Der IT-Dienstleister ist ein Paradebeispiel für den Strategieschwenk in vielen Unternehmen. Die Firma ist auf die Optimierung, quasi das Tunen von SAP-Systemen spezialisiert. Bislang schauten die Experten dabei vor allem auf Faktoren wie etwa das Nutzerverhalten. Künftig will sich das Team um Treitz verstärkt auf die Prozesse stürzen. Unter dem Titel „VMS Process Dashboard“ können die Kunden ihre Prozessabläufe und damit auch -kosten analysieren und mit den Werten anderer, anonymisierter Firmen vergleichen.

Der neue Ansatz scheint reißenden Absatz zu finden. „Wir bekommen bei den Unternehmen sofort einen Termin, und zwar gleich gemeinsam bei dem IT-Chef und den entsprechenden Vorständen“, freut sich Treitz. Das zeigt, wie hoch der Druck in den Unternehmen derzeit ist. Zwar wurden und werden die reinen IT-Budgets nach zig Sparrunden erneut um durchschnittlich fünf bis zehn Prozent gekappt. Aber die großen Summen können hier nicht mehr geholt werden. Immer häufiger nehmen die IT-Manager deshalb auch die Abläufe jenseits ihrer IT ins Visier.

Peter Wroblowski, IT-Chef (CIO) des Konsumgüterkonzerns Henkel machte jüngst in der Fachzeitschrift „Computerwoche“ folgende Rechnung auf: Bei einem Umsatz von 15 Mrd. Euro belaufen sich die Prozesskosten auf satte sechs Mrd. Euro. Das IT-Budget ist dagegen mit 300 Mio. Euro verschwindend klein, damit auch das hier ruhende Einsparpotenzial. Gelänge es nur zwei Prozent der Prozesskosten einzusparen, wären das alleine 120 Mio. Euro, so Wroblowski.

Wie groß der Hebel selbst mit einfachen Mitteln sein kann, demonstriert Treitz von VMS am Beispiel der Lagerhaltung. Eine Verbesserung der Lagerreichweite um nur ein Prozent bedeute für einen Konzern bereits Einsparungen in zweistelliger Millionenhöhe. Große Konzerne haben ihre Strategie bereits vor einiger Zeit angepasst. „Bei uns wird nicht mehr die reine IT-Technologie betrachtet, wir schauen sehr intensiv auf die Prozesse“, beschrieb Klaus Hardy Mühleck, der CIO des Autokonzerns Volkswagen, vor einiger Zeit auf einer Handelsblatt-Veranstaltung die eigene Strategie.

Doch dem Mittelstand fällt ein solcher Schritt noch schwer. „Großunternehmen haben in den letzten Jahren viel Geld in die Hand genommen, um Kennzahlensysteme, Dashboards und Balance Scorcards aufzubauen. Dagegen wird im Mittelstand oft nur mit einzelnen, vielfach auch unzusammenhängenden Kennzahlen gearbeitet“, sagt Treitz von VMS. Genau in diese Lücke soll das VMS Dashboard stoßen. „Viele Unternehmen wissen nicht wirklich, wo sie im Verhältnis zum Wettbewerb stehen. Wir sind besser als letztes Jahr, heisst eben nicht besser als der Markt“, sagt er.

Immer wieder hätten Unternehmen sich in der Vergangenheit „zu Tode verbessert, weil der Wettbewerb noch schneller war“. Eine „Vermessung“ etwa der SAP-Systeme und der Abgleich mit Vergleichsdaten aus dem Markt soll genau das künftig verhindern.

Der Plan ist allerdings nicht ohne Risiko. Mit solchen erweiterten Werkzeugen verlassen Firmen wie VMS ihr Kerngeschäft der technologienahen Beratung und dringen in die Domäne großer Beratungsgesellschaften wie etwa Accenture vor. Sorge, hier unterzugehen, hat Treitz aber nicht. „Die Beratungsfirmen freuen sich, dass wir solche Daten mit minimalem Aufwand ermitteln können. Kunden zahlen nämlich gerne für qualitative Prozess-Beratung, aber ungern für das händische Zusammentragen von Kennzahlen durch Berater“, kontert er. Deshalb würden derzeit auch Gespräche über Kooperationen mit führenden Prozessberatern geführt.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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