Speicherdauer
Google sträubt sich gegen Datenschutz

Seit dem Frühjahr ist von Seiten der EU die Forderung laut geworden, die Speicherdauer auf ein halbes Jahr zu reduzieren. Google verweigert sich diesen Forderungen. Das sagte Googles Senior Vize-Präsidentin Marissa Mayer dem Handelsblatt. Google-Nutzer dürfte das alles andere als beruhigen.

Frau Mayer, Google hat in dieser Woche seine jährliche Zeitgeist-Studie veröffentlicht, in der die meistgesuchten Begriffe des Jahres aufgelistet werden. In Deutschland waren dies "Ebay", "Youtube" und "Wetter". Hat die Finanzkrise nicht interessiert?

Mayer: Oh doch. Wir haben da einige interessante Dinge gesehen. In den USA lag der Schwerpunkt eindeutig bei Begriffen wie "mortgage crisis". International war das aber je nach den lokalen Gegebenheiten anders. So wurde zum Beispiel in Italien stark nach Kreditmöglichkeiten gesucht.

Gleichzeitig registrierten Finanz- und Börsen-Angebote im Web üppige Zuwächse an Klicks. Ärgert es sie, dass Google nicht mehr Energie in seinen Finanzbereich gesteckt hat?

Wir sind zufrieden mit Google Finance, versuchen aber immer das Angebot zu verbessern - gerade was die Darstellung der Charts betrifft. Nachrichten sind derzeit zu stark mit den Unternehmen verbunden und zu wenig mit deren Kurschart. Wenn die Nutzer ein Kurschart aufrufen, möchten sie wissen, welche Nachrichten zu den Veränderungen geführt haben. Das müssten wir verknüpfen. Außerdem sind wir immer auf der Suche nach Nachrichten mit höherer Qualität. Da sind wir in diesem Jahr vorangekommen, aber wir können noch besser werden.

In Sachen Nachrichten ist Google News für manchen Verleger ein ausgemachter Feind. Was sagen Sie zu der Kritik, Google eigne sich fremde Inhalte an und biete gleichzeitig eine merkwürdige Auswahl an Quellen?

Wir haben ein großes Team bei News und arbeiten ständig an diesem Thema. Es gibt jetzt fast 40 News-Ausgaben auf der ganzen Welt. Google News ist als Freund der Verlage gedacht, weil es für eine weite Distribution ihrer Artikel sorgen kann. Bisher erwarteten die Verlage, dass die Menschen auf ihre Seiten kommen. Das Informationsverhalten aber ändert sich. Durch Social Networks und Suchdienste landen viele Leser zum ersten Mal auf bestimmten Nachrichtenseiten. Das ist eine Herausforderung für Verlage. Man muss sich darüber klar werden, wie man gegenüber diesen neuen Lesern auftritt. Aber es ist eben auch eine gewaltige Chance, neue Nutzer zu gewinnen.

Fühlen Sie in Sachen Auswahl der Quellen denn eine Art moralische Verantwortung?

Google News wird vollkommen automatisch generiert. Es sieht aber aus, wie von Menschen erschaffen. Und obwohl es aus Algorhythmen entsteht, fließt die Expertise von Redakteuren überall in der Welt ein. Eine Geschichte auf der Startseite der BBC bekommt im Algorhythmus zum Beispiel mehr Gewicht, als ein Artikel auf einer kleineren Seite.

Wenig Freunde in anderen Medienhäusern macht sich auch Ihre Tochter Youtube. Immer wieder werden dort Inhalte angeprangert, die unerlaubt eingestellt wurden...

Youtube ist ein faszinierendes Produkt, das sehr, sehr schnell wächst. Jede Woche wird Material hochgeladen, das 57000 Kinofilmen entspricht. Wenn man uns also bittet, das gesamte Material zu überprüfen, muss man sagen: Es ist einfach nicht möglich. Aber es ist möglich durch die Hilfe der Nutzer. Sie weisen uns auf problematische Videos hin. Für Rechteinhaber bieten wir einen neuen Dienst namens "Video ID". Die Rechteinhaber können Videos, an denen sie die Rechte haben, dort identifizieren und dann entscheiden: Möchten sie die Filme entfernt haben - oder versuchen sie zu monetarisieren. Dann erhalten sie Anteile an den Einnahmen durch Anzeigen neben den Filmen.

Mit Spannung verfolgt die Web-Szene die Wiki Search. Dort können Nutzer die Suchergebnisse personalisieren, mit Notizen versehen und bestimmte Seiten als Ergebnisse ausschließen. Ist dies nur ein Spielfeld oder mehr?

Wiki Search hat eine strategische Bedeutung für Google, denn es erlaubt den Nutzern, mit den Suchergebnissen zu interagieren. Wir versuchen immer, den Wünschen unserer Nutzer nachzukommen. In diesem Fall gibt es viele, die immer wieder Suchen verfeinern oder die gleichen Suchbegriffe mit einigem Abstand wieder eingeben. 40 Prozent aller Suchen innerhalb eines Jahres hat der Nutzer bereits einmal durchgeführt. Warum sollten wir ihm nicht die Chance geben, die Ergebnisse zu markieren? Es ist fast wie ein Buch: Wenn es einem gehört, markiert man die besten Stellen oder macht Notizen am Rand.

Microsoft hat in dieser Woche vorgeschlagen, seine bei der Suche erhobenen Daten künftig nur noch sechs Monate zu speichern. Dies entspricht Forderungen im Umfeld der EU-Kommission. Aber: Microsoft fordert, dass auch die Konkurrenz mitzieht. Was sagt Google dazu?

Wir speichern diese Daten neun Monate. Und das ist wichtig, denn das hilft unseren Ingenieuren, Trends im Lauf der Zeit zu sehen und ein Gefühl für die Nutzer zu bekommen.

Heiß diskutiert wurde in diesem Jahr auch der Browser Chrome. Noch befindet er sich in einer öffentlichen Testphase. Wird sich das ändern? Und: Ist mit einem so extrem kargen Produkt überhaupt etwas auf dem Markt zu erreichen?

Chrome wird das Beta-Stadium demnächst verlassen, wir haben aber noch nicht bekannt gegeben, wann (am Donnerstabend gab Google bekannt, dass der Chrome-Browser nun in der vollständigen Version erhältlich ist, d. Red.). Die Einfachheit von Chrome passt zu unserer Gesamtstrategie, sehr komplexe Technik sehr einfach nutzbar zu machen. Chrome ist mein persönlicher Browser-Favorit geworden, weil er auf dem Bildschirm mehr Platz für die Internet-Seite bietet. Es gibt aber Leute, die zunächst nicht damit zurechtkommen. Wir hatten bei uns Nutzer, die davor saßen und warteten, dass noch etwas passiert, weil sie nicht geglaubt haben, dass ein Browser so nackt sein kann. Aber die meisten mögen es nach einer gewissen Zeit.

Ein Google-Browser, dazu ein neuer Browser-Zusatz, Büro-Programme, E-Mail - eigentlich fehlt Google doch nur noch eine Art Betriebssystem in der Online-Ausgabe, oder?

Ich bin Informatikerin und deshalb ergibt ein Online-Betriebssystem für mich keinen Sinn. Ein Betriebssystem ist die Schicht zwischen Hard- und Software. Aber wir sind sehr bullish im Bereich Cloud Computing. Wir glauben, es ergibt keinen Sinn, Daten, die man für sehr wichtig hält, nur in einer Form auf dem eigenen PC zu speichern. Er könnte kaputt gehen, die Festplatte könnte ausfallen. Erst recht ergibt es keinen Sinn, wenn wir bei Google viel Geld in unsere Server-Farmen gesteckt haben, um Informationen leicht zugänglich und sehr zuverlässig zu speichern. Damit werden diese Information außerdem mobil erhältlich. Das kommt auch Geschäftsprozessen entgegen. Wenn man an komplizierten Verträgen arbeitet, ist es schwer, jeweils alle auf dem neuesten Stand zu halten. Die Versionskontrolle ist mit Cloud Computing erheblich einfacher. Es ist unser Ziel, mehr Instrumente zu entwickeln, die den Menschen in diesem Bereich helfen.

Wie ist Ihre Haltung zum Thema Suchmaschinenoptimierung?

Wir unterteilen Suchmaschinenoptimierung in zwei Bereiche. Es gibt White-Hat- und Black-Hat-Aktivitäten. White-Hat-Aktivitäten helfen, die eigene Seite besser zu strukturieren. Und das hilft Google, die Seite leichter zu verstehen. Dazu gehören zum Beispiel Titel für jede Seite oder eine natürliche Linkstruktur, der die Nutzer leicht folgen können. Das sind Dinge, mit denen wir einverstanden sind. Aber es gibt auch Versuche, Suchmaschinen auszutricksen. Zum Beispiel Cloaking. Dabei versucht der Besitzer einer Internet-Seite dem Google-Suchroboter andere Informationen zu geben, als den Nutzern. Das können wir nicht hinnehmen, denn es schädigt das Nutzererlebnis. Wir unternehmen immer wieder zufällige Prüfungen um das zu verhindern und zu sanktionieren.

Schauen wir voraus: Wie sieht die Suche der Zukunft aus?

Es gibt alle möglichen Dimensionen, in denen sich Suche in den kommenden Jahren und Jahrzehnten verändern kann. Die eine ist die Art der Suche: Kann man von seinem Telefon aus suchen oder vom Auto aus? Kann man dort eine Frage eintippen - oder einsprechen? Jeden Tag gibt es mehr Suchen, die ich nicht eingebe, als die, die ich durchführe. Nun arbeite ich für Google in diesem Bereich und bin logischerweise ein Such-Junkie. An einem Wochenende war ich bei Verwandten in Nebraska. Und ich habe ganz bewusst alle Suchen festgehalten, die ich gerne gemacht hätte - aber gerade nicht durchführen konnte. Ich war überrascht, wie viele es waren. Zum Beispiel, weil ich gerade keinen Zugang hatte. Aber auch, weil es keine Bilderkennung gibt. Die Frage: "Hey, was ist das für ein Vogel da drüben?" ist eine Suche. Wir haben aber nicht die Möglichkeit, ein Foto des Vogels zu machen, dass dann automatisch erkannt wird. Das gleiche betrifft Musik. Es gibt Dienste, die das ordentlich lösen. Aber Musikerkennung ist ein hartes Geschäft. Ich glaube, die Menschen können erst zehn bis 20 Prozent aller Suchen, die sie gerne machen, tatsächlich umsetzen. Ich glaube auch, dass mehr Medien in den Suchergebnissen wichtig sind. Deshalb haben wir Nachrichten, Videos und Bilder integriert. Denn manchmal ist ein Video ein besseres Suchergebnis als ein Text. Vor einigen Jahren war ich mal im Winter in einem Hotel in South Dakota. Und dort im Aufzug hing eine Beschreibung, wie man einen Schneemann macht. Es war eine der schlechtesten Anleitungen, die ich je gesehen habe. Ich komme aus Wisconsin, bin also Schnee gewöhnt, deshalb weiß ich, wie das geht. Aber jemand, der noch nie einen Schneemann gebaut hat, hätte es daraus nicht erfahren. Hilfreicher wäre da ein Video, wie man einen Schneemann baut. Oder eines, wie ich einen Truthahn fülle. Oder eine Fliege binde. Der letzte Aspekt ist die Personalisierung und Sozialisierung von Suchresultaten. Wir glauben: Unsere Ergebnisse sind besser, wenn wir ein wenig mehr über unsere Nutzer wissen. Selbst Kleinigkeiten helfen. Wenn wir wissen, dass der Suchende ein Reisender in Paris ist, verändern sich seine Ansprüche an die Suche nach einem Restaurant. Die Ergebnisse sollten anders sein als am Vortag in San Francisco. Das ist ein Element der Personalisierung. Aber auch das Wissen, was man vorher gesucht hat. Und schließlich gibt es noch das persönliche soziale Netz. Soziale Suche passiert ständig. Wenn man einen Einheimischen in Paris nach einem Restaurant fragt, dann ist das soziale Suche. Menschen, die einen kennen, empfehlen aber eher Restaurants, die zu einem passen.

Passiert das nicht in Social Networks wie Facebook?

Facebook kann ein Element sein. Aber wie soll man dort aktiv suchen? Eine Frage auf der Pinnwand des Profils eingeben? Es ist noch nicht einfach genug.

Andersherum gedacht: Wird Google noch einmal aktiver im Aufbau eines eigenen Social Networks?

Wir haben ja ein paar Elemente, die einem Social Network ähnlich sind im Rahmen von Gmail. Wenn die virtuelle Welt der physischen folgt, dann ereignet sich diese soziale Suche im Rahmen von Kommunikation. Es wird ein Weg entstehen, diese soziale Suche online zu machen - die Frage ist aber noch immer wie. Vielleicht ist es auch gar nicht eine Frage des persönlichen Kontakts sondern von Suchalgorhythmen, die Empfehlungen von Menschen vorschlagen, die dem Suchenden ähnlich sind.

Wo sehen Sie in diesem Zusammenhang Dienste wie Twitter?

Suche über Twitter ist sehr interessant, wenn man sich Trends ansieht, wie das Erdbeben in Los Angeles oder die Anschläge in Bombay. Aber das, worüber die Menschen twittern, ist auch oft das, was sie bei uns suchen. Wir können sehen, wo es ein Erdbeben gibt anhand einer Spitze bei den eingegebenen Suchbegriffen in einer Region. Und diese Spitzen liegen vor den Meldungen, die dann später auf unserer News-Seite zu sehen sind.

Zum Abschluss eine philosophische Frage. Überall auf der Welt fragen sich Eltern, ob sie ihre Kinder tatsächlich im Web surfen lassen sollen. Wie lässt sich nach Ihrer Meinung der Nachwuchs an das Thema Online heranführen?

Es ist unheimlich wichtig, Kindern Technik verfügbar zu machen. Aber es ist auch wichtig, dass Eltern bewusst ist, worauf Kinder treffen können. Und dass sie entscheiden, welchen Dingen sie ihre Kinder aussetzen. Nur so können sie Aktivitäten und Inhalte erklären und einordnen. Es gibt eine Menge Social Networks für Kinder, die wirklich gut sind in Sachen Authentifizierung.

Manchmal aber übertreiben wir es auch mit dem Schutz. Kinder wissen viel mehr über den Umgang mit dem Internet, als wir denken. Wer mit Technik aufwächst, dessen Kopf arbeitet anders. Es gibt eine Studie über Kinder und Handys, die feststellte, dass wenn man einem Fünfjährigen ein Handy gibt, sie schnell verstehen, dass dort eine Kamera enthalten ist. Und anscheinend machen sie dann Fotos von Worten, die sie nicht kennen oder aussprechen können. Und dann fragen sie die Erwachsenen, was das heißt, in dem sie das Bild des Wortes zeigen. Früher Zugang zu Technik verändert den Umgang der Kinder mit ihnen. Und das ist sehr kraftvoll. Aber es muss verantwortungsvoll passieren und die Eltern selbst müssen viel Wissen darüber haben, was ihre Kinder tun. Doch die Chancen, die Technik Kindern bietet, werden oft übersehen in der Debatte darüber, was es an Schädlichem gibt

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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