Spitzelskandal bei der Deutschen Telekom
Telekom: Zwei Herren und ihr Tribunal

Klaus Zumwinkel und Kai-Uwe Ricke haben früher von der illegalen Spitzelei bei der Telekom gewusst, als sie zugeben. Das ergibt sich aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft. Deren 7 500 Seiten liegen dem Handelsblatt vor. Beide werden von einem prominenten Zeugen belastet.

DÜSSELDORF. Es ist kurz vor 14 Uhr an jenem Oktobertag im Jahr 2005, als Wilhelm Wegner eine überraschende Begegnung hat. Der Verdi-Mann und Aufsichtsrat der Deutschen Telekom steht an diesem Montagnachmittag vor dem Aufzug im Foyer der Deutschen Post AG in Bonn. Deren Chef Klaus Zumwinkel hat Wegner herbestellt, Zumwinkel ist zugleich auch Aufsichtsratsvorsitzender der Telekom. Wegner erwartet ein Vieraugengespräch.

Doch dann trifft er vor dem Aufzug Kai-Uwe Ricke. Was der Telekom-Chef denn hier mache, fragt Wegner. Man habe wohl den gleichen Termin, antwortet Ricke nur.

Oben im 42. Stock redet Klaus Zumwinkel dann Tacheles. Einen Stapel Akten hat er vor sich auf dem Tisch platziert, er ist gut vorbereitet, scheint die Kulisse zu suggerieren. Zumwinkel sagt Wegner auf den Kopf zu, er halte ihn für eine undichte Stelle - Wegner habe Vertrauliches aus dem Aufsichtsrat der Telekom an einen Journalisten weitergegeben. Der Beweis: Ihm liege die eidesstattliche Versicherung eines Mitarbeiters des Wirtschaftsmagazins "Capital" vor, dass Wegner der Informant sei. Zu sehen bekommt Wegner das Papier nicht.

Wegner fühlt sich überfahren, verteidigt sich nur halbherzig, der Ton der Unterhaltung wird schroff. Was Wegner wundert: Ricke sagt während des 15 Minuten dauernden Gesprächs kein Wort. Als wisse der Vorstandsvorsitzende gar nicht, worum es hier gehe, als sei er selbst überrascht worden von Zumwinkels Vorstoß, von dem, was Wegner hier aufgetischt wird.

Der Eindruck täuscht offenbar gewaltig. Fast vier Jahre nach dem Gespräch und ein Jahr, nachdem die Staatsanwaltschaft Bonn die Vorgänge von damals durchleuchtet, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Demnach wusste Kai-Uwe Ricke schon früher über das Ausspionieren von Journalisten und Aufsichtsräten durch die Telekom und über die Methoden dabei, als er gegenüber Wegner zu erkennen gab - und als er bis heute zugibt. Gleiches gilt auch für Klaus Zumwinkel. Beide werden von einem prominenten Zeugen belastet. Das ergibt sich aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft. Deren 7500 Seiten liegen dem Handelsblatt vor.

Wilhelm Wegner kommt es bei dem Gespräch mit Ricke und Zumwinkel Ende Oktober 2005 nicht in den Sinn, nach weiteren Beweisen zu fragen, die ihn enttarnen sollen. Doch es gibt sie, es sind Verbindungsdaten von Wegners Mobiltelefon, und sie sind illegal beschafft und ausgewertet worden. Mehr Indizien denn je sprechen dafür, dass dies Zumwinkel und Ricke bewusst gewesen sein muss, als sie Wegner konfrontierten. Bisher bestreiten beide, von den illegalen Spitzeleien gewusst, sie in Auftrag gegeben oder gebilligt zu haben.

Das Dreiergespräch am 31. Oktober 2005 war der erste Höhepunkt im Spitzelskandal bei der Telekom. Es war von langer Hand vorbereitet. Und der Mann, den Zumwinkel um juristischen Rat fragte, wie er mit Wegner umgehen solle, scheint nun ein Hauptbelastungszeuge gegen den Ex-Post-Chef und Ex-Konzernchef Ricke zu sein.

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