Spott im Internet
Medienbranche startet Mut-Mach-Kampagne

Sandra Maischberger sagt, makellos schön wie immer: „Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen.“ Der Berufslästerer Harald Schmidt verspricht „Dir wachsen Flügel“. Ulrich Wickert gibt mal wieder den Seriösen: „Mag sein, du stehst mit dem Rücken zur Wand“, „oder mit dem Gesicht vor einer Mauer“, ergänzt eine namenlose Klofrau. „Aber einmal haben wir schon eine Mauer eingerissen“, vollendet Marcel Reich-Ranicki (intellektuell mit Bücherregal im Hintergrund).

DÜSSELDORF. 40 Prominente verkünden seit Montag auf allen privaten und öffentlich-rechtlichen Kanälen in einem zweiminütigen Werbespot die Botschaft der größten nichtkommerziellen Werbekampagne in der deutschen Geschichte. Zwar hat der TV-Spot bereits am ersten Tag 17 Millionen Zuschauer erreicht, und in der ersten Stunde nach der Ausstrahlung loggten sich eine Million Bundesbürger auf die Internetseite der Aktion ein. Ob die Initiatoren, 24 Vorstandsvorsitzende und Geschäftsführer führender deutscher Medienunternehmen, ihr Ziel erreichen werden, das Land aus seiner miesen Hartz-IV- und Geiz-ist-Geil-Stimmung herauszubringen, weiß gleichwohl noch niemand.

Tüchtig Wellen geschlagen hat die emotionale Botschaft der Werbeagenturen Jung von Matt und Kempertrautmann, die wie die 30 mitmachenden Promis aufs Honorar verzichten, nämlich auch auf anderen einschlägigen Internetportalen. Und die stimmen eher skeptisch.

So hat das Berliner Internetportal Spreeblick seine Gegenkampagne schon vor Wochen gestartet. „Ihr, nicht ich“ lautet die Gegenthese von Spreeblick-Johnny zum „Du Bist Deutschland“-Slogan der Saubermänner und -frauen der Nation, von Wer-wird-Millionär-Spielleiter Günther Jauch bis Nachrichtenfrau Anne Will. Sehr ernst wird auf etlichen Webseiten, etwa bei Anhängern der Sozialdemokratie, gefragt, was denn sechs Millionen Arbeitslose von der beim Ex-US-Präsidenten John F. Kennedy ausgeliehenen Aufforderung halten sollen: „Frage nicht, was die anderen für dich tun können. Du bist die anderen. Du bist Deutschland.“ „Was mir da auffällt ist, dass fast alle in dem Spot Millionäre sind. Als Millionär ist es einfach, positiv zu denken und dieses auch kundzutun,“ meint einer für viele.

Etwas weniger ernst haben etliche Schreiber entdeckt, dass das Logo der Kampagne, eine dreifach gewundene schwarz-rot-goldene Schlange, eigentlich wie ein Hundehaufen aussieht. Ein Kreativer hat sich davon zu einem Gegenentwurf zur Plakataktion (Schaltvolumen eine Million Euro) inspirieren lassen. Einen nacktbäuchigen Arbeitslosen lässt er sagen; „Wir haben Deine Stimme, wir haben Dein Geld, wir haben Deine Zukunft, was brauchen wir Dich. Du bist scheißegal.“

Nicht minder drastisch führt ein anderer unter www.flickr.com/groups/dubistdeutschland Deutsche-Bank-Chef Ackermann mit seinem Victory-Zeichen als Beleg dafür an, dass hier zu Lande nur die Dreisten es zu hohen Millionen-Jahresgehältern bringen.

Du bist Deutschland? Nein, sagt Spreeblick-Johnny Häusler, Kreativleiter beim Spreeblick-Verlag. Die ganze Kampagne rieche doch sehr nach Abschieben von politischer Verantwortung. Fast tut es ihm Leid, dass seine Aktion so große Resonanz hat. Das werde noch zu einer echten Promotion für die Kampagne. Das sieht Mitinitiator Michael Trautmann von Kempertrautmann ähnlich. „Mit dem negativen Feed-Back bei den Weblogs haben wir gerechnet. Die sind immer destruktiv“, sagt er und verweist auf überaus positiv ausgegangene Umfragen verschiedener Sender. Die Kampagne wolle auch nichts beschönigen. Aber auch Arbeitslose könnten ihren Beitrag leisten, wehrt er sich. Tatsächlich kommt in dem Werbespot ja ganz zu Anfang auch der Satz vor: „Die Zeit schmeckt nicht nach Zuckerwatte.“ Eben.

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