Staat gegen Start-up Russlands wirkungslose Blockade der Chat-App Telegram

Der Messenger-Dienst Telegram ist in Russland gesperrt worden, weil er seine Nachrichten verschlüsselt. Russen sollen wieder auf ICQ umsteigen, rät der Kreml.
Update: 17.04.2018 - 13:23 Uhr 1 Kommentar
Russland: Chat-App Telegram nach Gerichtsentscheidung blockiert Quelle: AP
Webseite von Telegram

Telekommunikationsanbieter wurden angewiesen, den Messenger-Dienst in Russland zu blockieren.

(Foto: AP)

MoskauGerman Gref schweigt. Jedenfalls bei Telegram. Pflichtbewusst hat der Sberbank-Chef den Bot der Staatsbank beim Messenger-Dienst gelöscht. Die Sberbank beantwortet über die App keine Anfragen der Klienten nach Wechselkursen und Filialen mehr.

Am Freitag hatte ein Gericht auf Drängen der Aufsichtsbehörde Roskomnadsor entschieden, die Funktionen von Telegram zu blockieren. Der Kreml hatte Beamte und Staatsunternehmen danach unmissverständlich dazu aufgefordert, den Service abzuschalten. „Mir scheint, dass es für alle Staatsdiener sinnvoll ist, auf andere Ressourcen umzusteigen, die mit den staatlichen Organen kooperieren“, sagte der Präsidentenberater für das Internet German Klimenko.

Der Kreml wird seine Pressekonferenzen und Verlautbarungen künftig online auch ohne Telegram-Unterstützung abhalten und rät zum Umstieg auf den „Veteranen“ der Messenger-Dienste ICQ; 1996 in Israel gegründet und seit 2010 im Besitz der russischen Mail.ru-Gruppe um den kremlnahen Oligarchen Alischer Usmanow.

„ICQ ist das Symbol des Ru-Nets in den Nullerjahren. Die Versuche einer Wiederbelebung ist das Freud’sche Streben des IT’lers dorthin zurückzukehren, woher er gekommen ist“, lästerte daraufhin einer der russischen Internetpioniere, Alexander Amsin.

Leider werden die Empfehlungen aus dem Kreml bislang nur bei Beamten ernstgenommen – und auch dort nur halb. Offiziell sind zwar die Läden dicht, doch der Ministerialbeamte Boris beispielsweise chattet weiter per Telegram. „Ich gehe jetzt über den Proxy-Server“, schreibt er. Ein klassisches Umgehungsmanöver.

Seit einem Jahr streiten die Behörden mit Telegram-Gründer Pawel Durow. Der Geheimdienst FSB fordert die Schlüssel zur Dechiffrierung geheimer Unterhaltungen. Durow weigert sich mit Verweis auf das verfassungsrechtlich abgesicherte Recht auf Privatsphäre und die technische Unmöglichkeit einer solchen Schlüsselübergabe. Die Codes würden auf jedem Gerät selbst generiert, schrieb er.

Weil Durow nicht kleinbeigeben will ist der Kampf mit den russischen Behörden inzwischen in einen technologischen Machtkampf eskaliert. So hat Roskomnadsor-Chef Alexander Scharow mitgeteilt, seine Behörde fordere von App Store und Google Play, Telegram aus dem Angebot zu löschen, so dass Nutzer in Russland das Programm künftig nicht mehr auf ihr Telefon herunterladen können.

Auch gegen die aktiven Nutzer geht Roskomnadsor hart vor und hat inzwischen laut Scharow 1,8 Millionen IP-Adressen des Cloud Computing Anbieters Amazon Web Service (AWS) gesperrt, um die Blockade von Telegram durchzusetzen und Umgehungswege abzuriegeln.

AWS, das Tochterunternehmen des Onlinehändlers Amazon, bietet Rechenleistungen und virtuelle Server und Datenbanken an, auf die wiederum andere Internetdienstleister zurückgreifen. Der Messengerdienst Telegram ist nur einer davon.

Auch bei Google wurden eine Million IP-Adressen zur Telegram-Blockade gesperrt. Um die Mittagszeit am Dienstag waren insgesamt bereits über vier Millionen IP-Adressen auf der Schwarzen Liste der Netzaufseher gelandet.

Das Problem: Durch diesen Angriff auf breiter Front geraten auch völlig „unschuldige“ Seiten, die dort gehostet sind, ins Schussfeld der Behörden. Der Telegram-Konkurrent und Messenger-Dienst Viber beispielsweise klagte über Ausfälle. Selbst einige russische Online-Zeitungen waren zeitweise nicht erreichbar.

Daneben geht die Behörde gegen Anbieter von Proxy-Servern vor: Der Chef des Softwareunternehmens Vee Security Alexander Litrejew bekam bereits am Montag einen Brief von Roskomnadsor, in der das Amt die Schließung des Proxy-Servers @VeeSecurity fordert – mit der Begründung, dass die Seite „Aufrufe zu Massenunruhen, extremistischer Betätigung und Massenveranstaltungen mit Störung der öffentlichen Ordnung“ aufrufe. Rechtlich kann die Behörde nur schwerlich gegen Litrejews Unternehmen vorgehen: es ist in Estland registriert.

Und auch Telegram lässt sich mit der Brechstange nicht klein kriegen. Zwar warnte Firmengründer Pawel Durow Nutzer: „Ohne VPN-Verbindung kann der Service instabil arbeiten“, doch erreichbar ist das Netzwerk trotz gelegentlicher Ausfälle immer noch. Vor allen Dingen, weil viele der 15 Millionen Nutzer inzwischen tatsächlich auf eine VPN- oder Proxy-Verbindung umgestiegen sind.

Damit scheint Roskomnadsor von vornherein auf verlorenem Posten. Die Behörde kann sich nur entweder blamieren, indem sie sich unfähig zeigt, den ungehorsamen Durow und seinen Telegram-Kanal auszuschalten, oder sie begibt sich auf die Spuren iranischer Vorgänger und verhängt eine Totalkontrolle über das Internet – in Teheran hat übrigens auch das nicht gegen die Verbreitung von Telegram geholfen.

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1 Kommentar zu "Staat gegen Start-up: Russlands wirkungslose Blockade der Chat-App Telegram"

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  • Russland setzt angeblich Trolle für Desinformation und Fake-News. Mittlerweile glaube ich dass solche Zustände auch bei westliche Medien angekommen ist und hier gezielt Trolle für Russland Bashing eingesetzt werden neben der ganzen US Propaganda die als offizielle Nachrichten verbreitet werden.

    Toll, unsere westliche Presse. Und für so ein Müll soll ich auch noch zahlen ?

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