Start-up aus Berlin Spryker erhält 22 Millionen Dollar frisches Kapital

Das Start-up Spryker hat die nächste Finanzierungsrunde abgeschlossen. Der Anbieter von E-Commerce-Systemen will es nun mit den Großen aufnehmen.
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Die Gründer Boris Lokschin, Fabian Wesner und Alexander Graf (v.l.n.r.) können sich über eine Millionen-Finanzspritze freuen. Quelle: Saskia Uppenkamp
Start-up Spryker

Die Gründer Boris Lokschin, Fabian Wesner und Alexander Graf (v.l.n.r.) können sich über eine Millionen-Finanzspritze freuen.

(Foto: Saskia Uppenkamp )

DüsseldorfAuf dem Weg von der Arbeit machte das Auto eigentlich keine Probleme, trotzdem wartet auf der Mailbox zu Hause schon eine Nachricht der Werkstatt: Das Fahrzeug habe eine automatische Meldung abgesetzt, dass bald eine Wartung zu empfehlen sei, man möge sich doch bitte wegen einer Terminabsprache zurückmelden. So oder ähnlich könnte es schon bald laufen – dank der digitalen Vernetzung. Die Möglichkeiten sind quasi endlos: Ein Rasierer bestellt sich die Klingen selbst, die Waschmaschine ordert ihr Waschmittel und das Regal im Lager fordert automatisch Waren an, wenn ein Fach leer ist. IoT-Commerce, also der Handel durch vernetzte Geräte (IoT steht für „Internet of Things“, zu Deutsch: Internet der Dinge), ist ein Markt mit Zukunft.

Das wissen auch die Gründer des Berliner Start-ups Spryker. Der Anbieter von Softwarelösungen für E-Commerce hat den Abschluss einer Finanzierungsrunde über 22 Millionen US-Dollar bekanntgegeben – angeführt wird sie vom Londoner Investor One Peak Partners. Die bestehenden Kapitalgeber, darunter Project A, investierten erneut. Mit dem Geld will das Start-up die internationale Ausrichtung weiter vorantreiben und es mit den ganz Großen der Branche aufnehmen.

Der Handel durch vernetzte Geräte soll dabei der entscheidende Wachstumsbeschleuniger sein, sagt Spryker-Mitgründer Alexander Graf gegenüber dem Handelsblatt: „Viele der Sensoren, die das ermöglichen, sind erst in den letzten Jahren entwickelt worden, und viele Anbieter hatten die Chancen gar nicht auf dem Schirm.“

Spryker habe bereits früh damit experimentiert, nun könnten Unternehmen quasi jedes vernetzte Gerät in ihren Webshop integrieren, erklärt Graf: „Das ist ein Riesenmarkt, insbesondere in B2B Geschäftsmodellen – und die zunehmende Beliebtheit von Smarthome wird das noch weiter vorantreiben.“

Die Zahlen geben Graf recht: 2018 sollen die Umsätze im Smarthome-Markt, also zum Beispiel mit steuerbaren Barometern, Home Entertainment oder smarten Haushaltsgeräten, bei rund 41 Milliarden Euro liegen, errechnete die Datenbank Statista. 2022 sollen sie sogar über eine Billion Euro steigen. Laut Statista zeigen sich immerhin 39 Prozent aller deutschen Haushalte dem Thema Smarthome gegenüber aufgeschlossen. Und je mehr Geräte, desto mehr mögliche Kontaktpunkte zum Handel.

Das Potenzial von IoT-Commerce erkannte dann auch der Londoner Investor One Peak Partners: Die anhaltende Digitalisierung aller Branchen verlange nach technischen Lösungen, die dazu in der Lage seien, mit Amazon und dergleichen mitzuhalten, heißt es dort. Man sei von Sprykers IoT-Commerce-Anwendungen begeistert, jubelt der Investor.

Spryker wurde 2014 gegründet – Graf und seine Mitstreiter erkannten eine Marktlücke: „Es gab eigentlich nur Anbieter, die nicht mehr als einen digitalen Warenkorb ermöglichten und keinerlei Nutzung anderer Schnittstellen oder das gezielte Auswerten von Daten“, erklärt Graf. Spryker setze nicht nur auf das klassische Onlineshopping via Desktop, sondern auch auf Schnittstellen wie eben vernetzte Geräte, Mobile oder Sprach-Assistenten, die dank der zunehmenden Popularität von Siri und Co. auch für Händler immer wichtiger werden: „Wer mit seinem eigenen Shop gegen Giganten wie Amazon bestehen will, der muss schnell reagieren und Kunden personalisiert ansprechen“, sagt Graf. Die Software von Spryker erlaube das.

Mächtige Konkurrenz

Die Erwartungen der Nutzer seien deutlich gestiegen, bestätigt auch Thomas Kühn, Leiter der digitalen Geschäftsentwicklung beim Großhändler Lekkerland: „Früher war der Webshop im Wesentlichen eine digitale Version des Ordersatzes.“ Heute erwarten Geschäftskunden dieselben Features und Funktionen, die sie auch von Plattformen gewöhnt seien, auf denen sie privat einkaufen, bestätigt Kühn: „Beispielsweise Angaben zu Artikelverfügbarkeiten und voraussichtlichem Lieferzeitpunkt sowie Rechnungsinformationen.“

Zudem wachse die Nachfrage nach „Self-Services“: Die Kunden wollten beispielsweise ihre Reklamationen via Web aufgeben können, erklärt Kühn. „Während der Webshop früher einfach ein zusätzlicher Bestellkanal war, wird er heute zunehmend als ein Self-Service-Portal wahrgenommen.“ Diese Anforderungen muss ein Shopsystem bedienen. Spryker böte die Möglichkeit, die bestehende Shop-Plattform schrittweise um Features und Funktionalitäten zu erweitern, die für die Kunden relevant seien. Neben Lekkerland zählen der Werkzeughersteller Hilti, Bosch und die Modemarke Tom Tailor zu den Kunden des Berliner Start-ups.

Und die schätzen die modulare Bauweise der Software, meint Mitgründer Graf: „So lassen sich nach und nach Dinge ergänzen oder entfernen – je nach Bedarf.“ Das sei auch ein entscheidender Wettbewerbsvorteil: Microsoft oder IBM wollten zwar beispielsweise in das Geschäft mit vernetzten Geräten einsteigen, hätten aber eine feste Kundenbasis und müssten daher auf eine bestehende Software aufbauen. „Wir fügen einfach ein weiteres Element hinzu“, sagt Graf.

So langsam habe jedes Unternehmen begriffen, dass es Zeit zum Umdenken sei, meint Graf: „Selbst Spitzenunternehmen aus eigentlich analogen Branchen müssen sich zu Technologie-Unternehmen wandeln, um in Zukunft auch weiter vorne mitzuspielen.“ Doch wenn das alle tun, besteht am Ende nicht auch die Gefahr, dass Firmen ihre eigene Software entwickeln? Der Schweizer Online-Marktplatz Siroop wechselte zum Beispiel knapp drei Jahre nach dem Start mit Spryker auf ein eigenes Shopsystem. Für Mitgründer Graf ist das allerdings kein Anlass zur Besorgnis: „Wir fördern es sogar, dass Unternehmen ihre eigenen Systeme entwickeln. Manchmal stoßen wir erst den Prozess an, in dem sie sich über die Möglichkeiten der Digitalisierung Gedanken machen.“ Für andere Märkte oder Geschäftsbereiche böte sich dann aber doch die Spryker-Software an, ist Graf überzeugt.

Auf neue Märkte wollen sich Graf und seine Mitgründer mit den eingenommen Millionen fokussieren – zum Beispiel die Benelux-Staaten, Frankreich oder Großbritannien. Und obwohl die Nachfrage in den USA da ist, traut sich Graf den Sprung über den Atlantik noch nicht zu: „Die USA sind noch mal eine andere Hausnummer, damit warten wir noch. Jetzt geht es uns erst einmal darum, europäischer Marktführer zu werden. Wir wollen kein mittelständisches Softwarehaus sein“, sagt Graf. Das nötige Geld für die ambitionierten Pläne ist jetzt ja da.

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