Bisher war das Audiobook-Geschäft eine einzige Erfolgsgeschichte. Nach fetten Jahren scheint der Boom im Geschäft mit Hörbüchern und Hörspielen nun aber vorbei zu sein. Seit Hörstoff auch bei Discountern zu haben ist, tobt ein Preiskampf. Um zu überleben, denken Verlagsmanager nun an Fusionen.
Eine Frau hört am Donnerstag (13.03.2008) auf der Leipziger Buchmesse ein Hörspiel. Eine durchschnittliche Hörbuch-Produktion kostet schnell ein paar Zehntausend Euro. Foto: dpa
KÖLN. Sie sind ganz Ohr. Der Motor Ihres Autos schnurrt. Der Regen peitscht gegen die Windschutzscheibe. Das Dunkel verwischt die weißen Streifen am Rande der Autobahn. Sie drehen den CD-Player lauter.
"Steigen Sie vier Stufen höher, und mein Knie ist auf gleicher Höhe wie Ihr Gesicht. Und glauben Sie nicht, ich hätte Hemmungen" - schneidend klingt Karoline Eichhorns Stimme, herrisch, furchtlos. Die Lage scheint bedrohlich: Am Fuß der Treppe der Eindringling und oben im Haus, im Kinderbettchen, liegt das Neugeborene. Eichhorn gestikuliert mit den Händen, sticht mit einem Bleistift Löcher in die Luft. Das verleiht ihrer Stimme noch mehr Nachdruck vor dem Mikrofon hier im Studio.
Christoph Pragua bremst sie: "Ein bisschen viel Dampf". Mehr Zurückhaltung mahnt der Regisseur an: "Damit noch Luft nach oben bleibt."
Luft - auf dem Markt für "Audiobooks", für Hörbücher und Hörspiele, wird sie immer dünner. Nachdem die Branche in den vergangenen Jahren ähnlich boomte wie Chinas Wirtschaft, schrumpfte das Umsatzwachstum im Jahr 2007 auf europäisches Maß - es erreichte kaum noch drei Prozent, hat Media Control GfK
International im Auftrag des Deutschen Buchhandels ermittelt.
Der Markt für literarischen Ohrenschmaus ist gereift, und das macht ihn für die - meist kleinen - Hörverlage immer schwieriger. Seit Hörstoff auch bei Discountern zu haben ist, tobt ein Preiskampf. Zudem wird im Internet immer fleißiger "getauscht". Anbieter geraten unter Druck. Immer mehr Verlagsmanager erwarten, dass ihre Branche vor den ersten Übernahmen steht.
Wer weiß? Vielleicht werden auf der Leipziger Buchmesse, die heute beginnt, schon erste zarte Bande für künftige Deals geknüpft.
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Die Wischer verschmieren die Lichter entgegenkommender Fahrzeuge. Im Augenwinkel huscht ein Schild vorbei: Lüdenscheid, 1 000 Meter.
Bisher war das Audiobook-Geschäft eine einzige Erfolgsgeschichte. "Wir haben von null einen nachhaltigen Markt geschaffen", sagt Claudia Baumhöver, Geschäftsführerin des Hörverlags. Der feiert in diesem Jahr sein 15-jähriges Bestehen und ist mit zuletzt 36 Millionen Euro Umsatz Marktführer (siehe: Lauschen).
Infografik: Lauschen statt Lesen - Akkustische Bestseller des Jahres 2007
Die Hörbuchszene ist quicklebendig. Ihr Motto: Wer nicht lesen will, darf hören. Auf dem Bücherfestival lit.Cologne verlieh sie am vergangenen Sonntag zum sechsten Mal den Deutschen Hörbuchpreis - dieses Mal an die Schauspieler Anna Thalbach und Peter Simonischek als beste Interpreten.
Aber ein wenig täuscht das Feiern auch über den Umbruch hinweg, in dem die Hörbranche steckt. Der Anteil der Audiobooks am gesamten Buchmarkt stieg 2007 nur leicht auf 4,8 Prozent. Man könne aber, räumt Claudia Baumhöver ein, nicht jedes Jahr einen Salto hinlegen. Die zehn größten Hörbuchverlage erwirtschafteten 2007 einen Umsatz von rund 166 Millionen Euro.
Dabei fällt es den Verlagen immer schwerer, ihren Markt zu kennen. Die Marktforscher von Media Control erfassen nur den Sortimentsbuchhandel, E-Commerce und Warenhäuser, nicht aber Tankstellen oder Mediamärkte. Gerade sie werden jedoch für den Vertrieb von Hörbarem immer wichtiger. Das Gleiche gilt für das Internet - Download und Versand machen inzwischen ein ordentliches Stück vom Kuchen aus.
Lüdenscheid??? Seit wann gibt es zwischen Köln und Dortmund eine Ausfahrt Lüdenscheid? Aaaarrrgggghhh! Dann noch ein Schrei. Aus den Lautsprechern. Ohrenbetäubend. Der Schreck fährt Ihnen in die Glieder. Besser, Sie nehmen den Fuß vom Gas.
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Ortstermin in einer Audio-Fabrik. Auf dem Produktionsprogramm: ein Hörspiel. "Au weia" schimpft Ludger Burmann mit Blick auf sein Manuskript in breitem westfälischem Akzent, "dat wird 'n Gekrakel."
Alles muss dem Fluss der Sprache entsprechen. Klingt es gestelzt, fliegt es raus. Sprecher und Regisseur feilen, entfernen Sätze, ganze Absätze gar, wenn es sein muss. Was gestrichen ist, kann beim Publikum nicht durchfallen. Regisseur Pragua beruhigt: "Ich hab? schon ganz andere kalligrafische Kunstwerke gesehen."
Beim WDR, im Schatten des Kölner Doms, produzieren Karoline Eichhorn, Ludger Burmann und Effi Rabsilber an diesem Tag ein Hörspiel der Thrillerautorin Petra Hammesfahr. Der Plot: Zwei Frauen kämpfen um ein Baby. Ein Mann vom Schlüsseldienst gerät zwischen die Fronten - ein "Alptraum", in dem sich die Frauenstimmen gern auch mal hysterisch überschlagen dürfen. "Ich liebe die Übertreibung", sagt Eichhorn, die einst den renommierten Grimme-Preis gewann.
Für Schauspieler gehört es inzwischen zum guten Ton, die Stimme in den Dienst der Literatur zu stellen. Bei Tagesgagen von 700 bis 1 000 Euro für Stimmenstars wie Rufus Beck ("Harry Potter") gibt Geld dabei sicher auch, aber nicht allein den Ausschlag. Günther Lamprecht etwa soll das Sprechen vor dem Mikrofon als eine Art "Sprach-Tüv" schätzen, bei dem der Schauspieler von Zeit zu Zeit seinen Ausdruck schärft.
Halswirbel knacken. Das letzte Gurgeln eines Ertrinkenden. Eine Motorsäge jault. Der Tod hat viele Klänge.
Rund 20 000 Audiobooks sind lieferbar. Alljährlich kommen an die 2 000 neue hinzu. Den Händlern macht die Titelflut zu schaffen. Bisweilen können die Verlage nur noch ein Drittel des Programms im Sortiment platzieren - ebenjene CDs, die das Potenzial zum Bestseller haben.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: "Rund 13 Prozent unseres Programms ziehen den Rest mit durch"
Neben der Story sind die ausschlaggebenden Kriterien zum Kauf eines Hörspiels oder Hörbuchs laut Marktforschung eine gute Klangqualität, sympathische Sprecherstimmen - und ein guter Preis.
Auf dem Hörmarkt geht es immer rauer zu. Denn hier gilt die Buchpreisbindung nicht, Händler können die empfohlenen Preise unterbieten. So sank der Durchschnittspreis einer Audio-CD 2007 gegenüber dem Vorjahr um zwölf Prozent auf 13,60 Euro. Zugleich stiegen die Preise für Lizenzen und Produktion.
An die 200 Verlage kämpfen um das Publikum; hinzu kommen bis zu 300 Kleinst- und "Küchenlabels".
Der Druck ist groß. Eine durchschnittliche Produktion kostet schnell ein paar Zehntausend Euro, aufwendige Inszenierungen wie das Fantasy-Abenteuer "Otherland" von Tad Williams oder Karl Mays "Orient-Zyklus", die oft Kooperationen zwischen Verlagen und den Rundfunkanstalten sind, verschlingen schnell einige Hunderttausend Euro.
Wie im Buchgeschäft leben die Hörverlage von Bestsellern: "Rund 13 Prozent unseres Programms ziehen den Rest mit durch", sagt Hörverlag-Chefin Baumhöver. Ihr fehlte 2007 ein Knaller, der Umsatz stagnierte. Der des kleinen Konkurrenten Tacheles/Roof Music stieg dagegen um 300 Prozent - dank Hape Kerkeling. Dessen Bestseller-Buch "Ich bin dann mal weg" verkaufte sich auch als Silberling bestens.
Die Innenbeleuchtung im Wagen killt die Schwärze der Nacht. Ist er nun tot oder doch nicht? Und wenn ja, wer war's? Es wäre vielleicht sicherer, kurz mal anzuhalten.
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Bleiben Megaseller aus, kann es für kleine Verlage rasch eng werden. "Die Spreu wird sich vom Weizen trennen", sagt Peter Bosnic, kaufmännischer Verlagsleiter bei Steinbach Sprechende Bücher. "Viele Buchverlage, die das Hörbuch zusätzlich aufgesetzt haben, werden wieder Abstand davon nehmen. Sie haben gedacht, das kann man mal so mitmachen." Nun sähen sie ein, dass der Markt nicht mehr so einfach sei.
"Mittelständische Hörbuchverlage werden es zunehmend schwerer haben, sowohl Textrechte zu generieren als auch die Titel an allen relevanten Verkaufsstellen zu positionieren", sagt auch Ines Wallraf, stellvertretende Verlagsleiterin bei Random House. Mittelfristig, prognostizieren Manager, werde wohl nur noch ein Dutzend Anbieter das Hörbusiness bestimmen.
Wer sich durchsetzen will, muss das Internet als Vertriebsweg nutzen. Abgesehen von Zehntausenden illegalen Mitschnitten und Kopien, die dort kursieren, loaden die Hörer down, was das Zeug hält - im vergangenen Jahr 1,1 Millionen Audiobooks. "Das Download-Segment macht inzwischen rund zehn Prozent des gesamten Hörbuch-Markts in Deutschland aus", sagt Arik Meyer, Geschäftsführer der Plattform Audible.de.![]()
Die Firma wurde 2004 von Audible
Inc., Random House, der Verlagsgruppe Lübbe und Holtzbrinck Ventures (die GmbH gehört zur Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der auch das "Handelsblatt" gehört) gegründet. Heute bietet sie ihren 350 000 Kunden 25 000 Titel - davon 7 000 deutsche Hörbücher - an. Vorteil für die Kunden: Downloaden ist ein Drittel billiger als herkömmliche CDs.
Audible
Der Regen lässt nach. Der Schrei ist verklungen. Und mit ihm der Schreck. Wer hört, der fühlt. Sie geben wieder Gas und wechseln auf die linke Spur.
Lesen Sie weiter auf Seite 6: "Das ist ja wirklich zum Schreeeeiiiieeeeen!"
Die Haupthörergruppe von Audioliteratur sind die 30- bis 49-Jährigen, Männer ebenso wie Frauen. Das haben die Marktforscher der Düsseldorfer Innofact AG ermittelt. Über 40 Prozent lauschen im Auto, jeder Dritte im Zug, zehn Prozent treiben beim Hörbuchlauschen Sport. Vor allem Krimis haben es den Hörern angetan, so mancher von ihnen verkauft sich auf CD mehr als 10 000-mal. Die ganz Großen im Krimibusiness machen nun auch mit: Seit Januar gibt es einmal pro Monat den "Radio-Tatort".
"Eine spannende Sache", sagt Karoline Eichhorn. Die 42-Jährige spielt die Kripo-Assistentin Nina Brändle, klug, redegewandt und schwäbelnd bis zur Schmerzgrenze. Im Sommer erscheint eine CD-Edition der Produktionen - ob sie das Zeug zum Kult haben wie die Fernsehoriginale?
"Text und Akustik müssen konsequent zusammenwirken", sagt Wolfgang Schiffer. Dann entsteht das, was der WDR-Hörspiel-Chef etwas sperrig eine sinnliche Erfahrung nennt, "bei der das Gehörte nachhaltig eigene Vorstellungen evoziert". Magie für die Ohren. Aufwendig, mit viel Effekten produzierte Hörspiele und einfühlsam vorgetragene Literatur in der Tradition des Geschichtenerzählens stehen heute nebeneinander.
Und: Promis reichen nicht. "Vorsicht ist geboten, wenn allzu offensichtlich auf Schauspielerprominenz gesetzt wird", sagt Hörbuch-Kritiker Wolfgang Schneider. Vor allem sympathische Stimmen ziehen Käufer an.
Und: Nicht jede Stimme passt zu jedem Text. Das weiß auch Karoline Eichhorn. Einmal hat sie probiert, ein Hörbuch zu lesen, widerwillig. Doch: "Das Erzählerische liegt mir nicht", sagt sie. "Meine Stärke ist der Dialog."
Das zeigt sie im WDR-Studio. Ihre Halsschlagader schwillt an: "Das ist ja wirklich zum Schreeeeiiiieeeeen!"
Lüdenscheid. Sie haben sich total verfahren. Aaaaarrrgggghhhhh!

