Rund 13 Mrd. Dollar hat sich Vodafone-Chef Arun Sarin den Kauf des viertgrößten indischen Mobilfunkers Hutch Essar kosten lassen. Viel Geld, doch ist es nach Meinung von Branchenkennern gut angelegt. Denn das Milliardenvolk hat das Handy lieben gelernt. Der Markt wächst rasant. Nur wo steckt der deutsche Mobilfunkprimus T-Mobile?
LONDON/BARCELONA/DELHI. „Die Akquisition von Vodafone übt Druck auf T-Mobile aus, auch eine internationale M&A- Strategie zu formulieren“, sagt Martin Gutberlet von der Marktforschungsfirma Gartner. In Kreisen der Telekom-Tochter T-Mobile hieß es dazu lediglich, man sehe sich alle Übernahmechancen an.
Auch Analyst Pete Nuthall von der Beratungsfirma Frost & Sullivan rechnet damit, dass sich Anbieter wie T-Mobile und die France-Télécom-Tochter Orange nun um eine stärkere Präsenz auf Wachstumsmärkten bemühen. Das werde jedoch nicht leicht, weil es in vielen Schwellenländern regulatorische Hürden gebe oder in Frage kommende Mobilfunker in Staatsbesitz seien. Auch sei Vodafone den Konkurrenten hinsichtlich der Finanzkraft sowie der internationalen Erfahrung überlegen und könne schnell Entscheidungen fällen, sagt er. Die Übernahme in Indien verschaffe Vodafone auch in Europa Vorteile, so beim Einkauf von Mobiltelefonen.
Vodafone hatte am Sonntagabend den Sieg im Übernahmekampf um Hutch Essar verkündet. Für 67 Prozent an dem Unternehmen überweisen die Briten 11,1 Mrd. Dollar an die Hongkonger Hutchison-Gruppe und übernehmen 2 Mrd. Dollar Schulden. Für das restliche Drittel von Hutch Essar hat Vodafone dem indischen Industriekonzern Essar ein Angebot zu den gleichen Konditionen unterbreitet. „Wir hätten aber gerne, dass sie als Partner an Bord blieben“, sagte Sarin gestern in London. Indische Gesetze schreiben vor, dass ein ausländischer Konzern nicht mehr als 74 Prozent an einem indischen Mobilfunknetzbetreiber halten darf. Darum braucht Vodafone indische Teilhaber.
Von der bestehenden Beteiligung an dem indischen Mobilfunker Bharti will Vodafone gut die Hälfte abgeben. Die Briten haben Bharti eine Option für die Übernahme von 5,6 Prozent für 1,6 Mrd. Dollar eingeräumt – das entspricht dem Doppelten des Preises, zu dem Vodafone eingestiegen ist. Die restlichen 4,4 Prozent will Vodafone aber behalten. Sie sollen eine vereinbarte Kooperation beim Bau von Netzen untermauern, die bei der angepeilten Expansion von Hutch Essar rund eine Mrd. Pfund einsparen soll.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Indien ist das neue Dorado.
Vodafones Zukauf in Indien fand an der Börse Zustimmung. Der Aktienkurs stieg gestern um rund drei Prozent. Viele Analysten hatten befürchtet, dass das monatelange Ringen um Hutch Essar die Bewertung zu hoch treiben würde. Doch mit einem Unternehmenswert von 18,8 Mrd. Dollar blieb die Übernahme unter den von Analysten befürchteten 20 Mrd. Dollar. Robert Grindle von Dresdner Kleinwort zeigte sich zufrieden und erhöhte das Kursziel für Vodafone. Nur die Analysten der WestLB schreiben, Vodafone habe zu viel bezahlt.
Sarin kündigte an, dass Vodafone in Indien auch Breitband-Dienste im Festnetz anbieten werde. Es sei denkbar, dass auch andere westliche Mobilfunkfirmen auf den indischen Markt kämen, sagte er. Doch im Moment könne er nicht erkennen, dass einer von den anderen drei Anbietern auf der Suche nach einem Partner sei.
Indien ist das neue Dorado
Vodafone ist nach dem Kauf von Hutchison Essar die Nummer vier in Indien. Nur ein paar zehntausend Kunden trennen die Briten von Rang drei, den der Staatskonzern BSNL mit 17 Prozent Marktanteil hält. Vodafone will sich auf 20 bis 25 Prozent vorarbeiten. Analysten erwarten, dass der Weltmarktführer aggressiv auftritt. „Der Wettbewerb wird sich verschärfen, die Gebühren fallen weiter“, sagt Harit Shah von Angel Broking. Das dürfte ein Marktwachstum von weit über sechs Mill. neuen Kunden pro Monat stützen. Erst 13 Prozent der 1,1 Mrd. Inder telefonieren mobil.
Indiens Mobilfunkmarkt zählt zu den am härtesten umkämpften weltweit. Während China Ausländer auf Distanz hält und Konkurrenz auf wenige Staatsfirmen beschränkt, ringen in Indien zwei staatliche und zehn private Anbieter um Kunden. An vier sind Ausländer maßgeblich beteiligt. Die Schlacht um den Massenmarkt hat den Preis einer Gesprächsminute unter zwei Cent fallen lassen.
Marktführer Bharti Airtel gilt als gut gewappnet für den Wettbewerb mit dem bisherigen Partner Vodafone. Der Platzhirsch wächst schneller als Rivalen und hält 22 Prozent Marktanteil. Härter unter Druck gerät die Nummer zwei des Marktes, deren Aktie gestern 4,6 Prozent abrutschte. Reliance Communications will das Netz von der amerikanischen CDMA-Technik auf Europas GSM-Standard umstellen und muss für den Ausbau aus eigener Kraft drei bis vier Mrd. Dollar einsetzen. Mittelfristig könnte sich nun ein Trend zur Konsolidierung beschleunigen, den die Ratingagentur Fitch für „unausweichlich“ hält.

