Technologieregion Research Triangle Park Süßkartoffeln, Enten und Amazon

Atlanta, Boston, Denver – und Raleigh. Wenn Amazon bald verkündigt, wo das zweite Hauptquartier stehen soll, macht sich eine Region in North Carolina berechtigte Hoffnung. Die Geschichte einer ungeahnten Aufholjagd.
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An Platz mangelt es nicht: Der Research Triangle Park will Amazon mit modernen Gebäuden zum Wohnen und Arbeiten locken. Quelle: Research Triangle Park
Neues Zentrum im Research Triangle Park

An Platz mangelt es nicht: Der Research Triangle Park will Amazon mit modernen Gebäuden zum Wohnen und Arbeiten locken.

RaleighSchlanke Pinien säumen den Weg, alle paar Meilen blitzt die Oberfläche eines Sees hinter der Leitplanke auf. Wer gedankenverloren über die Interstate 40 fährt, der mag kaum glauben, dass einer der wertvollsten Konzerne der Welt im Grün hinter der Autobahn ein Hauptquartier bauen könnte. Die Gegend zwischen Raleigh, Durham und Chapel Hill, als Research Triangle bekannt, ist das Hinterland von North Carolina.

Dennoch rechnet sich Michael Pittman gute Chancen aus, wenn Amazon diese Woche die Entscheidung bekannt gibt. Der Online-Konzern sucht einen Standort für eine zweite Zentrale, „HQ2“ genannt. 50.000 Mitarbeiter soll sie fassen, wenn die geplanten fünf Milliarden Dollar verbaut sind. Es ist ein Projekt, das Bürgermeister, Wirtschaftsförderer und Immobilieninvestoren in ganz Nordamerika in Aufregung versetzt. 238 Städte bewerben sich.

Die Metropolen Toronto, Boston, Denver und Washington D.C. gelten als Favoriten. „Aber wir glauben, dass wir den besten Standort haben“, sagt Pittman, der als Marketingchef der Stiftung „The Research Triangle Park“ an der Bewerbung mitgeschrieben hat. Tatsächlich zählt die „New York Times“ die Region zu den zehn besten Kandidaten. Das weite Land hat dem einst armen Südstaat zu einem enormen Aufschwung verholfen – und könnte nun bei der Bewerbung von Vorteil sein. Der Versuch, sich gegen die namhafte Konkurrenz durchzusetzen, zeigt die Geschichte einer unwahrscheinlichen Aufholjagd.

Tabak, Baumwolle, Erdnüsse, darüber ziehen zwei Enten hinweg. Ob diese Postkarte ländliche Urlaubsidylle transportieren sollte oder kaum versteckten Spott, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. So oder so: Das Bild, überschrieben mit dem Satz „Greetings from North Carolina“, beinhaltete eine Menge Wahrheit. Denn in den 1950er Jahren gab es im Südosten der USA viel Landwirtschaft – und wenig mehr.

„North Carolina war der zweitärmste Staat der Nation“, sagt John Hardin. Die Präsentation mit der Postkarte leuchtet hinter ihm an der Wand, umrahmt von den Fahnen der USA und des Staates. Das einzige, was die Industrie herstellte, waren Möbel und Textilien, ein Großteil der Menschen schuftete für wenig Geld auf den Feldern oder in den Lagerhäusern.

An der Ausbildung lag es nicht. Es gab zwar gute Hochschulen, aber: „Die Absolventen mussten gehen, um Jobs zu finden“, sagt Hardin, der als Chef des Büros für Wissenschaft, Technologie und Innovation (OSTI) oberster Wirtschaftsförderer im Bundestaat ist. Die Tabakfabriken und Firmen hatten ihnen nicht viel zu bieten.

Um die Absolventen der Universitäten zu halten, beschlossen der Gouverneur und einige Geschäftsleute 1959, zwischen den Universitätsstädten Raleigh, Durham und Chapel Hill ein Gewerbegebiet aufzumachen. Sie schufen eine Stiftung, die billig 28 Quadratkilometer Land kaufte – der Boden war nicht besonders fruchtbar. Auf der Fläche einer Kleinstadt sollten die Unternehmen Fachkräfte finden, die Absolventen Arbeit.

In den ersten Jahren interessierte sich indes kaum jemand für den „Research Triangle Park“. Doch 1965 beschloss IBM, ein Bürogebäude zu beziehen – „Big Blue“, damals auf Expansion, gab ein Signal. Es folgten über die Jahre zahlreiche Vertreter des „Corporate America“. Cisco, Red Hat, Fidelity Investments, Glaxo Smith Kline. Dazu internationale Konzerne wie Credit Suisse, Lenovo und jüngst Infosys. Es war wie bei einer Party: Je mehr Leute zusammenstehen, desto mehr kommen dazu.

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