Telekom-Anleger fühlen sich getäuscht
Aufstand der Aktionäre

Wenn heute im Saal 165 C des Landgerichts Frankfurt am Main das Mammutverfahren gegen die Deutsche Telekom beginnt, wird Kleinaktionär Hans-Joachim Cronberger das sehr genau verfolgen. „Mein betagter Vater hat damals beim Börsengang die Mindeststückzahl gekauft. Er war als Soldat in Stalingrad und hat hinterher diesen Staat mit aufgebaut“, sagt Cronberger als Erbe des heute Verstorbenen. „Jetzt hat ihn derselbe Staat über den Tisch gezogen. Das ist Betrug.“

DÜSSELDORF. Absolut seriös sei ihnen die Anlage nach den vielen Fernsehspots vorgekommen, sogar die Bank hätte auf dem Kontoauszug für den Erwerb von Telekom-Aktien geworben. „Die Summe, die wir mit dem späteren Kursrutsch der Aktie verloren haben, ist für kleine Pensionäre kein Pappenstiel.“

Cronberger ist einer von rund 15 000 Anlegern, die gegen die Deutsche Telekom, den Staat und die Emissionsbanken wegen Prospektbetrugs Klage eingereicht haben. Mit 15 Regalmetern voller Klageschriften ist es der umfangreichste Prozess in der Geschichte der Bundesrepublik, obwohl aus Verjährungsgründen nur noch die Anleger zum Zug kommen, die bei der zweiten und dritten Tranche der Privatisierung gekauft haben. Richter Meinrad Wösthoff will jetzt für zehn Musterfälle klären, ob vorsätzlich oder fahrlässig falsche Angaben in den Prospekt geschrieben wurden. Die Grundstücke der Telekom waren angeblich um mehrere Milliarden Mark zu hoch bewertet. Ein Hinweis auf die damals 55 Mrd. Dollar teure Übernahme des US-Telekomkonzerns Voicestream hätte im Prospekt gefehlt.

Wer – so wie Cronbergers Vater – die Mindeststückzahl von 60 Aktien zeichnete, hat seit der Zuteilung im Jahr 2000 einen Kursrutsch von damals 63,50 Euro auf etwa zehn im Jahr 2003 hinnehmen müssen und dabei knapp dreitausend Euro verloren. Beträge bis zu mehreren Millionen Euro klagen Anleger jetzt ein. Zu klären sind neben inhaltlichen Fragen des Prospekts erst einmal formelle Dinge. Nach Auskunft von Rechtsanwalt Ralf Plück von der Wiesbadener Kanzlei Doerr, Kühn, Plück war der Klageansturm kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist so heftig, dass das Fax des Landgerichts die Papierflut nicht mehr bewältigen konnte. In der Not haben die Anwälte viele Klagen bei den nicht zuständigen Gerichten Bremen und Bayern eingereicht. Ob diese Klagen zugelassen werden, dürfte der Richter heute bekannt geben und auch, ob etwa 17 000 Aktionäre noch in das Verfahren aufgenommen werden, die bei der Schlichtungsstelle Öra in Hamburg vergeblich eine Lösung auf außergerichtlicher Ebene angestrebt haben. Die Telekom verneint eine aufschiebende Wirkung dieser Schlichtungsverfahren. Anlegerschützer sind dagegen überzeugt, dass hier noch keine Verjährung eingetreten ist.

Inhaltlich geht es in erster Linie um die Bewertung der Telekom- Grundstücke nach der Privatisierung. 35 000 Immobilien mussten die Experten der Telekom damals neu bewerten. Dabei wählten sie zur Vereinfachung ein „Cluster-Verfahren“: Sie bewerteten die Immobilien in Gruppen und nahmen sich nicht jedes Grundstück einzeln vor. Das aber verstößt nach Auskunft von Rechtsanwalt Klaus Rotter gegen das Handelsgesetzbuch. Die Hauruck-Methode führte zu einer drastischen Höherbewertung des Immobilienbestands. Statt vorher 23 Mrd. Mark lag er zum Börsengang bei 36 Mrd. Mark. Zu hoch bewertete Grundstücke führen bilanztechnisch später zu Abschreibungen, was die Gewinne schmälert. In der Tat hat die Telekom seit damals ihren Immobilienbestand wieder um 2,8 Mrd. Euro niedriger angesetzt.

Zweiter inhaltlicher Punkt ist der überteuerte Kauf der US-Tochter Voicestream für 55 Mrd. Dollar, den die Telekom nur wenige Wochen nach dem Börsengang 2000 bekannt gab. „Ein Kauf in dieser Größenordnung war damals mit Sicherheit schon längst in Vorbereitung. Anleger hätten davon erfahren müssen“, sagt Rechtsanwalt Plück.

Die Telekom verweigert bisher kategorisch, sich auf irgendeine Art von Kompromiss einzulassen. „Im Prospekt waren alle Informationen für die Bewertung des Unternehmens sowie der Aktie vollständig und richtig abgebildet“, verdeutlicht ein Unternehmenssprecher die Telekom-Position. Der Konzern dürfte dabei vor allem eine US-amerikanische Sammelklage im Auge haben. Dort klagen ehemalige Voicestream-Aktionäre, was den Konzern nach US-Recht mehrere Milliarden Dollar Schadensersatz kosten könnte. Dagegen nehmen sich die 100 Millionen Euro der deutschen Kläger wie ein Kleckerbetrag aus. Mehr ist hier nicht zu holen, für 95 Prozent der Aktionäre ist die Sache nach deutschem Recht verjährt.

Nach acht Jahren eine ganz normale Aktie

Berg-und-Tal-Fahrt: Keine andere Aktie symbolisiert das Börsenfieber in Deutschland so gut wie die der Deutschen Telekom. Und es gibt auch keinen zweiten Blue Chip im Deutschen Aktienindex (Dax), der besser den Boom und die anschließende Talfahrt widerspiegelt. Einem Kursgewinn von über 600 Prozent folgte der Absturz um über 90 Prozent.
Börsenfieber: Vor acht Jahren am 18. November 1996 für damals 28,50 DM (umgerechnet 14,57 Euro) an die Börse gekommen, löste die T-Aktie ein nie da gewesenes Börsenfieber aus. Dieses gipfelte in einem Delirium, dem sich kaum ein Anleger und Analyst entziehen konnte. Als die Telekom am 6. März 2000 ihr Allzeithoch von 103,90 Euro erreichte, empfahlen gut 90 Prozent der Investmenthäuser den Titel zum Kauf. Umgekehrt riet zweieinhalb Jahre später beim Kurs von 8,55 Euro kaum eine Bank, die Aktie zu erwerben. Lange hat es gedauert, bis Anleger, Analysten und Medien begriffen, dass die T-Aktie keine „Volksaktie“ ist und sich demzufolge auch nicht den üblichen Börsengesetzen entzieht. Inzwischen ist Normalität eingekehrt und die Telekom mit Kursen von knapp 16 Euro eine ganz normale Aktie geworden.
Im Blickpunkt: Nicht geändert hat sich die große Beachtung. Allein in den vergangenen vier Wochen setzten sich 25 Investmenthäuser mit dem Titel auseinander. 17 rieten zum Kauf, sieben zum Halten, und nur eine Bank riet zum Verkauf. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nur wenige Großbanken nicht daran verdient haben, als der Bund das Bonner Unternehmen in bislang drei Tranchen an die Börse brachte.

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